KOLUMNE

Herr Schulz, WAS DENKEN SIE ÜBER...

Vertrauen?

Weltrekord-Slackliner Alexander Schulz über das Balancieren über dem Abgrund.     

Illustration Joe Waldron

Für viele Menschen wäre es der Horror, auf einem 2,5 Zentimeter schmalen Polyesterband in schwindelerregender Höhe über eine Schlucht zu balancieren. Für mich ist der Gang über solche Highlines Alltag. Ich bin professioneller Slackliner – und teste mit Vorliebe die Grenzen des menschlich Machbaren. 

Das bedeutet für mich: Je extremer die Bedingungen, desto größer ist für mich die Herausforderung. Trotzdem bin ich kein Adrenalinjunkie, denn ich laufe nur gesichert und verliere niemals den Respekt vor der Höhe. Es ist eben die menschliche Urangst vor der Ausgesetztheit, die niemals ganz verschwindet.

Vertrauen spielt für mich ohnehin eine sehr große Rolle. Zum einen ist die Basis für jede Highline-Überquerung, dass man absolutes Vertrauen in das Material selbst, aber auch in die Ankerpunkte hat. Man muss überzeugt davon sein, dass die Konstruktion hält. Dazu gehört auch, dass ich meinem Team, das die Slackline aufbaut, zu 100 Prozent vertrauen kann. Sie dürfen nicht mehr als einen Fehler machen. Ein Fehler kann noch aufgefangen werden, weil bei einer Highline alles redundant aufgebaut wird. Es gibt zwei unabhängige Systeme, die mich sichern. Im Falle eines Sturzes oder Systemversagens würde mich das zweite System auffangen, und ich würde gesichert an der Slackline hängen bleiben. Ein zweiter Fehler wäre lebensgefährlich.

Dass ich wirklich Panik bekomme, passiert also sehr selten. Trotzdem gibt es auch Momente, in denen mir die schiere Kraft der Natur bewusst wird. Letzten Herbst lief ich in der französischen Auvergne über die längste Nylon-Highline der Welt. Sie war 615 Meter lang und führte 200 Meter über eine Schlucht. Diesen Rekordversuch musste ich allerdings abbrechen, weil es zu gefährlich wurde.

Schon im Laufe des Tages waren die Bedingungen wegen starker Winde schlecht. Als die Sonne unterging, drehte der Wind dann plötzlich auf über 100 Kilometer pro Stunde, das heißt, ich wurde 100 Meter zur Seite gedrückt. Die Slackline war wie ein gigantisches Lasso, das durch die Luft peitschte. Ich habe am ganzen Körper gespürt, was da für rohe Kräfte walten, und musste darauf vertrauen, dass das Material den Orkanböen standhält. Es hielt. 

Abschrecken lasse ich mich davon allerdings nicht. Das nächste Projekt ist schon in Planung. Ich möchte mit meinem Team auf den Pico de Orizaba steigen. Das ist der höchste Berg in Mexiko. Der Gipfel befindet sich mehr als 5.600 Meter über dem Meeresspiegel – und ist gleichzeitig ein erloschener Vulkan. Unser Ziel ist es, eine Slackline quer durch den 400 Meter breiten Krater zu spannen. Für mich wird das eine doppelte Herausforderung – denn zum eigentlichen Lauf kommt noch die extreme Höhe hinzu.


FOTO: one inch dreams

Alexander Schulz, 26 Jahre, geboren im oberbayerischen Rosenheim, hält mehrere Weltrekorde im Slacklining.


Mehr Infos: 
oneinchdreams.com und facebook.com/oneinchdreams