São Paulo

Farewell, Favela!

In São Paulo begleiten TÜV SÜD-Mitarbeiter die Umwandlung von Armenvierteln und illegalen Siedlungen in lebenswerte Wohnviertel –  eine herausfordernde und gefährliche Arbeit.

 

Etappe 2  ■  Johannesburg ➡ São Paulo  ■  7.650 Km  ■  Ankunft 06.11.2015, 8:00 Uhr  ■  Reisestunde 33  ■  19°C  ■  Gesamtstrecke 18.450 km

Gerade noch war die Straße asphaltiert, jetzt besteht sie nur aus glitschigem rotem Lehm. Wir sind in Pimentas, einem hügeligen Armenviertel im Nordosten von São Paulo. Es hat geregnet, mit dem Auto kommt man jetzt nicht weiter. Helio da Silva und Monica Garrido parken ihren Dienstwagen am Fuß eines Hügels und betreten eine schmale Straße, gerade einmal eineinhalb Meter breit. Nach wenigen Schritten zweigt links eine weitere Gasse ab, rechts führt der Weg steil nach oben: Die beiden kennen sich in dem unübersichtlichen Straßengewirr gut aus.

Die beiden TÜV SÜD-Mitarbeiter arbeiten für Bureau, ein Unternehmen des Dienstleistungskonzerns in São Paulo. Monica Garrido ist Architektin, Helio da Silva Ingenieur. Ihre Aufgabe in Pimentas ist es, die Umwandlung der Favela, wie die Armen- und Elendsviertel in Brasilien genannt werden, in ein lebenswertes Wohnviertel zu begleiten. Die Behörden in São Paulo haben TÜV SÜD damit beauftragt, mehrere sogenannte „Integrierte Urbanisierungsprojekte“ zu konzipieren und die Maßnahmen zu überwachen. Pimentas ist eines der Interventionsgebiete. In einigen Jahrzehnten soll die Favela verschwunden sein. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

 

Auf engstem Raum

Auf engstem Raum

Eine junge Mutter mit ihren zwei Kindern in der Favela Pimentas. Rund vier Millionen Menschen leben in São Paulo in Armensiedlungen.

 

 

 

 

Die Megacity São Paulo ist mit über 20 Millionen Einwohnern nicht nur die größte Stadt der südlichen Hemisphäre, sondern auch die reichste Stadt außerhalb der Industriestaaten. Im Zentrum ragen glitzernde Wolkenkratzer in den Himmel, die Superreichen fliegen mit dem Helikopter von ihren Villen am Meer oder in den kühleren Bergen zum Landedeck über ihrem Büro. In den Straßen herrscht Dauerstau und am Stadtrand bittere Armut. Jeder zehnte Paulistano lebt in illegalen Siedlungen, oft ohne fließendes Wasser und Kanalisation. Strom, Fernsehgeräte und Handys gibt es allerdings überall, die Favela-Bewohner zapfen einfach die Überlandleitungen an.

 

EINGRIFF INS PRIVATLEBEN

Die beiden TÜV SÜD-Mitarbeiter betreten die Favelas daher niemals bei Dunkelheit und nach Möglichkeit niemals am Wochenende. Dann zieht sich die Polizei aus den Vierteln zurück – es wäre viel zu gefährlich. Auch heute, mitten am Tag, werden die TÜV SÜD-Mitarbeiter von kräftigen Männern mit aufmerksamen Augen begleitet. „Security“, sagt da Silva.

Urbanisierungsprojekte wie jenes in Pimentas sind hochkomplexe Eingriffe in die Infrastruktur eines Viertels, in das soziale Gefüge der Bewohner und in ihr Privatleben. Das verläuft nicht ohne Spannungen. In Pimentas sind beispielsweise 15.000 Menschen betroffen, die sich illegal, aber mit eigenen Händen Hütten und Häuser gebaut haben. 3.269 Haushalte haben die Mitarbeiter von TÜV SÜD gezählt: darunter viele primitive Bretterverschläge, aber auch beinahe luxuriöse Steinhäuser. 

Nur etwa die Hälfte dieser Häuser kann bleiben. Mehr als 1.600 müssen abgerissen werden und für befestigte Straßen, Kanalisation, Wasserversorgung und einen Park, der als grüne Lunge und Erholungsgebiet dienen soll, Platz machen. Es wird Spiel- und Sportplätze, Halfpipes für Skater, Trails für Biker, Grillplätze sowie eine Aussichtsplattform geben.  

„Es ist schwierig für die Menschen, zu akzeptieren, dass ihre Häuser abgerissen werden sollen, obwohl wir ihnen natürlich Ersatz anbieten“, sagt Monica Garrido. „Auch wenn das Leben in den Favelas hart und gefährlich ist, ihr Herz hängt an ihrem Besitz.“

Es mussten jahrelange Gespräche geführt werden, bevor das Projekt begonnen werden konnte. „Wir haben uns mit den Leuten aus jeder einzelnen Straße zusammengesetzt“, sagt Helio da Silva, „und versucht, sie von der Notwendigkeit der Veränderung zu überzeugen. Aber Veränderung macht Menschen Angst, das ist in den Favelas nicht anders als in den Villensiedlungen der Reichen.“

 

 

 

 

UMZUG IN DIE ZUKUNFT

Emine wohnt mit ihrem Mann und Sohn Michael im Zentrum der Favela. Im Bebauungsplan von Monica Garrido trägt Emines Haus die Nummer C 64. Es ist alt, aber geräumig. Im kleinen Hof steht die Waschmaschine, die Küche ist gut ausgestattet, es riecht nach Feijoada, dem berühmten brasilianischen Bohneneintopf mit Fleischbrocken. Das Bad ist elegant in Schwarz gekachelt. Vor dem Elternschlafzimmer führt eine Treppe nach oben in die erste Etage. Hier gibt es zwei Kinderzimmer und noch ein Bad. Für die Verhältnisse in der Favela ist dies eine gutbürgerliche Wohnung.  

Vor der Tür herrscht reger Betrieb. Ein Bagger hebt Gruben für die Kanalisation aus. Der lehmige Weg den steilen Hang hinauf zu Emines Wohnung wird gerade betoniert. Bisher schwemmte es den Lehm bei jedem Regen weg, und die Hütten drohten abzurutschen. Monica Garrido und Helio da Silva sprechen mit den Bauarbeitern, messen nach, achten auf Sicherheitsrichtlinien. Tragen alle Helm und Handschuhe? Sind die Baugruben abgesperrt und die Warnschilder auch an der richtigen Stelle aufgestellt worden? TÜV SÜD ist dafür verantwortlich, dass alles sicher, planmäßig und im Rahmen des Etats von knapp 100 Millionen Euro abläuft.

 

Wandel

Monica Garrido und Helio da Silva bei der Arbeit in der Favela

 

 

Emine begrüßt Monica Garrido mit einem Beijinho, dem brasilianischen Küsschen, das Vertrauen und Zuneigung zeigt. Emine wird vier Meter Hoffläche einbüßen, damit Versorgungsleitungen gelegt werden können. Aber sie darf ihr Haus behalten. Das ist die gute Nachricht. Und die noch bessere Nachricht lautet: Künftig ist sie legale Besitzerin des Grundstücks. Allerdings muss sie dann auch für Wasser und Strom bezahlen, die sie bisher illegal abzapft. „Das ist okay für uns“, sagt Emine, „adeus“. Beijinho.

Unten an der unbefestigten Hauptstraße baut der Tante-Emma-Laden unter Didas Bar gerade schwere Gitter aus Vierkantstahl vor die Tür. Drinnen gibt es Konserven, Süßigkeiten, Seife, Adiletten. Ein Schild weist darauf hin, dass Kreditkarten erst ab einer Summe von zehn Real akzeptiert werden. Das entspricht drei Euro. 

Didas Bar hat noch geschlossen. Von der Dachterrasse aus hat man aber einen guten Blick über Pimentas. Im Vordergrund sieht man die Favela-Häuser. Dicht gedrängt ziehen sie sich zum Tal hinunter. Alle paar Minuten dröhnt ein Flugzeug über den Köpfen. Der internationale Flughafen von São Paulo ist gleich um die Ecke.

 

DIE VORTEILE ÜBERWIEGEN

Im Hintergrund stehen die neuen Wohnblocks von Guarulhos Z. Dieser Bau wurde von TÜV SÜD überwacht – zumindest dann, wenn gebaut wurde. Immer wenn Stadt und Land das Geld ausging, verzögerten sich die Arbeiten. Aber seit zwei Jahren sind einige der Neubauten fertig, und die Favela-Bewohner, die in Pimentas ihre Häuser aufgeben müssen, ziehen um. Für sie ist es eine dramatische Veränderung. Einerseits verlieren sie ihren Besitz im Slum, aber dort lebten sie illegal und stets in der Angst vor Kriminalität, Drogen und Gewalt. Jetzt werden ihre Wohnungen plötzlich legalisiert, mit allen Rechten und Pflichten. Zum Beispiel der Anforderung, Miete, Strom und Wasser zu bezahlen. Rund 60 Euro kostet dies im Monat. Dafür dürfen die Mieter aber nicht nur wohnen, sondern erwerben nach und nach das Eigentum an der Wohnung.

Für die meisten Bewohner überwiegen daher die Vorteile. In den neuen Siedlungen ist es sicher. Mietergemeinschaften bilden sich, es gibt Spielplätze für die Kinder, Schulen, Geschäfte und eine Busstation, von der aus man zur Arbeit in die Stadt fahren kann. Früher waren diejenigen, die Arbeit hatten, oft vier Stunden unterwegs, jeden Tag. Jetzt dauert es mit dem Schnellbus 30 Minuten bis ins Zentrum.

Auf dem Rückweg beobachten wir einen Autofahrer, der versucht, mit einem Mitsubishi über den matschigen Weg zu seinem Haus zu kommen. Es ist ein mühsames Unterfangen. Der Mann lehnt sich aus dem Fenster. „Hey, Freunde“, ruft er, „bringt diesen Mist hier erst mal in Ordnung. Ihr habt noch viel zu tun!“