Yonezawa

Komplett verstrahlt?

Smartphone, Bordcomputer für Autos, WLAN: Elektronik durchdringt unsere Welt. Jedes Gerät gibt dabei elektromagnetische Strahlung ab. Ob diese unerwünschte Nebenwirkung auch für den Menschen gefährlich werden kann, prüft TÜV SÜD in seinem Labor im japanischen Yonezawa.

 

ETAPPE 5  ■  houston ➡ yonezawa  ■  11.250 Km  ■  ANKUNFT 13.11.2015, 8:00 UHR  ■  REISESTUNDE 75  ■  15°C  ■  GESAMTSTRECKE 40.250 KM

Fast jeder kennt das Geräusch: Wenn es im Radiolautsprecher wieder einmal rauscht und rhythmisch piept, hat wohl das Smartphone daneben gerade eine SMS empfangen. Vor allem in den Anfangszeiten des Mobilfunks kam es regelmäßig zu solchen Störungen: Sie passierten immer dann, wenn zwei Geräte – zum Beispiel ein Handy und ein Radio – auf ähnliche Funkfrequenzen zugriffen. 

Ein Elektrogerät, das kurzfristig die Lieblingssendung im Radio stört, ist lästig. Manche dieser Störungen können aber auch gefährlich werden: Kann beispielsweise eine  Bluetooth-Verbindung Maschinen der Intensivstation eines Krankenhauses zum Stillstand bringen? Ist es möglich, dass ein Bremsassistent eines Autos unvermittelt das Fahrzeug stoppt, weil er durch öffentliches WLAN beeinflusst wird? Und warum muss man im Flugzeug sein Smartphone ausschalten? 

Eiji Akiba macht sich über solche Fragen keine Gedanken. Nicht, weil er weniger besorgt als andere Menschen ist, sondern aus professionellen Gründen. 

Der 38-Jährige ist Prüfingenieur im weltweit größten Labor von TÜV SÜD für elektromagnetische Verträglichkeitsprüfungen (EMV). Und hier wird jeden Tag dafür gearbeitet, dass Störungen zwischen Elektrogeräten nicht gefährlich werden können. 

 

Wellen-Reinraum

Wellen-Reinraum

In der Absorberhalle prüft Eiji Akiba schon mal ganze Serverschränke auf ihre elektromagnetische Verträglichkeit. Der Raum ist komplett mit Spezialplatten ausgekleidet – und damit auch bei kleineren Versuchen gegen Störungen von außen perfekt geschützt.

 

 

 

In Yonezawa, knapp drei Zugstunden von Tokio entfernt, untersuchen er und seine Kollegen Computer, Mobiltelefone, elektronische Haushaltsgeräte oder medizinische Apparate – vom knopfgroßen Sensor mit Bluetooth-Funktion bis zu kühlschrankgroßen Servern. Selbst ein kompletter Krankenwagen inklusive der gesamten notärztlichen Geräte wurde schon getestet. Kurz zusammengefasst geht es in den modernen Prüfräumen am Stadtrand von Yonezawa um zwei Fragen: Wie viel Strahlung gibt ein Gerät ab? Und wie gut ist es selbst gegen Strahlung geschützt?

Störaussendung und Störfestigkeit nennt der Fachmann diese Eigenschaften. Um Aussagen über sie treffen zu können, muss das Expertenteam um Eiji Akiba einen enormen Aufwand betreiben. Der Grund: Nicht nur Elektrogeräte strahlen Wellen ab. Elektromagnetische Felder gibt es praktisch überall: Die Erde selbst erzeugt sie, die Sonne, aber auch Funkantennen, Sendestationen, WLAN-Router oder Hochspannungsmasten. Wir sind ihnen ununterbrochen ausgesetzt. 

 

PRÜFUNG IM BANKSAFE

Im Prüflabor geht es daher zunächst darum, den Prüfbereich möglichst gut gegen diese Störungen abzuschotten. Die drei fensterlosen Absorberhallen – die größte von ihnen hat fast die Ausmaße einer Schulturnhalle – verbergen sich hinter starken Betonwänden. Sie sind zusätzlich mit speziellem Styropor gepolstert, die Schall und elektromagnetische Wellen zuverlässig schlucken. 

Eiji Akiba betritt eine der Hallen durch eine fast 80 Zentimeter starke Stahltür – wie bei einem Banksafe. Bis auf einen kleinen drehbaren Tisch und eine Messantenne ist der Raum komplett leer. Akiba stellt einen Laptop auf den Drehtisch, schließt ihn ans Stromnetz an und klappt den Bildschirm hoch. Mit einem leisen Surren fährt der Computer hoch.

 

Wellenreiter

Mit Akiba-San in der Absorberhalle

 

 

Exakt zehn Meter von dem Prüfobjekt entfernt befindet sich die Messantenne – kein starres Rohr, sondern eine flexible Konstruktion, die in der Höhe verstellt und gedreht werden kann. Vollautomatisch, versteht sich, denn während eines EMV-Tests darf niemand die Prüfhalle betreten. 

Eiji Akiba verlässt den Absorberraum, schließt und verriegelt die Stahltür und startet das Versuchsprogramm. Mehrere Kameras übertragen die Prüfung in den Steuerraum, sodass Akiba jederzeit manuell eingreifen kann. Der Tisch mit dem Laptop dreht sich langsam im Uhrzeigersinn, die Messantenne fährt systematisch nach oben und unten, vor und zurück, dreht sich um 360 Grad. Aus allen Winkeln und Richtungen werden dadurch die elektromagnetischen Felder registriert, die der Laptop erzeugt. 

Am späten Nachmittag ist klar: Das Gerät funktioniert einwandfrei, die elektromagnetische Strahlung liegt weit unter den vorgeschriebenen Grenzwerten. Der Hersteller, ein Konzern aus Japan, hat eine wichtige Hürde genommen, um den Laptop in Europa, Amerika oder einem anderen Zielmarkt zuzulassen und anbieten zu können. Die Wellen, die der Computer aussendet, haben keine messbare Nebenwirkung auf andere Geräte. Auch seine eigene Störfestigkeit ist stark genug, um abgeschirmt gegen mögliche Strahlung von außen zu sein. 

Und wenn eine Norm einmal nicht eingehalten wird? Dann muss der Hersteller sein Gerät überarbeiten – oder er kann es nicht auf den Markt bringen. Oft kommt so etwas allerdings nicht vor: Die meisten Unternehmen lassen ihre Produkte bereits in der Entwicklungsphase anhand von Prototypen testen – das spart Zeit und Kosten und schützt vor bösen Überraschungen. 

Eiji Akiba weiß: Auch aufgrund der entwicklungsbegleitenden Tests fällt kaum noch ein fertiges Produkt bei den EMV-Tests durch. Deren Störaussendung wird übrigens immer geringer: Längst sind die meisten Smartphones, Tablets und Laptops so konstruiert, dass viele Airlines ihren Gebrauch auch während eines Flugs zulassen. Ausgeschaltet bleiben müssen sie nur noch während der sensiblen Start- und Landephase.