Istanbul

Dirigentin der Nacht

24 Stunden sind oft nicht genug: Valentina Monaco prüft weltweit die Sicherheit von Bahnprojekten und arbeitet auch dann, wenn andere schlafen. Wie in Istanbul, wo Tausende Menschen bedenkenlos von Asien nach Europa reisen können – unterhalb des Bosporus. 

 Etappe 10  ■  Bursa ➡ Istanbul  ■  100 km  ■  Ankunft 19.11.2015, 23:00 UHR  ■  Reisestunde 135  ■  19°C  ■  Gesamtstrecke 55.650 KM

Eigentlich sollte jetzt eine Sirene aufheulen. Ein lauter, durchdringender Ton, der auf dem gesamten Bahnsteig zu hören ist. Aber so heftig Valentina Monaco auch mit dem Röhrchen in ihrer Hand wedelt, nichts passiert. Die 42-Jährige atmet hörbar aus, nimmt eine zweite rund zehn Zentimeter lange Papierhülse aus ihrer Jackentasche und knickt sie in der Mitte durch. Dichter Rauch entweicht, vermengt sich mit dem Qualm, der aus der ersten Hülse in ihrer rechten Hand dringt, steigt zur Decke der U-Bahn-Station Üsküdar auf. Nur wenige Sekunden, dann springt der Rauchmelder an. Aus allen Lautsprechern heult ein schriller Ton auf, gefolgt von einer Durchsage, in zwei Sprachen, auf Englisch und Türkisch: Bitte verlassen Sie den U-Bahnhof. Eine Ansage in Dauerschleife. Die Rolltreppen stoppen kurz, fahren dann wieder an, jetzt führen alle Wege nur noch nach oben, raus aus dem Untergrund. Dort haben sich die Sperren für die Fahrkartenkontrollen bereits automatisch geöffnet. Valentina Monaco nickt zufrieden, betritt eine der Rolltreppen und marschiert in die Leitzentrale der Station. Der Feueralarm hat perfekt funktioniert, alle Sicherheitssysteme sind wie geplant angesprungen. Wäre dies ein echter Notfall, dann wäre die Feuerwehr bereits unterwegs. Der diensthabende Techniker der Türkiye Cumhuriyeti Devlet Demiryolları, der türkischen Eisenbahngesellschaft, kann die Alarmsysteme wieder abstellen.

 

Brückenschlag

Brückenschlag

Seit 1973 spannt sich die Bosporusbrücke über die Meerenge. Statt nur drüber geht es mittlerweile auch untendurch.

 

 

 

Es ist halb eins in der Nacht und hinter Valentina Monaco liegt bereits ein anstrengender Arbeitstag. In Samsun an der türkischen Schwarzmeerküste hat sie den ganzen Tag mit Eisenbahntechnikern zusammengesessen und technische Details einer Neubaustrecke besprochen. Dann hatte auch noch ihr Flugzeug Verspätung, ein technischer Defekt hatte den Start verhindert. Erst um 22 Uhr ist sie am Flughafen Istanbul-Sabiha Gökçen gelandet, schnell in ein Taxi gesprungen, um die letzte U-Bahn zu erwischen, die sie von der Station Ayrılık Çesmes tief nach unten brachte.

 

JAHRHUNDERTPROJEKT

Jetzt beginnt ihr zweiter Arbeitstag. Pünktlich um Mitternacht stellen die Metrolinien in Istanbul ihren Dienst ein. Und pünktlich um Mitternacht erwachen die Stationen und Gleisanlagen zu neuem Leben. Putztrupps rücken an, Elektriker, die defekte Lampen austauschen – und heute auch Valentina Monaco, die im Auftrag der Generaldirektion Bahn des türkischen Transportministeriums über den Generalunternehmer OHL-Siemens die Sicherheitseinrichtungen der U-Bahn überprüft.

Was sie an Tagen wie diesen herausfindet, gibt am Ende den Ausschlag, ob TÜV SÜD als unabhängiger Dritter seine Zustimmung für den Betrieb eines der spektakulärsten Eisenbahnprojekte der vergangenen Jahre gibt. Denn die U-Bahn-Station Üsküdar ist kein gewöhnlicher Bahnhof. Sie liegt direkt am Ufer des Bosporus. Wenige Meter hinter dem Bahngleis ändert sich die Form des Tunnels: Ab hier beginnt eine 1,3 Kilometer lange Strecke direkt unter der berühmten Meerenge hindurch. In einer Tiefe von 70 Metern unter der Wasseroberfläche verlaufen zwei Gleisröhren. Sie verbinden Kontinente: Europa und Asien. Rund zehn Jahre lang, ab 2004, errichteten Ingenieure aus aller Welt den sogenannten Marmaray-Tunnel. Seit 2013 fährt die innerstädtische Metro durch das Bauwerk, das inklusive Anbindungstunnel 13,3 Kilometer lang ist. Ende 2016 soll es dann auch für den Fernverkehr freigegeben werden und die europäische Seite Istanbuls ans anatolische Schnellzugnetz anschließen.

 

Marmaray-Tunnel in Istanbul

Marmaray-Tunnel in Istanbul

Megastaus sind in Istanbul an der Tagesordung, denn die türkische Metropole wächst und wächst.

 

VON DER STRASSE AUF DIE SCHIENE

 

DAS PROBLEM

Megastaus sind in Istanbul an der Tagesordung, denn die türkische Metropole wächst und wächst. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass im Jahr 2025 mehr als 20 Millionen Menschen hier leben werden. Zu viel für das bereits heute chronisch verstopfte Straßennetz. 

 Schienengebundene Nahverkehrsmittel führen in der Stadt dabei ein Nischendasein. Nur rund ein Zehntel aller Fahrten werden mit U-Bahn oder Straßenbahn zurückgelegt. Die überwiegende Mehrheit der Menschen nutzt Busse oder das eigene Auto. 

 

DIE LÖSUNG

Istanbul investiert massiv in den Ausbau des Schienennetzes. Ein zentrales Projekt ist der MarmarayTunnel, der die europäische und die asiatische Seite der Stadt verbindet.Bis zu 75. 000 Passagiere sollen stündlich über diese zentrale Achse von einem Kontinent zum anderen gebracht werden. Während in Istanbul am Marmaray-Projekt gearbeitet wird, bauen Ingenieure und Arbeiter in Anatolien außerdem ein Netz von modernen Hochgeschwindigkeitstrassen. Marmaray soll ergänzend dazu nicht nur den Istanbuler Stadtverkehr entzerren, sondern auch den länderübergreifenden Güterverkehr in den Nahen Osten und weiter nach China erleichtern.

 

 

 

Man kennt sich, im Marmaray-Tunnel. Seit 2012 ist TÜV SÜD als Gutachter involviert und seit dieser Zeit betreut Valentina Monaco das Projekt. Die promovierte Eisenbahningenieurin ist während dieser Zeit regelmäßig von ihrem Büro im österreichischen Graz in die türkische Millionenmetropole geflogen, hat Pläne geprüft, mit Technikern gesprochen, bereits installierte Anlagen kritisch begutachtet. Hat sich als oft einzige Frau unter Dutzenden Männern erfolgreich behauptet und ihr Veto eingelegt, wenn Ingenieurbüros wieder zu kühn geplant haben. Hat während dieser Zeit Türkisch sprechen gelernt, das sie nun neben fünf weiteren Sprachen beherrscht. Und hat sich durch ihre fachliche Kompetenz und Erfahrung – unter anderem aus großen Eisenbahnprojekten in Italien und Mexiko – viel Respekt erarbeitet.

 

TECHNISCHES MEISTERWERK

Während Monaco am Rand des Gleisbetts weiterläuft, passiert sie eine Stelle, an der das Grau der Tunnelwand einen anderen Ton hat. „Hier wurden die einzelnen Elemente miteinander verbunden“, erläutert sie. Das hängt mit der speziellen Bauweise des Bosporustunnels zusammen. Denn nur die Anbindungstunnel auf dem europäischen und asiatischen Festland entstanden im klassischen bergmännischen Vortrieb mit riesigen Bohrmaschinen. Das Herzstück, die Passage unter dem Meer hindurch, wurde dagegen im Absenkverfahren gebaut. Elf Tunnelelemente mit bis zu 135 Metern Länge wurden dazu an Land vorgefertigt und mit Transportschiffen hinausgeschleppt. Während links und rechts Frachtschiffe vorbeizogen – rund 50.000 davon passieren jedes Jahr die Wasserstraße – fluteten die Bauarbeiter die Elemente langsam und platzierten sie zentimetergenau in einen Graben am Grund des Bosporus. Nach dem Verbinden der Einzelstücke wurde der Gesamttunnel leer gepumpt und von außen mit Erde bedeckt.

1999 hatte ein Erdbeben die Region östlich von Istanbul erschüttert. Bei einer Stärke von 7,4 auf der Richterskala stürzten Häuser und Brücken ein, fast 20.000 Menschen starben. Das nächste große Beben, vermuten Experten, könnte die türkische Metropole direkt treffen. Denn wenige Kilometer vor den Toren der Stadt verläuft die Nordanatolische Verwerfung. Hier schiebt sich die Anatolische unter die Eurasische Platte – und lässt regelmäßig die Erde zittern. Der Marmaray-Tunnel kann daher Beben bis zu einer Stärke von 7,5 überstehen.

Und wenn doch einmal Wasser in den Tunnel eindringen sollte? „Dann kann er innerhalb von Minuten geräumt und hermetisch abgeschlossen werden“, sagt Valentina Monaco. Sie steht vor einem von vier Fluttoren, ein Smartphone griffbereit in der Hand. Auf ihr Kommando hin ertönt ein Warnsignal, dann schiebt sich eine gelbe Stahlwand langsam von oben durch den Tunnelquerschnitt. Eine Signalanlage klappt weg, dem Fluttor aus dem Weg. Monaco stoppt die Zeit, bis die Wand mit einem Knirschen auf dem Gleisbett einrastet. „Das System verhindert effektiv, dass eindringendes Wasser bis in die U-Bahn-Stationen vordringen kann“, so ihr Fazit.

Frühmorgens, kurz vor 6 Uhr und viele Kilometer später, tritt Valentina Monaco aus der Eingangstür der Metrostation Üsküdar ins Freie. In wenigen Minuten wird die Istanbuler U-Bahn ihren Betrieb wieder aufnehmen. Am Himmel dämmert es bereits, in einer guten halben Stunde wird die Sonne aufgehen. Monacos Blick folgt kurz einem Frachtschiff, bleibt an der beleuchteten Hängebrücke, die den Bosporus seit 1973 überspannt, hängen. Tief atmet sie die frische Morgenluft ein – und schaut noch lange auf die glatte Wasseroberfläche, unter der sie heute Nacht hin- und hergewandert ist.

 

 

Nachts im Tunnel

Auf Inspektionstour mit Valentina Monaco