Drohnen

Himmelsstürmer

Drohnen dürften künftig unser Leben in großem Maße beeinflussen. Schon heute leisten die Flugobjekte an vielen Stellen wertvolle Hilfe und lassen damit erahnen, was bald alles möglich sein wird. Ein Einblick in sechs Branchen.

Text Tino Scholz

Die Luft nach oben, so scheint es, ist für Drohnen momentan grenzenlos – zumindest im übertragenen Sinne. „Der globale Markt für Drohnen wird in den kommenden Jahren deutlich wachsen“, glaubt Gerald Van Hoy, Analyst der Marktforschungsfirma Gartner. Dabei werden sich die Einsatzbereiche von (günstigen) Drohnen für den Privatgebrauch und (teureren) Spezialdrohnen für professionelle Einsätze zunehmend überschneiden – mit der Folge, dass kommerzielle Einsätze zunehmend günstiger werden. Für Unternehmen bieten sich damit künftig neue Chancen, mithilfe der Fluggeräte ihre Prozesse zu vereinfachen und Geld zu sparen.

Der regionale Markt in den USA kann in diesem Zusammenhang durchaus als Indikator für die weitere Entwicklung herhalten. Und dieser Markt ist laut der US-Luftfahrtbehörde FAA einer mit besonders viel Potenzial – unter Voraussetzung entsprechender, allgemeingültiger Richtlinien, die sich in vielen Ländern, wie auch in Deutschland, noch in der Ausarbeitung befinden. Während im Jahr 2016 in den USA circa 600.000 kommerziell genutzte Drohnen gekauft wurden, könnten die Verkaufszahlen im Jahr 2020 schon bei 2,7 Millionen liegen. Weltweit werde bis 2020 mit einem Anstieg auf 4,7 Millionen Fluggeräte für die kommerzielle Nutzung gerechnet.

Dass Drohnen von Polizei, Einsatzkräften, aber auch Hilfsorganisationen zur Überwachung und Lagebeurteilung eingesetzt werden, wissen mittlerweile die meisten Menschen. Ebenso kennen die Meisten ihre Verwendung für professionelle Film- und Fotoaufnahmen. Die Möglichkeiten gehen aber viel weiter. ABOUT TRUST stellt sechs Branchen vor, die schon heute auf Drohnen setzen.

Safety First

Skypixel / mccoymiked

Technische Anlagen wie Windräder sind hohen Belastungen ausgesetzt und müssen daher regelmäßig überprüft werden. Keine einfache Sache, denn immerhin hängen die Rotorblätter teilweise in Höhen von über hundert Metern. Sichtprüfungen erfordern darum teilweise den Einsatz speziell ausgebildeter Industriekletterer. Drohnen mit hochwertigen Kamerasystemen können deren Arbeit teilweise ersetzen. TÜV SÜD setzt Drohnen bereits seit rund zwei Jahren ein, um Rotorblätter von Windenergieanlagen zu begutachten. Das spart den Prüfern und dem Betreiber Zeit und Geld, da die erforderlichen Stillstandszeiten der Rotorblätter reduziert werden können. Auch bei Veranstaltungen wie dem Münchener Oktoberfest kommen die Prüfflieger bereits zum Einsatz – zum Check der rund 15 Meter hohen Konstruktionen der Festzelte. Auch für Anlagen am Boden eignen sich Drohnen. Unter anderem werden sie eingesetzt, um Rohrleitungen, zum Beispiel Ölpipelines, von außen zu überwachen.

Überflieger

AFP

 

Den Einsatz von Dünger und Pestiziden gezielt steuern und dadurch reduzieren? Drohnen in der Agrarwirtschaft machen’s schon jetzt möglich. Mit den kleinen Fliegern können großflächige Ackerareale überwacht werden. Über optische Bildaufnahmen können so das Wachstum der Pflanzen oder Schäden, zum Beispiel durch Unwetter oder Unkraut, genau lokalisiert werden. Drohnen helfen auch dabei, Rehkitze vor der Heuernte aufzuspüren und dadurch vor dem Mähdrescher zu retten. Mithilfe von Infrarotaufnahmen können die Landwirte zudem feststellen, wo kranke Pflanzenbestände sind: Gesunde Pflanzen reflektieren die Infrarotstrahlung anders als kranke Pflanzen.Aus China kommt zudem die Idee einer Drohne, die Pflanzenschutzmittel ökologischer versprühen soll. Ein Mikrowellenradar scannt dabei den Boden und wahrt dadurch stets die richtige Sprühdistanz zu den Nutzpflanzen. Auf diese Weise sei die Drohne 40-mal effizienter als die herkömmliche Verteilung von Pflanzenschutzmitteln, sagt der Hersteller. Und die Idee eines japanischen Forschungsteams, Drohnen als „künstliche Bienen“ zur Bestäubung von Pflanzen einzusetzen, ging vor wenigen Wochen durch die weltweiten Medien.

Wetterfrosch

Skypixel / Rodel Dionaldo

Professionelle Drohnen werden in der Meteorologie bereits seit Langem eingesetzt, um Messungen in der Luft vorzunehmen. Aber erst preisgünstige Massenware ermöglicht den flächendeckenden Einsatz, um das Wetter künftig in Echtzeit überwachen zu können und Wetteränderungen zuverlässiger und schneller als bisher vorherzusagen. So kann beispielsweise vor aufziehenden Unwettern effizienter gewarnt werden. Dafür sind die Minihelikopter mit speziellen Sensoren, beispielsweise für Temperatur oder Luftdruck, ausgerüstet. Leistungsstarke Drohnen können sogar in die Zentren von Tornados, Hurrikanen und Taifunen geflogen werden. Doch nicht nur für Kurzzeitprognosen taugen die Flugobjekte: Bereits seit dem Jahr 2000 untersuchen Drohnen die Beschaffenheit des Meereises in den Polarregionen. Im vergangenen Jahr führten Meteorologen und Physiker Messungen für das Klimaforschungsprojekt ISOBAR nördlich des Polarkreises durch. Ziel des Projektes ist es, Klimaveränderungen besser zu verstehen und somit das Wetter, das für die Welt in Zukunft erwartet wird, einzuschätzen. Im Gepäck hatten die Forscher selbst entwickelte, besonders widerstandsfähige Drohnen. Mit diesen maßen sie meteorologische Parameter wie die Temperatur und die Windgeschwindigkeit, aber auch die Zusammensetzung von Seeeis.

Fallschirmspringer

Deutsche Post DHL Group

Der Hubschrauber als Paketlieferant – diese Vision, die unter anderem vom Versand- und Logistikriesen Amazon entwickelt wurde, ist eines der bekanntesten möglichen Einsatzgebiete der Zukunft. Von Frank Appel, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Post AG, stammt die Bemerkung, dass manche Briefträger womöglich schon bald eine Lizenz zum Drohnenfliegen benötigen. Noch werde der Einsatz erst für ausgewählte Anwendungsfälle getestet, zum Beispiel für Medikamente, die an schwer erreichbare Orte geliefert werden müssen. Erste erfolgreiche Pilotprojekte der Post gab es auf den Ostfriesischen Inseln und in Bayern. Im britischen Cambridge hat Amazon im vergangenen Jahr seine erste Lieferung per Drohne durchgeführt. Der Flieger legte das Paket 13 Minuten nach der Bestellung auf einer Landemarkierung im Garten des Bestellers ab und flog zurück. In Zukunft müssen die Drohnen womöglich gar nicht mehr landen – stattdessen werfen sie das Päckchen einfach aus der Luft ab. Damit das Paket nicht auf dem Boden zerschellt und die Lieferung über mehrere Quadratmeter Fläche verteilt wird, soll ein Fallschirm den Sturz bremsen. So weit die Idee: In seiner Studie „Forecast: Personal and Commercial Drones, Worldwide” von 2016 bremst der Marktanalyst Gartner allerdings die Erwartungen: In absehbarer Zeit würden Logistikdrohnen allenfalls in Nischen eingesetzt werden und maximal ein Prozent der kommerziell genutzten Flieger ausmachen. Denkbar wäre zum Beispiel der Einsatz innerhalb von Unternehmen auf großen Firmengeländen.

Datensammler

Skypixel / Ludovic Moulou

Drohnen können mit ganz unterschiedlichen Sensoren bestückt werden. Das macht sie für Wissenschaftler verschiedenster Fachbereiche interessant. Zum Beispiel für Archäologen: Mithilfe der kleinen Hubschrauber können archäologische Stätten an schwer zugänglichen Orten untersucht werden – ohne dass das Umfeld verändert oder beeinflusst wird. Im naturwissenschaftlichen Bereich sind die Einsatzmöglichkeiten grenzenlos: So untersuchten Verhaltensforscher bereits das Jagdverhalten von Buckelwalen. Vulkanologen nutzen die Quadrokopter, um spektakuläre Bilder von Lavaseen zu liefern. Und selbst Korallenriffe können dank hochauflösender Spezialkameras aus der Luft untersucht werden.

Baywatch reloaded

Andreas Herz

Für Schwimmer in Not könnte die Rettung an der französischen Atlantikküste künftig aus der Luft kommen. Am Strand von Biscarrosse, südwestlich von Bordeaux, wurde im vergangenen Sommer eine Drohne getestet, die helfen soll, Badende vor dem Ertrinken zu retten. Das Gerät unterstützt die Rettungsschwimmer, die in den hohen Wellen oft Schwierigkeiten haben, abtreibende Schwimmer zu erreichen. Die Drohne ist in Sekundenschnelle vor Ort und wirft eine Boje ab, die sich bei Wasserkontakt aufbläst und an der sich der Badende klammern kann.