Hongkong

Sprung in eine andere Welt

 

Patrycjusz Idzikowski ist Teil eines TÜV SÜD-Teams, das rund um den Globus reist und Fahrgeschäfte in Vergnügungsparks prüft. Im Moment checkt er die Sicherheit eines Riesenrads in Hongkong – Zeit für ein schnelles Interview über den Nervenkitzel in atemberaubender Höhe, unverständliche Speisekarten und die schönsten Arbeitsplätze der Welt.


Etappe 7  ■  Shanghai ➡ Hongkong  ■  1.400 km  ■  Ankunft 16.11.2015, 6:45 UHR  ■  Reisestunde 95  ■  22°C  ■  Gesamtstrecke 43.900 km

 

Herr Idzikowski, wir stehen auf dem Hong Kong Observation Wheel, direkt am Hafen von Hongkong mit Blick auf den Stadtteil Kowloon. Halten Sie in solchen Momenten auch mal inne?

Ziemlich oft sogar, das höre ich auch immer wieder von Kollegen. Diese zwei Minuten sollte man sich schon nehmen. Es sind tolle Momente, wenn man einfach mal genießen kann.

 

Was war Ihr bislang schönster Ausblick?

Hongkong ist immer wieder beeindruckend. Das erste Mal hier war eine faszinierende Erfahrung. Die Lage ist atemberaubend, oben am Berg, wo die Klippen abfallen. Aber auch in Italien gibt es sehr schöne Plätze, von wo man von einer Achterbahn oder einem Riesenrad aus aufs Meer oder in Richtung Ätna schauen kann. 

 

Was prüfen Sie genau?

Das Team der Fliegenden Bauten, zu dem ich gehöre, prüft alle Arten von Fahrgeschäften, beispielsweise in Vergnügungsparks oder auf Volksfesten. Vom kleinen Kinderkarussell bis zur großen Achterbahn ist alles dabei.

 

UND DA SIND SIE VOM ANFANG BIS ZUM ENDE INVOLVIERT? 

Genau. Schon in der Planungsphase einer neuen Anlage prüfen wir, ob die Sicherheitsanforderungen erfüllt werden, die in internationalen Normen festgelegt sind. Fahrgeschäfte werden ja immer spektakulärer – da ist unsere Expertise sehr wichtig. Oft begleiten wir die Fertigung der Anlage und kontrollieren sie vor dem Start nochmals. Dazu kommen jährliche Regelprüfungen.

 

Bis ins Detail

Bis ins Detail

Patrycjusz Idzikowski, 39, klettert bei jeder Inspektion in kleinste Winkel von Fahrgastgeschäften. Als Kommissarischer Leiter der Gruppe Bautechnik bei TÜV SÜD erkennt er Mängel oft schon auf den ersten Blick. 

 

 

ES HEISST, EXPERTEN WIE SIE WÜRDEN MÄNGEL SCHON MIT DEM BLSSEN BLICK ERKENNEN. STIMMT DAS?

Man entwickelt ein Gespür für bestimmte Situationen. Das sollte allerdings nicht mit Betriebsblindheit verwechselt werden. Wir alle haben jahrelange Erfahrung und wissen in der Regel, wo die neuralgischen Stellen bei Fahrgeschäften sind. Und wir wissen, mit welchen Tricks manche Betreiber arbeiten. Da werden versteckte Roststellen schon mal überpinselt. Aber gerade bei imposanten Riesenrädern von etwa 60 bis 80 Metern Durchmesser ist jedes Detail wichtig.

 

HÖHENANGST SOLLTE MAN IN IHREM BERUF ALSO LIEBER NICHT HABEN?

Genau. Oft arbeiten wir an exponierten Stellen, das verlangt eine gewisse Nervenstärke. 

 

IST TROTZDEM AUCH NACH JAHREN IM JOB MANCHMAL NOCH ETWAS NERVENKITZEL DABEI?

Schon. Die Arbeit sollte nie zur Routine werden, denn das würde eine gewisse Sorglosigkeit heraufbeschwören. Wir haben manchmal Situationen, in denen wir um Schienen oder Speichen herumklettern müssen, wo es wenige Tritt- oder Haltemöglichkeiten gibt. Wir sichern uns bei der Arbeit zwar grundsätzlich mit Kletterausrüstung, trotzdem ist die Herausforderung manchmal sehr hoch. 

 

Sicher ist sicher

Sicher ist sicher

Zum Aufgabengebiet zählen alle Arten von „Fliegenden Bauten“ – beispielsweise auch Riesenräder.

 

 

 

 

WELCHE SIE AUCH IN IHRER FREIZEIT BEIM KLETTERN AUSLEBEN. 

Ja, das ist mein Hobby. Im Winter bin ich viel in der Halle beim Bouldern, im Sommer in den Bergen. Ich bin in der glücklichen Lage, sehr nah an einem Klettergebiet zu wohnen. 

 

FÜR VIELE IST DAS EIN ABENTEUER. SCHRECKT SIE GAR NICHTS MEHR? 

Na ja, beim Klettern nicht wirklich. Aber in meinem Beruf gibt es schon Tage, da bleibt die Dosis Kulturschock nicht aus. Etwa, wenn ich in Indien Auto fahren muss. Da kann einem auf einer Autobahn schon einmal ein Auto entgegenkommen – oder  es wendet plötzlich. Das ist wie ein Sprung in eine andere Welt. Ich bin dann froh, wenn ich an meinem sicheren Arbeitsplatz bin. 

 

LERNEN SIE AUF DIESE WEISE VIELE KULTUREN SEHR INTENSIV KENNEN?

Meist haben wir vor Ort sehr lange Arbeitstage – von frühmorgens bis spät am Abend. Da bleibt wenig Zeit. Allerdings sind wir bei Großaufträgen oft mehrere Wochen vor Ort. Da versuche ich schon, auch etwas von der Kultur des Landes mitzubekommen. 

 

WAS INTERESSIERT SIE BESONDERS? 

Alles, was mit Menschen zu tun hat. Wenn ich zum Beispiel in Asien die Speisekarte in einem Restaurant nicht lesen kann und mich mit Händen und Füßen verständigen muss. Oder in Lateinamerika, wo die Menschen offen und lebensfroh sind und man schnell – auch auf der Straße – mit einem ins Gespräch kommt. 

 

Über den Dächern

Mit TÜV SÜD auf dem Riesenrad in Hongkong

 

 

MÜSSEN SIE SICH ANPASSEN?

Durchaus, die kulturellen Unterschiede spiegeln sich oft auch in der Arbeitsweise wider. Da muss auch ich mich oft stark zurücknehmen, weil ich es anders gewohnt bin. In den Arabischen Emiraten kann man schon mal auf den nächsten Tag vertröstet werden und dann wird es die nächste Woche. Man muss sich darauf einstellen. 

 

WISSEN SIE, WIE VIELE LÄNDER SIE SCHON BEREIST HABEN?

Meine Frau hat mir letztens eine Weltkarte geschickt, die man freirubbeln kann. Da ist schon einiges frei. Fast alles von Europa, der Nahe Osten, viele asiatische Staaten, die USA, Lateinamerika. Es hat am Anfang mal Spaß gemacht mitzuzählen, aber irgendwann habe ich aufgehört. 

 

WAS WAR IHRE STRESSIGSTE REISE?

Von München aus ging es zu zwei Terminen nach Amerika, von dort weiter nach Asien und wieder zurück nach München. Und am nächsten Tag ging es auch schon wieder weiter. Nach so einer Tour braucht man dann erst einmal eine Auszeit. 


GIBT ES ORTE ODER TERMINE, AUF DIE SIE SICH BESONDERS FREUEN?

Hongkong ist tatsächlich immer ein Highlight. Ich war mittlerweile bestimmt 25 Mal hier – und nahezu jedes Mal hier oben an diesem Platz auf dem Riesenrad.