Ohne Pilot

Der fliegende Kleinwagen

Drohnen kennen wir. Das Gefühl, selbst damit zu fliegen, noch nicht. Dabei würde diese Vision unsere Art der Fortbewegung revolutionieren.

Bislang gab es im Grunde nur eine futuristische Vision aus Science-Fiction-Filmen der Neunzigerjahre. Menschen stiegen in zu klein geraten wirkende Helikopter, und wie von selbst schwebten die Vehikel mit ihren Insassen plötzlich auf und davon. Diese einstige Zukunftsvision könnte allerdings vielleicht bald Realität werden. Dann nämlich, wenn der vor Kurzem vorgestellte Prototyp eines chinesischen Unternehmens seine Alltagstauglichkeit unter Beweis stellen kann

Anfang des Jahres glaubten viele Technikexperten kaum ihren Augen. In Las Vegas, auf der CES, einer der wichtigsten Messen der IT-Branche, stellte das erst 2014 gegründete Unternehmen EHang seine EHang 184 vor, die weltweit erste Passagierdrohne. Glaubt man dem Hersteller, könnte es sich um einen Meilenstein in der Entwicklung der Mobilität handeln. Die EHang 184 ist in etwa so groß wie ein sehr kleines Auto und hat jeweils zwei Rotoren an jedem seiner vier Ausleger. Das autonome Fluggerät wiegt 200 Kilogramm und kann 100 Kilogramm transportieren. Die vier Rotorarme können eingeklappt werden – damit passt es dann auf einen normalen Parkplatz. 

EHang verspricht eine einfache Bedienung: Der Fluggast nimmt in einer geschlossenen Kabine Platz. Über eine App auf dem Smartphone oder dem Tablet gibt er sein Ziel ein – und das Lufttaxi fliegt ihn dorthin. 23 Minuten lang kann die EHang 184 mit einer Akkuladung fliegen. Die Reisegeschwindigkeit beträgt bis zu 100 Kilometer pro Stunde. 

Ist die Welt bereits reif für bemannte und vor allem autonome Drohnenflüge? Wohl kaum. Gerade erst testet der Onlinehändler Amazon, ob eigens konstruierte Minihelikopter als autonome fliegende Kuriere Pakete an Kunden ausliefern können – Realisierung derzeit ungewiss. Längst genutzt werden unbemannte Drohnen dagegen für Kontroll- und Überwachungsaufgaben von Militär und Polizei, zunehmend auch für wissenschaftliche und industrielle Zwecke. TÜV SÜD beispielsweise setzt die kleinen Helfer bei der Prüfung von Windenergieanlagen ein und untersucht damit Rotorblätter auf Beschädigungen. Stark zugenommen hat auch die Zahl der preisgünstigen Freizeitdrohnen – allein in Deutschland wurden bisher rund drei Millionen Stück verkauft. Sie alle werden allerdings einzeln vom Boden aus ferngesteuert und können sich nur sehr begrenzt in einfachem Gelände selbst zurechtfinden. 

EHang-Technikchef Shang Hsiao entwirft trotzdem schon einmal die ganz große Vision, träumt von Notarzt- und Krankentransporten oder von völlig neuen innerstädtischen Transportsystemen.

 

 

 

Und er legt ein enormes Tempo vor: Kürzlich verkündeten sein Unternehmen und der US-Bundesstaats Nevada, dass die EHang 184 auf einem von der Luftfahrbehörde genehmigten Testgelände in der Wüste erprobt werden darf. Dabei soll die Firma aus Guangzhou mit dem Nevada Institute for Autonomous Systems (NIAS) zusammenarbeiten, einer staatlichen Organisation, die die Nutzbarmachung und Entwicklung autonomer Verkehrsmittel begleitet. Die Drohne selbst hat von der US-Luftfahrbehörde noch keine offizielle Starterlaubnis erhalten, wobei das NIAS „EHang durch den regulatorischen Prozess begleiten“ will. Derweil feilt EHang an seinem sogenannten „Fail-safe-System“, das die bemannten Drohnen im Fall von Softwarefehlern oder Motorproblemen sicher zur Landung bringen soll und plant den Bau eines Flugkontrollzentrums, das in Zukunft einmal alle Aktivitäten der in der Luft befindlichen Modelle überwachen könnte.

Ist die futuristische Film-Vision also auf dem Weg, Wirklichkeit zu werden? Sicher nicht in absehbarer Zeit. Bis wir wie die Vögel autonom morgens zur Arbeit pendeln oder uns nachmittags staufrei zum Einkaufen in die Innenstadt fliegen lassen, wird wohl auf jeden Fall noch einige Zeit vergehen. Aber träumen wird man ja wohl noch dürfen.