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Transalpine Ölpipeline

Die versteckte Lebensader

Von der Adriaküste über Österreich bis nach Süddeutschland: Die Transalpine Ölleitung ist eine der wichtigsten Transporttrassen Europas. In diesem Jahr wird die Pipeline 50 Jahre alt.

Text Felix Enzian und Tino Scholz

Massimo Diminich macht schon früh klar, dass das ein besonderer Moment ist. „Hier drin zu sein, ist nicht selbstverständlich“, erzählt er. „Ganz einfach, weil es die meiste Zeit unmöglich ist.“ Allein steht Diminich in der riesigen runden Tankanlage, in der normalerweise Tausende Liter Rohöl lagern. Es ist finster und still, jedes Wort hallt durch die Dunkelheit, die Decke hängt nur knapp zwei Meter über dem Boden. „Das Öl drückt die Decke eigentlich nach oben. Gerade aber wird der Tank gewartet, deshalb ist er leer, fast schon verlassen“, sagt Diminich. Dann atmet er tief ein. Das Öl mag fehlen, der unangenehme Geruch ist noch da.

Kurze Zeit später klettert Diminich schon wieder heraus aus der Dunkelheit, blinzelt in die Sonne und blickt auf 31 weitere Tanks. Er ist der technische Manager bei der Società Italiana per l’Oleodotto Transalpino, der italienischen Teilgesellschaft der TAL-Gruppe. Die TAL, kurz für: Transalpine Ölpipeline, ist eine Lebensader der mitteleuropäischen Ölversorgung. 465 Kilometer lang ist die Pipeline, die das Öl aus Italien bis nach Süddeutschland pumpt und acht Raffinerien in Österreich, Tschechien und Deutschland versorgt. Hinzu kommen zwei insgesamt 288 Kilometer lange kleinere Pipelines. Bayern und Baden-Württemberg werden zu 100 Prozent mit Rohöl beliefert, Österreich zu 90 Prozent und Tschechien zu 50 Prozent. „Und hier in diesen Tanks beginnt alles“, erzählt Diminich.

Das Tanklager befindet sich in San Dorligo del-la Valle, östlich der italienischen Hafenstadt Triest. Diminich sagt, er kenne hier jeden Zentimeter. Eine beachtliche Leistung bei 1,2 Millionen Quadratmetern Fläche. Ohnehin sind hier alle Zahlen ziemlich imposant: Von San Dorligo della Valle aus werden jährlich circa 40 Millionen Liter Öl in die Pipeline gen Norden geschickt. 1,4 Milliarden Liter in den vergangenen 50 Jahren. Die TAL ist ein Jahrhundertprojekt, eine Ingenieursmeisterleistung, die dieses Jahr ihren 50. Geburtstag feiert. Der Wirtschaftsaufschwung und der daraus resultierende Energiebedarf machten in den 1960er-Jahren den Bau neuer Raffinerien und von Pipelines notwendig. Die TAL wurde dann auch in gerade einmal 1.000 Tagen gebaut. Sie ist eines der ersten europaübergreifenden Projekte, das im Nachgang des Zweiten Weltkriegs initiiert wurde und länderübergreifend für wirtschaftlichen Wohlstand sorgte.

Öl aus der gesamten Welt

Diminich sitzt mittlerweile wieder im Auto und steuert es zielsicher durch das Labyrinth der 32 Tanks. Sein Ziel ist das Herzstück der TAL, das Kontrollzentrum im Verwaltungsgebäude. Von dort wird das auf dem Seeweg ankommende Rohöl disponiert, gemeinsam mit der deutschen TAL-Zentrale in München die Nachfrage der Raffinerien abgeklärt und das Tanklager sowie die Pipeline überwacht.

Im Kontrollraum angekommen, offenbart sich auf der einen Seite eine breite Fensterfront. Sie bietet einen beeindruckenden Blick über eine Vielzahl der weißen Tanks, die wie gelandete Ufos im Tal liegen. Auf der anderen Seite, hoch oben an der Wand, wacht eine kleine Jesusstatue über allem. Sicher ist sicher. „Die Sicherheit ist das Wichtigste“, sagt Diminich und zeigt auf die vielen Bildschirme. Es sind mehr als 15, an denen drei Mitarbeiter die Tanks und die Pipeline in Gänze überwachen. Dort ist zu sehen, wie viel Öl gerade durch die Pipeline gepumpt wird. Es sind rund 6.800 Kubikmeter pro Stunde, nahe am Maximum von 7.500 Kubikmetern. Bevor das Öl in die Pipeline fließt, wird es im Tanklager auf Quantität und Qualität geprüft. „Wir geben es in Labore und lassen es untersuchen. Außerdem haben wir bei der Füllmenge eines Lagertanks eine Toleranz von fünf Millimetern bezogen auf 20 Meter Füllhöhe“, sagt Diminich.

Disponenten in einem Nebenraum ordern das Öl aus der gesamten Welt, nachdem sie mit den angeschlossenen Raffinerien deren Bedarf geklärt haben. „Der logistische Aufwand dahinter ist enorm. Pro Jahr docken 500 Schiffe hier im Hafen von Triest an und lassen das Öl über kleinere Pipelines ins Lager fließen“, erklärt Diminich. „Das Öl ist dann nie länger als 24 Stunden hier. Es soll immer in Bewegung sein.“ Aus den Tanks gelangt es direkt in die große Pipeline. Mit zwei Metern pro Sekunde wird es Richtung Deutschland gepumpt.

Öl ist der wichtigste Rohstoff der Welt. Zwar werden erneuerbare Energiequellen wie Wind oder Solar immer wichtiger – doch ohne Öl werde es noch lange nicht gehen, sagt auch Alessio Lilli, Generalmanager der TAL-Gruppe. „Gegenwärtig ist das Öl weiterhin eine der günstigsten Energiequellen. Es ist wichtig für die Petrochemie. Ohne Öl könnten keine Flugzeuge fliegen, keine Autos fahren und unzählige Häuser nicht beheizt werden.“

Für den TAL-Chef ist die Transalpine Pipeline daher auch eine Art Botschafter. Oder eine „Brücke“, wie er es nennt. „Das Öl fließt nicht nur von Süden nach Norden, sondern es fließt auch Wissen von Norden nach Süden. Die Gemeinschaft wächst durch die TAL. Außerdem haben wir den Begriff Pipelife etabliert. Er soll zeigen, dass das Leben der Menschen durch das Öl und die Pipeline nicht negativ beeinflusst wird.“ 4.000 Markierungspfähle gibt es entlang der Trasse. Ohne diese würde man die TAL oft kaum wahrnehmen, denn die Pipeline verläuft zu großen Teilen unterhalb der Erde. Von Triest aus führt sie an Udine vorbei, auf österreichischem Boden durchquert sie Osttirol und passiert in einem Stollen auf Höhe des Felberntauerntunnels den Alpenhauptkamm, wo sie mit 1.572 Metern über dem Meeresspiegel ihren höchsten Punkt durchläuft. Vorbei an Kitzbühel und Kufstein erreicht sie bei Kiefersfelden Deutschland. Die Pipeline kreuzt insgesamt 30 Flüsse und 130 Bäche.

Eine Pipeline – acht Raffinerien

Die TAL versorgt in Tschechien zwei Raffinerien (Kralupy und Litvinov), in Österreich Schwechat sowie in Deutschland Ingolstadt, Karlsruhe, Neustadt an der Donau, Vohburg und Burghausen.

10.000 Lkw-Fahrten werden eingespart

Über verbundene Pipelines werden entlang des Weges Raffinerien in Tschechien und Österreich beliefert, die Hauptleitung steuert aber immer auf ihren Fixpunkt Ingolstadt zu. Dort teilt sie sich in zwei weitere Pipelinetrassen: Eine verläuft nach Westen und endet in der Nähe von Karlsruhe, die andere verläuft nach Osten und endet bei Neustadt. Emissionsfrei, wie Alessio Lilli sagt. „Die Pipeline spart bis zu 5.000 Lkw-Fahrten sowie die leeren Rücktouren pro Tag. Und sie ist sicher. Dafür sorgen wir und unsere Partner jeden Tag.“

Wie das aussieht, zeigt sich zum Beispiel 500 Kilometer nördlich von San Dorligo della Valle bei Nördlingen. Dort stapft Ingo Mosters eingehüllt in Schutzoverall und Gummistiefel durch den Matsch eines bayerischen Maisfelds, immer auf der Suche nach möglichen Problemen an der Pipeline. Mosters ist TÜV SÜD-Sachverständiger, er und seine Kollegen kümmern sich im Auftrag der Genehmigungsbehörde und der TAL-Betreibergesellschaft ganzjährig um die Sicherheit des deutschen Streckennetzes. TÜV SÜD hat dabei ein breites Spektrum an Aufgaben: neben den routinemäßigen Inspektionen der Integrität der Pipeline etwa auch die wiederkehrende Prüfung der Sicherheitstechnik in den deutschen Pumpstationen. Alle zehn Jahre wird auch ein komplexes Messmolchsystem durch die Pipeline navigiert. Es spürt Fehler wie Beulen, Wanddickenminderungen oder Risse im Rohrleitungssystem auf. Wenn die Möglichkeit besteht, dass eine Fehlstelle sicherheitsrelevant ist, wird sie persönlich begutachtet. So wie jetzt von Ingo Mosters, der bei Nieselregen und matschigem Boden im Maisfeld abtaucht.

Damit Mosters die auffällige Stelle inspizieren kann, hat eine Baufirma eine Grube ausgehoben. Mehrere Meter der Pipeline liegen darin frei. Zusammen mit Tobias Keibl von der TAL klettert Mosters unter das Rohr. 7,92 Millimeter beträgt die Solldicke in diesem Abschnitt der Pipeline. Bei der Fehlstelle sind es 2,6 Millimeter weniger, notiert Mosters. Später am Schreibtisch wird er exakt berechnen, ob die Außenkorrosion eine Gefahr darstellen könnte.

Wenn ja, muss dieser Abschnitt der Rohrleitung saniert werden. Denn falls sich tatsächlich ein Leck in der Pipeline bildet, droht eine Katastrophe. Mosters erinnert an einen Störfall an der SPSE-Pipeline in Frankreich. 4.000 Kubikmeter Rohöl flossen dort vor acht Jahren in ein Naturschutzgebiet. Die Inspektionen von TÜV SÜD minimieren solche Risiken. Der Aufwand bei den regelmäßigen Überprüfungen sei dabei so hoch, dass in den vergangenen Jahrzehnten bisher jede Problemstelle rechtzeitig entdeckt und gegebenenfalls saniert werden konnte, sagt Mosters. „Das zeigt, dass die Vorgehensweise und der Turnus der Untersuchungen ihren Zweck erfüllen.“

Am Ende soll das Öl ja auch da ankommen, wo es gebraucht wird: in den Raffinerien. So wie in Ingolstadt, dem deutschen Knotenpunkt der Pipeline. Das TAL-Tanklager Lenting liegt direkt neben der Gunvor Raffinerie, die zur Gunvor Group mit Hauptsitz in Genf gehört. In Ingolstadt finden im Oktober die Jubiläumsfeierlichkeiten ihren Höhepunkt. Vor genau 50 Jahren kamen dort die ersten Tonnen wertvollen Rohöls aus Italien an.

„Unser Werk hat eine Verarbeitungskapazität von fünf Millionen Tonnen pro Jahr“, erzählt Gerhard Fischer, der Leiter der Raffinerie. „Unsere Produktpalette umfasst Flüssiggase, Chemiegrundstoffe wie etwa Propylen, Ottokraftstoffe, Flugtreibstoff, Dieselkraftstoffe, Heizöl, schweres Heizöl bis hin zuflüssigem Schwefel.“ Kurz gesagt: alle Ausgangsprodukte, die in unserem Alltag zu jeder Zeit Verwendung finden.

Alle Verarbeitungsprozesse laufen dabei umweltfreundlich in geschlossenen Systemen ab – und das passt zur Ausrichtung der Raffinerie. Diese produziert unter den strengsten Umweltstandards, genannt EMAS. „Denn ein sicherer und umweltfreundlicher Betrieb stärkt am Ende das Vertrauen in der Bevölkerung“, sagt Fischer. Auch TÜV SÜD hilft mit: Das Unternehmen ist schon seit vielen Jahrzehnten der Partner bei der Überprüfung von Sicherheitsstandards, bei der Abnahme von Apparaten, sowie der alle fünf bis sechs Jahre stattfindenden Revision, in der die komplette Anlage auf ihre Funktionstüchtigkeit untersucht wird.

Partner von Anfang an

Foto: Nürnberg Luftaufnahmen

Partner von Anfang an

Die Raffinerie in Ingolstadt ist der deutsche Fixpunkt der TAL seit 1967.

Die Sicherheit und Zuverlässigkeit der eigenen Raffinerie ist für Fischer keine Selbstverständlichkeit, sondern es muss ständig daran gearbeitet werden, dass es so bleibt – aber auch die Verlässlichkeit der TAL beeindruckt ihn. „Die Köpfe, die damals den Bau einer Rohölpipeline über die Alpen erwogen und beschlossen haben, waren weise und vorrausschauend. Der Bau hat dazu beigetragen, dass Bayern sich selbst mit Energie versorgen konnte, und somit von einem reinen Agrar- zu einem hochkarätigen Industriestaat gewandelt hat“, sagt Fischer. „Die Ansiedlung von Gewerbebetrieben aller Art war die Folge und das brachte Arbeitsplätze und Wohlstand für die Menschen in der Region.“

Doch die Welt verändert sich. Die Diskussion um erneuerbare Energien und die Klimawende machen nicht Halt vor den Toren der Raffinerie. Gerhard Fischer geht damit proaktiv um. „Wir wollen nicht Gegner, sondern Partner sein bei den zukünftigen Veränderungen. Denn wir sind der Auffassung, dass Öl auch in der Welt von morgen eine bedeutende Rolle bei der Energieversorgung in Deutschland spielen wird. Der Grund liege auf der Hand: „Ölprodukte für Mobilität und Wärme sind sicher verfügbar, leicht zu transportieren, langfristig lagerfähig und bezahlbar für alle Verbraucher“, sagt Fischer. Seiner Meinung nach ist die Synergie aus erneuerbaren und fossilen Energien in den nächsten Jahrzehnten Erfolg versprechend. „Von daher bin ich sicher, dass sowohl wir als auch die TAL in der Zukunft weiter eine bedeutende Rolle spielen werden.“

Und so wird diese Form der Energie noch lange durch die Rohre der Transalpinen Ölleitung fließen. Knapp drei Tage sind von der Anlieferung im italienischen Seehafen bis zur Ankunft in Ingolstadt vergangen. Ein Fluss über drei Staaten und 465 Kilometer, der bislang nie versiegt ist, und stets wieder von vorn beginnt. Seit 50 Jahren.