Kolumne

Mister Fleming, was denken sie über...

Schönheit?

Feuerwerkdesigner Darryl Fleming über die besonderen Anforderungen in seinem Beruf und das Silvesterspektakel am London Eye.

Illustration Joe Waldron

Jedes Jahr an Silvester feiern Hunderttausende Menschen am Ufer der Themse in London den Jahreswechsel. Der Höhepunkt ist das große Feuerwerk am Riesenrad London Eye – für das ich verantwortlich bin. Wenn die ersten Raketen aufsteigen, werde ich etwas abseits stehen, mit einem perfekten Rundblick. Ich werde nervös sein, aber immer einsatzbereit. Ich sorge dafür, dass alles reibungslos abläuft. Ich bin dann zufrieden, wenn mir die perfekte Kombination aus Schönheit und Sicherheit gelingt.

Als Pyrotechniker und Designer geht es für mich darum, jedes Feuerwerk zu einem besonderen zu machen. Routine kommt nicht auf, denn jede Show ist einzigartig. Für das Feuerwerk am London Eye beraten wir uns auf kreativer Ebene etwa seit September. Wir überlegen uns Soundtracks, die passen könnten. Das kann sich schon mal hinziehen, da die Musik essenziell ist für den Spin der Show, für Farben oder Tempo. Insgesamt stecken wir vier Monate kreative Arbeit in 15 Minuten Schönheit.

Das Schönste an meinem Job sind die vielen Orte, die ich besuche und an denen ich arbeite. Ich klettere zum Beispiel auf das London Eye, auf Big Ben und die Tower Bridge, bin bei großen Sportevents wie Commonwealth Games oder Rugby-WM dabei. Vor der künstlichen Insel The Palm in Dubai schoss ich einst ein Feuerwerk von einer Monorail-Bahn. 

Auch wenn ich schon über 1.000 Shows entworfen habe, ist der Nervenkitzel immer wieder hoch. Einige meiner Highlights sind die Eröffnungsfeier und die Schlussfeier der Olympischen Spiele 2012 in London. Die Eröffnung war wohl die schönste Show, die ich bislang betreut habe. Ich kann mich erinnern, wie ich vor dem Feuerwerk ins Stadion blickte und eine enorme Anspannung spürte. Der Druck und die Nervosität waren fürchterlich; zwei Milliarden Menschen würden zusehen. Aber alles ging gut.  

Diese Nervosität kommt nicht von ungefähr. Denn Feuerwerke werden erst dann schön, wenn alles sicher abläuft. Vor allem wenn man, wie an Silvester in London, fünf Tonnen Schwarzpulver mitten in einer Millionenmetropole verschießt. Das London Eye darf erst vier Stunden vor der Show verkabelt werden. Das ist schon einzigartig für die Größe eines solchen Events und erhöht den Puls. Ganz zu schweigen vom Wetter, das schnell umschlagen kann und stets bedacht werden muss. 

Für mich ist ein schönes Feuerwerk nicht immer das mit den größten Effekten. Vor einigen Jahren habe ich noch viel zu viel verschossen. Daraus habe ich gelernt. Mittlerweile weiß ich, dass Präzision, Symmetrie und eine gründliche Planung dafür sorgen, Menschen bis zu 15 Minuten zu unterhalten. 

Vermutlich werde ich wieder bis zum Neujahrsmorgen warten müssen, um meine Arbeit einmal in Ruhe genießen zu können. Zu Hause, vom Sofa aus. Wenn der Nachrichtensprecher von einem schönen und sicheren Feuerwerk spricht, bin ich zufrieden. 

Foto: privat

DARRYL FLEMING, 46, ist Direktor bei Titanium Fireworks. Die Firma entwirft und verantwortet im Auftrag von Jack Morton Worldwide und der City of London das Silvesterfeuerwerk am London Eye.