Shanghai

Hart,
aber herzlich

Sicherheit für die Kleinsten: Bevor Spielzeuge und Kuscheltiere in Kinderzimmern landen, müssen sie durch die Hände von Wenjun Chen. Die Geschichte eines bemitleidenswerten Plüschhasen.


 ETAPPE 6  ■  yonezawa ➡ shanghai  ■  2.250 Km  ■  ANKUNFT 14.11.2015, 10:00 UHR  ■  REISESTUNDE 88  ■  17°C  ■  GESAMTSTRECKE 42.500 KM

Ein weißer Plüschhase: weich, kuschlig, geschaffen, um geliebt zu werden. Er könnte Kinderherzen trösten, wenn sie traurig sind, in den Arm genommen und ganz fest gedrückt werden. So wie Tausende andere Stofftiere, die jeden Tag in China produziert und in großen Containern in die Welt verschickt werden, könnte der Hase irgendwo in Europa oder Amerika einmal der beste Freund eines kleinen Mädchens oder Jungen werden.

Im Moment werden dem Hasen im ersten Stock eines Laborgebäudes am Stadtrand von Shanghai allerdings die Ohren lang gezogen. Die rund acht Zentimeter langen Löffel sind in einen Schraubstock eingespannt, und Wenjun Chen, 24, zerrt an ihnen. Genau zehn Sekunden lang, mit neun Kilogramm Gewicht, wie die Federwaage bestätigt. Dann nickt Chen anerkennend. Sie hat eben ausprobiert, ob sich eines der Ohren durch den starken Zug löst. Aber die Nähte halten, dem Stoffhasen ist nichts anzumerken. In einer Excelliste trägt Chen akribisch das Ergebnis ein. Konkret bedeutet dies: Wenn später ein Kind an dem Ohr des Plüschhasen reißt, kann es dieses unter normalen Umständen nicht abtrennen.

 

Feuer und Flamme

Feuer und Flamme

Der Entflammbarkeitstest steht ganz am Ende der Prüfungen. Danach ist der Plüschhase reif für die Tonne.

 

 

Chens Arbeitsplatz sieht aus wie die Auslage eines Spielwarenladens. Bunt gemischt stehen Stofftiere, Schaukelpferde, ein Kaufmannsladen, quietschbunte Puppen und Packungen mit Bauklötzen in langen Regalen. Für all diese Gegenstände gelten ganz besondere Regeln: Wer diese Spielsachen verkaufen will, muss sicherstellen, dass keine Gefahr von ihnen ausgeht. Das heißt, sie müssen physisch und chemisch absolut unbedenklich sein. Immerhin werden die Spielsachen einmal in Kinderzimmern landen, in den Mund genommen oder an die Wange gedrückt werden, es wird an ihnen gezerrt und gekaut werden. Physische Unbedenklichkeit bedeutet dabei beispielsweise, dass sich keine Einzelteile – wie die Ohren des Plüschhasen – lösen, die ein Kleinkind verschlucken könnte. Hinsichtlich der chemischen Zusammensetzung haben die Gesetzgeber der meisten Staaten sehr strenge Grenzwerte festgelegt: Schädliche Schwermetalle, krebserregende Stoffe wie PAK oder Phthalate – Weichmacher in Plastikspielzeug – dürfen nicht oder nur in extrem kleiner Dosis in Spielwaren vorkommen.

 

WERKBANK DER WELT

All dies wird von Chen geprüft. Die Prüfingenieurin arbeitet im Laborzentrum von TÜV SÜD in Chinas Millionenmetropole Shanghai, einem der größten Handelszentren der Welt. Von hier wird fast alles in die Welt exportiert – zum Beispiel jede Menge Spielwaren. Einige davon gehen über Chens Schreibtisch, Tag für Tag. Direkt nach ihrem Abschluss an der Universität vor eineinhalb Jahren hat sie bei TÜV SÜD angefangen. Die verantwortungsvolle Aufgabe, durch ihre Tätigkeit etwas Sinnvolles zu machen und Kinder vor möglichen Gefahren zu schützen, hat sie vom ersten Moment an überzeugt.

Jetzt ist zunächst der Plüschhase an der Reihe. Chen prüft ihn gemäß der internationalen Norm EN 71-1:2014, der sogenannten Spielzeugrichtlinie, die für Exporte in die Europäische Union vorgeschrieben ist. Jeder Hersteller oder Händler, der ein entsprechendes Produkt in einen Staat der Europäischen Union in den Verkehr bringt, muss nachweisen, dass es die Anforderungen dieser Spielzeugnormen erfüllt.

Weil Sicherheit bei Spielwaren so wichtig ist, führt Chen jeden der vorgeschriebenen Tests akribisch aus – auch wenn er für manche Produkte vielleicht wenig sinnvoll ist. So nimmt sie den Plüschhasen wieder und wieder in die Hand, hebt ihn an einem an der Wand montierten Maßband auf eine Höhe von 850 Millimeter und lässt ihn herunterfallen. Wenig überraschend übersteht das Plüschtier diese Tests unbeschadet.

Nachdem auch noch an allen Pfoten, den Glasaugen und dem Stummelschwänzchen geprüft wurde, ob sich bei genormter Belastung ein Einzelteil lösen lässt, nimmt Wenjun Chen eine Schere in die Hand. Jetzt geht es ans Eingemachte! Unterhalb des Hasenkopfs schneidet die TÜV SÜD-Prüferin ein Loch in das Fell. Weißes Füllmaterial quillt hervor. Chen reibt einige der kleinen Kügelchen in ihrer Hand, legt sie vor sich auf eine Platte, schiebt sie mit einer Pinzette prüfend hin und her. In ihre Excelliste wird sie später eintragen, dass die Sichtprüfung des Füllmaterials keine Verunreinigungen und keine minderwertigen Materialbeimischungen ergeben haben.

Ob das Fell und die Füllung wirklich unbedenklich sind, kann aber nur die chemische Prüfung ergeben. Dazu schneidet Chen weiter an dem Hasen herum, trennt an verschiedenen Stellen kleine Teile ab und verpackt sie in genau beschriftete Tütchen. Diese wandern in ein chemisches Labor, in dem die Inhalte einer genauen Analyse unterzogen werden. Die Daten werden dann später in den Prüfbericht eingefügt.

 

Da brennt der Hase

Mit Wenjun Chen beim Spielzeugtest

 

 

 

Schließlich schreitet Chen zur letzten Prüfung: dem Entflammbarkeitstest. Auch hier gelten für Spielzeuge besonders strenge Regeln. Fängt ein Produkt Feuer, darf die Flamme sich nur langsam ausbreiten. Der Plüschhase sollte im besten Fall also nicht sofort lichterloh brennen. Die Prüferin setzt eine Atemschutzmaske auf und steckt den Hasen auf einen Metallspieß unter einen Rauchabzug. Auf Knopfdruck entzündet sich eine Gasflamme, direkt unterhalb des Hasen. Chen drückt auf den Startknopf ihrer Stoppuhr.

Nur langsam beginnt der Plüschhase zu qualmen, dann züngeln erste Flammen empor, breiten sich einige Zentimeter aus und färben das weiße Fell rußig schwarz. Chen blickt auf ihre Stoppuhr, nimmt schließlich eine Sprühflasche mit Wasser und löscht mit einigen Sprühstößen den brennenden Hasen. Auch diesen Test hat das Plüschtier bestanden.

Im Prüfbericht für den Hersteller wird Chen später bescheinigen, dass der Hase alle Anforderungen erfüllt, um nach Europa exportiert werden zu können. In regelmäßigen Abständen wird sie fortan von Inspektoren gezogene Stichproben aus der laufenden Produktion prüfen. So kann Chen nachvollziehen, ob der Hersteller den Hasen immer noch genauso anfertigt wie das Musterstück, das sie eben untersucht hat.

Für den Plüschhasen aus dem Labor ist die Reise allerdings vorbei. Er hat seinen Zweck erfüllt – und landet direkt in der Mülltonne.