Interview

"Mut zur Vision"

Was bleibt von den Olympischen Sommerspielen? Wie viele Bürger Rio de Janeiros stellt sich auch David Stubbs diese Frage. Der britische Nachhaltigkeitsexperte über zu hohe Erwartungen an den diesjährigen Gastgeber, Ausdauer und erloschene Flammen 

Interview Tino Scholz

 

Herr Stubbs, in Brasilien heißt es, der Erfolg der Olympischen Spiele definiert sich nicht nur über den Sport, sondern vor allem über die Nachhaltigkeit. Wie erklären Sie sich diese Haltung?

Kurzfristig geht es natürlich um Sport und Medaillen. Aber wenn die Spiele vorbei sind, verblasst der Event schnell in den Köpfen der Menschen und alles geht wieder seinen normalen Gang. Waren die Spiele nachhaltig, verändert sich etwas im Alltag. Wenn sich nichts geändert hat, fragen sich die Leute: Warum haben wir das gemacht?

 

OLYMPIA KANN AUCH EIN BUMERANG SEIN?

Lassen Sie es mich so sagen: Man braucht Mut zur Vision. Das ist der Schlüssel! Jede Stadt hat heute den Anspruch, sich in eine „Stadt der Zukunft“ zu verwandeln. Sollte man diesen Prozess mit Olympischen und Paralympischen Spielen starten? Wahrscheinlich nicht. Aber die Spiele sind ein großartiger Katalysator, um geplante Projekte voranzutreiben. Ein gutes Beispiel dafür ist London: Wir haben das Entwicklungsgebiet East London in sieben Jahren so sehr vorangebracht, wie es ohne Olympia wohl 30 Jahre gedauert hätte. Und die positiven Effekte sind auch gegenwärtig spürbar.

<h2 class="blue-box-headline">Zur Person</h2> <p class="no-indentation">David Stubbs, 57, war von 2003 bis 2012 Leiter der Abteilung Nachhaltigkeit im Organisationskomitee der Olympischen und Paralympischen Spiele von London. Heute ist der Brite unabhängiger Nachhaltigkeitsexperte und berät unter anderem das Internationale Olympische Komitee, die Europäische Fußball-Union sowie das Weltwirtschaftsforum in Fragen der Nachhaltigkeit.</p>

Zur Person

David Stubbs, 57, war von 2003 bis 2012 Leiter der Abteilung Nachhaltigkeit im Organisationskomitee der Olympischen und Paralympischen Spiele von London. Heute ist der Brite unabhängiger Nachhaltigkeitsexperte und berät unter anderem das Internationale Olympische Komitee, die Europäische Fußball-Union sowie das Weltwirtschaftsforum in Fragen der Nachhaltigkeit.

 

FÜR WAS KÖNNEN DIE SPIELE EIN KATALYSATOR SEIN?

Bei richtiger Planung können neue, lebenswerte Stadtteile entstehen, die bleiben. Die Infrastruktur kann ausgebaut werden, sodass zuvor abgelegene Gegenden plötzlich ans Zentrum angeschlossen sind. Neue Möglichkeiten können entstehen und Arbeit bringen. Gemeinschaften kommen zusammen. Olympia kann dem Gemeinwohl ungemein helfen. 

 

WIE ZUVOR SCHON IN MÜNCHEN 1972 ODER IN BARCELONA 1992?

Ja – und das in einer Zeit, in der das Konzept der Nachhaltigkeit noch gar nicht so prominent genutzt worden ist. Trotzdem haben beide Städte enorm von den Spielen profitiert, vor allem durch die Aufwertung von Stadtteilen und neuer Infrastruktur. Noch heute wirken diese Spiele nach – und das ist ja auch der Sinn der Sache. Um Nachhaltigkeit explizit geht es übrigens erst seit Sydney 2000. Seitdem ist das Thema fest im Bewerbungsprozess des IOC verankert.

 

 

 

Glauben Sie, dass Rio de Janeiro von den Spielen profitieren wird?

Es wird sicher einen Mehrwert geben: Die Infrastruktur wird modernisiert, Gegenden wie der Hafen von Maravilha aufgewertet.  Auch wird es versteckte Gewinner geben, den Mittelstand etwa, der durch Olympia mehr Aufträge erhält. Aber: Hätte es mehr sein können? Natürlich. Das gilt allerdings für alle Gastgeberstädte. 

 

Was meinen Sie?

Die Organisatoren in Rio machen einen tollen Job. Aber ihre Vision ist möglicherweise weniger sichtbar als bei anderen Spielen. Vielleicht auch, weil es nicht diesen einen Bereich in Rio gibt, auf den sich alles konzentriert. Es gab in Rio bereits große Hoffnungen rund um die Fußballweltmeisterschaft – und jetzt die Spiele. Diese Sportereignisse werden als entscheidende Momente für die Transformation einer gesamten Stadt hochstilisiert. Sieht man diese Erwartungen im gegenwärtigen ökonomischen Kontext, sind sie sicherlich zu hoch. Zum Zeitpunkt der Vergabe sah es natürlich noch anders aus.Der Bürgermeister Eduardo Paes verspricht ein Rio de Janeiro, das nach den Spielen ein anderes ist: sozialer, zusammenwachsend, sicherer.Ich glaube, es wird partiell gute Beispiele in der gesamten Stadt geben, die die Veränderung belegen. Doch eben nur da. Einen größeren Wandel wird es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geben. 

 

Auch wegen Negativbeispielen wie der Bucht von Guanabara? Diese sollte von Abwasser gesäubert werden. Geschafft haben es die Verantwortlichen nicht. Stößt Olympia bei solchen Fragen an seine Grenzen?

Das Abwasser von elf Millionen Leuten fließt in diese eine Bucht. Das kann man nicht einfach so verändern. Der dafür nötige lange Prozess wurde aber nun durch das Austragen der Olympischen Spiele angestoßen. Die Frage, wie es mit der Bucht nach den Spielen weitergeht, werden die Behörden beantworten müssen. Werden sie auch weiter säubern, wenn die globale Aufmerksamkeit verschwindet? Es ist doch so: Das IOC, die Medien und auch die Politiker haben nach Olympia wieder andere Prioritäten. Es braucht feste Strukturen und Pläne auch für die Zeit nach den Spielen. Wie gut Rio die Olympischen und Paralympischen Spiele genutzt hat, werden wir in einigen Jahren sehen.

 

Die Spiele von London 2012 haben vor vier Jahren stattgefunden. Die Meinungen dazu sind größtenteils positiv.

Wir haben uns von Anfang an auf einen bestimmten Teil der Stadt konzentriert, den wir voranbringen wollten. Wenn man das vergleicht, war das sicherlich ein Vorteil. Durch die Olympischen Spiele ist es uns gelungen, ein riesiges Brachgebiet im Osten Londons nutzbar zu machen. Das bedingte Koordination, Planung und Strategie – allesamt Dinge, an denen es zuvor mangelte. Wir hatten eine klare Vision und einen Masterplan, der aufgegangen ist.

 

Die Organisatoren müssen heute also mehr tun als nur ein Sportereignis organisieren?

Genau. Das Internationale Olympische Komitee verlangt ja heutzutage nicht nur, dass man aufzeigt, wie Stadion A oder Halle B genutzt werden. Es geht um den Nutzen für die Gesellschaft. Wir haben in East London nun ein viel besseres Transportsystem, neue Wohnungen, die Kontamination des Bodens ist beseitigt, es wurde ein fantastischer Park angelegt, Geschäfte und Unternehmen haben sich angesiedelt. 

 

Kann Rio de Janeiro diesen Erfolg überhaupt steigern? 

Wir können das nicht vergleichen. Unglücklicherweise liegt der mediale Fokus in Rio de Janeiro immer auf Themen wie der verschmutzten Bucht, politischen Korruption und dem Zika-Virus. Natürlich sind die Aufgaben immens, gerade wenn solche Sachen auf einmal geschehen. Ich bin aber davon überzeugt, dass sich ein Mehrwert  durch die Spiele zeigen wird, sobald sich die Lage beruhigt. Um es im Sportjargon zu sagen: Olympia ist kein Sprint. Es ist eher ein Langstreckenlauf. Auch wenn die Flamme längst erloschen ist.

 

 

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