Wearables

Der Helfer auf der Haut

Die nächste Revolution findet am Handgelenk statt: Minirechner, die am Körper getragen werden und uns im Alltag unterstützen, überwinden die Trennung von Mensch und Software. Doch sind die erhobenen Daten auch sicher?

Text Felix Enzian

Hollywoodstar Gwyneth Paltrow trägt eines, ebenso der Milliardär und Unternehmer Richard Branson, auch der langjährige US-Präsident Barack Obama wurde beim Golfspielen schon damit gesichtet: Irgendwann während der vergangenen zwei Jahre tauchten an immer mehr Handgelenken sogenannte Self-Tracker auf, unscheinbare Kunststoffbänder, unter deren oft knallig-farbigen Oberfläche sich Hightech versteckt.

Mithilfe von Sensoren zeichnen sie rund um die Uhr Gesundheitsdaten ihrer Träger auf: Die einfachen Modelle beschränken sich auf körperliche Aktivitäten, Schlafrhythmen oder den Kalorienverbrauch, ausgefeiltere Tracker messen zusätzlich den Alkohol- und Nikotinkonsum, zeichnen den Puls auf und überwachen die Herzfunktion, den Blutdruck und die Zuckerwerte. Und obwohl eine Vielzahl der Menschen weltweit heute noch Berührungsängste mit diesem detaillierten Tracking hat, stellt dies gerade mal den Beginn einer revolutionären Entwicklung dar. 

Marktforscher erwarten daher, wenig überraschend, einen Siegeszug der Branche – mit weltweit 122 Millionen verkauften Geräten 2016 und zwei- bis dreistelligen Wachstumsraten in den nächsten drei Jahren. Als der wichtigste Zukunftsmarkt gilt die Sparte Digital Health, also Anwendungen der Gesundheitsvorsorge und Medizin. Dieser Bereich soll 2020 weltweit sieben Milliarden Euro umsetzen. 2015 waren es noch drei Milliarden. 

 

Drei Gadgets, die das Leben leichter machen

TÜV SÜD-Mitarbeiter stellen ihre Lieblings-Wearables vor.

 

Foto: Bragi

Alex Kong, 43, Technical Manager aus Shenzhen 

Als „Hearables“ kann man etwa die kabellosen Kopfhörer mit dem Namen The Dash umschreiben. Die Minicomputer im Ohr sind einerseits ein Fitnesstracker: 27 Sensoren messen die Schrittgeschwindigkeit oder die Laufdistanz. Zwei im Ohrstecker integrierte Sensoren können die Körpertemperatur, Sauerstoffsättigung und den Puls aufzeichnen. Andererseits ist auch das Telefonieren möglich. Anrufe werden durch einen Drei-Achsen-Sensor mit einem Nicken angenommen oder mit einem Kopfschütteln abgelehnt. Das sieht lustig aus, ist aber sehr praktisch. 

Der Mensch tastet sich in Richtung eines kybernetischen Organismus, eines Cyborgs, vor – langsam und vorsichtig. Das bedeutet zunächst nur, dass wir zunehmend mit Technik verbunden sind und uns mit ihrer Hilfe physisch optimieren. Philosophisch betrachtet hebt sich dadurch die Trennung von Software und Mensch peu à peu auf: Daten verlassen die Bildschirme unserer Computer und Smartphones und beginnen, Gegenstände unseres Alltags zu durchdringen. Die dauerhafte räumliche Verfügbarkeit wird durch eine zeitliche Verfügbarkeit ergänzt: Was wir tun und wie wir funktionieren wird in Echtzeit analysiert und rückgekoppelt, 24 Stunden am Tag, sieben Tage pro Woche, überall auf der Welt. Der Mensch wird immer vernetzter – und dank der entsprechenden Software immer selbstoptimierter.

Das Überwachen in Echtzeit ist nur ein Zwischenschritt in der Entwicklung: Längst arbeiten Forscher daran, die elektronischen Dauerüberwacher mit Modellen der virtuellen medizinischen Betreuung durch Software, Ärzte und Pflegepersonal zu kombinieren. Innovative Wearables könnten dann Krankheiten erkennen, bei Ernährungsmängeln gegensteuern oder Medikamente dosieren. Gerade bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes wäre dieser Datenaustausch sinnvoll: Statt Insulin- und Blutzuckerwerte in ein Tagebuch einzutragen, ließen sich die Messdaten viel einfacher über vernetzte Geräte direkt übertragen. Entsprechend euphorisch sehen Beratungsunternehmen wie Soreon Research, eine schweizerische Marktforschungsfirma mit den Schwerpunkten Software und Gesundheit, den Nutzen der Geräte: Bis 2020 könnten weltweit 1,3 Million Leben durch den direkten oder indirekten Einsatz von Wearables gerettet werden. Außerdem könnten die Geräte leistungsstarken Datenbanken füttern, mit deren Hilfe Therapien und Medikamente gezielt weiterentwickelt werden könnten – ein Datenschatz zum Wohl künftiger Generationen.

 

 

Foto: hexoskin

Zachary Lee Ee San, 41, Assistant Vice President Sales aus Singapur

Für Läufer wie mich, für die Armbänder und Brustgurte eher lästig sind, ist dieses T-Shirt eine tolle Alternative. Denn hier ist der Brustgurt bereits eingewebt. Die Sensoren messen viel mehr Daten als Fitnesstracker am Handgelenk: Herzschlag, Atemfrequenz, Atemumfang sowie Schritte pro Minute werden aufgezeichnet und jeweils einzeln ausgewertet. Dazu kommt unter anderem noch der Ruhepuls, die Bewertung der Erholungszeit oder die richtige Trainingszone in Abhängigkeit vom Herzschlag. Es sind sogar so viele Daten, dass man aufpassen sollte, nicht vom Sport abgelenkt zu werden!

DATENSCHÜTZER WARNEN

Genau dies bereitet aber vielen Menschen Sorge und ruft Datenschützer auf den Plan. Denn es gibt kaum etwas intimeres als die Daten über den eigenen Körper. So warnten die deutschen Datenschutzbeauftragten von Bund und Ländern im Frühjahr 2016 davor, dass zahlreiche Wearables „die aufgezeichneten Daten an andere Personen oder Stellen weitergeben, ohne dass die betroffenen Personen hiervon wissen oder dazu eine bewusste Entscheidung treffen“. Überdies könnte unzureichende Technik dazu führen, dass Gesundheitsinformationen ungewollt preisgegeben werden.

Auch Andrea Voßhoff, die deutsche Bundesbeauftragte für Datenschutz, warnte: Wearables böten für den Einzelnen medizinisch zwar einen Mehrwert, bergten aber erhebliche Risiken. Was bedeutet: Eine Masse an Daten wird gespeichert, die sich, kombiniert, zu einem umfassenden Profil der Person zusammenstellen lasse. Die Verwendung bestimmter Gesundheitsdaten könnte auf der Grundlage einer neuen Datenschutzgrundverordnung der Europäischen Union eingeschränkt werden, heißt es.

„Um den Verlust ihrer Daten sorgen sich die Menschen“, sagt Asli Solmaz-Kaiser, Leiterin elektrische und elektronische Konsumgüter bei TÜV SÜD. „Das ist verständlich und ein hemmender Faktor für die breitere Nutzung von Wearables. Wir brauchen klare, verständliche Standards, um die Sicherheit der Daten zu gewährleisten und das Vertrauen der Menschen zu erhöhen.“ 

Mit speziellen Prüfprogrammen für Wearables zertifiziert TÜV SÜD die Messgenauigkeit, Gebrauchstauglichkeit und Sicherheit der Geräte – um langfristig das Vertrauen der Menschen in diese neue Technologie zu erhöhen. „Manche Wearables weisen noch erhebliche Funktionsmängel auf und haben Sicherheits- und Gesundheitsrisiken. Nicht alle sind technisch ausgereift“, warnt Solmaz-Kaiser.

 

 

Asli Solmaz-Kaiser, Leiterin elektrische und elektronische Konsumgüter bei TÜV SÜD
"Wir brauchen klare, verständliche Standards, um die sicherheit der Daten zu gewährleisten und das Vertrauen der Menschen zu erhöhen."

INTENSIVER AUSTAUSCH

Wissenschaftliche Untersuchungen hätten beispielsweise ergeben, dass die Minicomputer und deren Software in vielen Fällen leicht durch Hacker manipulierbar sind. „Darüber hinaus leisten Wearables vielfach nicht das, was die Nutzer von ihnen erwarten. Ein Beispiel: Die Self-Tracker mancher Hersteller messen die Herzfrequenz nicht so exakt, wie das für medizinische Zwecke notwendig wäre.“

Um das zu ändern, arbeitet auch TÜV SÜD intensiv mit Entwicklern zusammen und begleitet den gesamten Produktzyklus als Experte: sowohl bei der Entwicklung der Geräte als auch in der technischen Testphase vor Markteintritt, in der Zertifizierung sowie im Monitoring. Erfüllt ein Wearable die Sicherheitsstandards, kann der Hersteller sich das durch ein internationales Zertifikat bestätigen lassen. 

Und die Wearables verändern im nächsten Schritt schon ihre Form. Noch trägt der Mensch die Geräte als Armbänder, Ketten oder Brillen am Körper. Erste Anwendungen für intelligente Kleidung existieren bereits. Smart-Tattoos, also Tätowierungen mit Zusatzfunktion – könnten die nächste Entwicklung sein. Diese besondere Form der Wearables wäre direkt in den Körper integriert. Umso wichtiger ist hier dann das Thema Sicherheit. Das Zeitalter der Verknüpfung von Mensch und Software – es hat gerade erst begonnen. 

 

 

Foto: livall

Kirtika Perti, 35, Global Business Development Specialist aus München

Fahrradfahren macht viel Spaß und ist gesund, aber auch nicht ganz ungefährlich – gerade in Großstädten. Klar, dass ich mit einem Helm fahre. Und die werden immer intelligenter. So wie dieser Fahrradhelm. Er ist mit einem Mikrofon, Bluetoothsprecher, Herzfrequenzmesser sowie mit LED-Lichtern ausgestattet. Das Besondere aber ist der Drei-Achsen-Sensor. Damit erhält man umgehend Hilfe, wenn man stürzt – was mir zum Glück noch nicht passiert ist. Im Falle eines Unfalls wird eine Notfallnachricht automatisch an einen hinterlegten Kontakt gesendet.