Garmisch-Partenkirchen

 

Hoch hinaus

Kaum ein Fortbewegungsmittel ist so sicher wie eine Seilbahn. Menschen wie Hans-Ulrich Zbil sorgen dafür, dass dies auch so bleibt.

 

Etappe 12  ■  Görlitz ➡ Garmisch-Partenkirchen  ■  600 km  ■  Ankunft 24.11.2015, 9:00 Uhr  ■  Reisestunde 148  ■  -4°C  ■  Gesamtstrecke 58.450 km

Zuerst ist es nur ein taubes Gefühl in den Finger- und Fußspitzen. Trotz der dicken Handschuhe, der langen Thermounterwäsche und der Extralage an dicken Strümpfen. Dann kriecht die Kälte langsam die Füße entlang, die Knöchel hoch, in die Unterschenkel. Jetzt wäre ein Platz an einem warmen Kachelofen genau das Richtige – oder wenigstens eine Tasse heißer Tee.

Es ist kalt, eiskalt sogar, an diesem Morgen im Spätherbst. In den vergangenen Tagen hat es rund um Deutschlands höchsten Gipfel, die Zugspitze, geschneit. Jetzt bedeckt eine 20 Zentimeter dicke Schneeschicht die Landschaft im Werdenfelser Land und die Gipfel ringsumher: Kramerspitz, Wank, Waxenstein und natürlich die Alpspitze, den pyramidenförmigen Hausberg von Garmisch-Partenkirchen, 2.626 Meter hoch. Selbst im Tal, am Marienplatz im Ortsteil Garmisch mit seinen noblen Geschäften, liegt eine dünne Schneeschicht.

„Zieht euch warm an“, hat Hans-Ulrich Zbil schon am Vortag gesagt. „Am besten mehrere Schichten übereinander.“ Dabei hat er allerdings nicht erwähnt, wie zugig es in einem Wartungsgehänge zugeht. Statt in einer der Gondeln gemütlich sitzend in sieben Minuten zur Bergstation der Kreuzeckbahn hinaufzuschweben, stehen wir in einem offenen Käfig, dicht gedrängt, immer wieder stoppend. Es ist Revisionszeit bei den Bayerischen Zugspitzbahnen, wie jedes Jahr nach dem Ende der Wander- und vor Beginn der Skisaison. Von Anfang November bis Anfang Dezember arbeiten die Mitarbeiter der Bahnen einen detaillierten Prüf- und Reparaturplan ab, sehen sich Verschleißteile an und wechseln bei Bedarf ganze Rollen aus. An dessen Ende überprüft TÜV SÜD nochmals alle sicherheitsrelevanten Teile und gibt seinen Segen, damit die Bahn ein weiteres Jahr fahren darf.

 

Weiße Pracht

Weiße Pracht

An strahlend sonnigen Tagen gibt es kaum einen schöneren Arbeitsplatz. Auch wenn manchmal die Hände frieren.

 

Superlativ in den Anden

Superlativ in den Anden

Nicht nur im Alpenraum, sondern weltweit sind Hans-Ulrich Zbil und seine Kollegen der Seilbahnprüfstelle von TÜV SÜD unterwegs. Vor allem bei Neubauprojekten – derzeit zum Beispiel im chinesischen Macao – ist die Expertise der Fachleute gefragt. Bereits in der Planungsphase prüfen sie die technischen Unterlagen, kontrollieren die seilbahntechnischen Beton- und Stahlbauten, nehmen die Gesamtanlage vor Inbetriebnahme ab und sorgen sogar dafür, dass der spätere Betrieb sicher vonstatten geht.
Die Liste spektakulärer Projekte der vergangenen Jahre reicht von einer Gondelbahn über die Themse anlässlich der Olympischen Sommerspiele in London 2012 bis zum neuen Seilbahnnetz in La Paz: In der bolivianischen Millionenstadt entsteht derzeit ein innerstädtisches Nahverkehrssystem mit Seilbahnen, das in der Endausbauphase bis zu 1.400 Kabinen umfassen soll.

 

 

 

Bei der ersten Stütze, einem 25 Meter hohen Masten, stoppt die Revisionsgondel. Hans-Ulrich Zbil blickt nach oben, hängt einen der Karabiner seines Sicherungsgurts an der Leiter des Gehänges ein und klettert an dessen Aufhängung nach oben. Dort, wo die Rollen der Gondel auf dem Tragseil aufliegen, rüttelt er an einigen beweglichen Teilen und kontrolliert die Schweißkonstruktion der Zugseilrollenaufhängung. Uns wird währenddessen schon beim Blick durch die Gitterstreben des Wartungsgehänges nach unten leicht schwindlig.

Die Arbeit in luftiger Höhe und in eisiger Kälte ist Zbil mehr oder weniger in die Wiege gelegt: Seit den 1950er-Jahren betreibt seine Familie eine Zweiseil-Umlaufgondel im bayerischen Alpenraum. Schon als Jugendlicher half er bei den Wartungsarbeiten mit, schaufelte im Winter Schnee vom Gondeldach oder kletterte auf die Stützmasten, um Eis abzuschlagen. Später ging er nach München, studierte studierte Maschinenbau und wechselte in die Seilbahnprüfstelle von TÜV SÜD, die er seit 2003 leitet. Über die Jahrzehnte kam dabei so mancher Außeneinsatz in den Bergen zusammen. „Ganz egal, ob die Sonne scheint, oder ob es stürmt und schneit – wir müssen unsere Arbeit machen“, sagt er.

 

Fit für den Winter

TÜV SÜD prüft die Kreuzeckbahn

 

 

Ihn und seine Kollegen der Seilbahnprüfstelle treibt ein Ziel um: Seilbahnen sollen auch weiterhin zu den sichersten Transportmitteln überhaupt gehören. Daher sind die gesetzlichen Vorgaben besonders streng. Und Prüfer wie Hans-Ulrich Zbil schauen ganz genau hin, auch wenn das für die Betreiber der Bahnen manchmal Mehrarbeit und -kosten bedeutet. So auch bei der Kreuzeckbahn: Seit 2002 ersetzt eine moderne Umlaufbahn mit einer Förderleistung von 1.400 Personen in der Stunde die historische Pendelbahn aus dem Jahr 1926. Und erst vor wenigen Jahren musste das komplette 4,6 Kilometer lange und 46 Zentimeter starke Zugseil aus Stahl gewechselt werden. Unter den strengen Prüfaugen von TÜV SÜD. 

Langsam gleitet die Wartungsgondel weiter, vorbei an reifbedeckten Tannen. Unser Atem bildet kleine weiße Wölkchen in der Morgenluft. Als wir schließlich auf 1.638 Metern Höhe an der Bergstation der Kreuzeckbahn ankommen, bricht erstmals die Sonne durch den Nebel. Im Technikraum der Bahn ist es wohlig warm, schnell tauen unsere klammen Finger wieder auf. Als wir mit Hans-Ulrich Zbil auf der imposanten Einfahrstütze der Bergstation stehen, liegt das Loisachtal wie hingebreitet zu unseren Füßen, Zugspitze und Höllentalferner oben, weit draußen im Norden die Südspitze des Starnberger Sees und dahinter die Dunstglocke Münchens. Direkt unter uns blitzt die weltbekannte Kandahar-Abfahrt verführerisch aus dem Wald. Der kälteste Arbeitsplatz der Welt? Nein, der schönste!