Johannesburg

Das zweite Leben

 

Sie sind die Könige der südafrikanischen Straße – doch irgendwann wird auch der beste Truck durch einen neuen ersetzt. Dank Eddy Smit ist die Zeit der gebrauchten Fahrzeuge aber noch lange nicht abgelaufen.

 

Etappe 1  ■  München ➡ Johannesburg  ■  10.800 km  ■  Ankunft 05.11.2015, 11:45 UHR  ■  Reisestunde 17  ■  26° C  ■  Gesamtstrecke 10.800 Km

Mit Trucks kennt Eddy Smit sich aus. Lkw sind die Leidenschaft des Südafrikaners. „Je größer, je schwerer, desto besser“, schwärmt er. Seit vier Jahrzehnten dreht sich Smits Berufsleben um die tonnenschweren Mehrachser. In den 1970er-Jahren war er als Fernfahrer unterwegs. Er fuhr durch die rotbraune Steppenlandschaft mit ihren ausladenden Akazien und den tiefrot blühenden Flammenbäumen, um die Industrieregion um Johannesburg mit Maschinenteilen zu beliefern. Oder pendelte mit frischen Lebensmitteln an der Küste zwischen Kapstadt und Durban hin und her, da, wo sich Seehunde, Robben und sogar Pinguine tummeln. Später, als Mechaniker, reparierte er alles, was an den Fahrzeugen kaputtgehen konnte, flickte Hydraulikpumpen, ersetzte Bremsscheiben oder tauschte ganze Achsen aus. „Fast mein ganzes Leben habe ich mit Trucks verbracht“, sagt der 62-Jährige.

Jetzt, an einem Frühlingsmorgen Anfang November, steht Eddy Smit in einer Werkstatt in Centurion nördlich von Johannesburg. Draußen scheint die Sonne gleißend hell vom Himmel, und obwohl es erst 10 Uhr vormittags ist, flimmert die Luft bereits in der Hitze. Im Inneren der großen Halle ist es dagegen angenehm kühl. Eben hat Eddy Smits Kollege Donovan Sloan einen vier Jahre alten MAN-Truck auf die Werkstattgrube gefahren. Leicht vibrierend kommt das Fahrzeug mit dem 480 PS starken Dieselmotor zum Stehen.

 

 

Eddy Smit tritt an den Tank des Lkw. Eine Schweißnaht hat seine Aufmerksamkeit erregt. Mit dem geschulten Blick eines Mannes, der Zehntausende Stunden mit Trucks wie diesem verbracht hat, wandern seine Augen die Naht entlang. Dann fährt er sie mit seinem rechten Zeigefinger ab. „Der Tank hatte schon einen Riss und wurde repariert“, erklärt Eddy Smit. „Wurde aber sehr ordentlich gemacht.“ Während Donovan Sloan noch schnell ein Foto mit der Kamera seines Tablet-PCs schießt, macht sich Eddy Smit eine kurze Notiz auf der Liste seines Klemmbretts. Alles okay.


TOP IN SCHUSS

Seit Anfang 2015 verantwortet TÜV SÜD den sogenannten Rücklaufprozess von MAN-Nutzfahrzeugen. In 22 Ländern kümmern sich Experten von TÜV SÜD seither darum, dass Leasingfahrzeuge und Trucks, die in Zahlung gegeben werden, begutachtet und bewertet werden. Unter dem Label „Top Used“ bringt MAN die gebrauchten Fahrzeuge dann wieder in den Handel. Fast 30.000 Stück kommen jedes Jahr weltweit zusammen – und bei jedem einzelnen Fahrzeug hat TÜV SÜD im Vorfeld genau geprüft, welche Mängel beseitigt werden müssen und welchen Wert die Trucks noch haben.

In Südafrika sind es rund 850 MAN-Fahrzeuge an fünf Standorten, die jährlich von Eddy Smit und seinen sechs Mitarbeitern abgeklopft werden. Bei dem Truck in Centurion ist der technische Experte mittlerweile in die Werkstattgrube gestiegen und inspiziert den vorderen linken Radkasten. Der Stoßdämpfer macht einen arg mitgenommenen Eindruck – „kein Wunder, bei den oft schlechten Straßen“, sagt Eddy Smit. Anders als zu seiner Zeit als Fernfahrer, als Südafrika international weitgehend isoliert war, liefern Speditionen heutzutage auch in die Nachbarländer – nach Namibia, Simbabwe oder Mosambik.

 

Check Back

Tonnenschwere Trucks auf dem Prüfstand

 

 

Bei ihrer Arbeit greifen die Mitarbeiter von TÜV SÜD auf eine speziell entwickelte, internetbasierte Software zurück, die dafür sorgt, dass Fahrzeuge überall auf der Welt nach den gleichen Standards bewertet werden. Und dass in allen Ländern – egal, welche der 18 verschiedenen Projektsprachen der TÜV SÜD-Prüfer spricht – vergleichbare Mängel auch die gleichen Konsequenzen nach sich ziehen. Vor dem Beginn dieses Projekts flog ein Team aus der TÜV SÜD-Zentrale in Deutschland deswegen wochenlang um die Welt, um 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an allen Standorten zu schulen. Regelmäßig finden Weiterbildungen statt, damit die Einheitlichkeit gesichert ist. Auch Eddy Smit und Donovan Sloan trainierten mehrere Tage lang mit der Software und bekommen regelmäßig Besuch aus Deutschland.

 

ERFAHRUNG ZÄHLT

Trotzdem, ohne langjährige Erfahrung funktioniert es nicht. „Der Stoßdämpfer muss natürlich repariert werden“, berichtet Eddy Smit. „Und da ich solche Arbeiten jahrelang gemacht habe, kann ich ziemlich genau abschätzen, was das kostet.“

Eddy Smit nimmt einen Schluck Kaffee aus seiner Tasse. Noch ein paar Angaben in den elektronischen Prüfbericht einarbeiten, dann die abschließende Bewertung. Mit einem Tipp seines Zeigefingers sendet er den Bericht direkt in die globale Datenbank von MAN. Dessen Vertragswerkstätten wissen nun genau, welche Reparaturen noch zu machen sind, bevor der Lkw als „Top Used“-Truck angeboten wird. 

Die Sonne über Centurion steht im Zenit. Mit dem sonoren Brummen seiner sechs Zylinder fährt der tonnenschwere Truck aus der Halle, seinem zweiten Leben entgegen. Auf welchen Straßen wird er als Nächstes unterwegs sein? Wie bisher zwischen Kapstadt und Johannesburg? Oder – viel wahrscheinlicher – in Botswana, Angola oder noch weiter Richtung Äquator, in der Republik Kongo? Eddy Smit zuckt mit den Achseln. Streicht sein kurzärmliges Hemd zurecht und dreht sich auf seinen Absätzen um, dem nächsten Lkw entgegen, den sein Kollege Donovan Sloan gerade in die Werkstatthalle fährt.