Sharing Economy

Neue Roller für die Stadt

In vielen südeuropäischen Städten gehören Motorroller seit Jahrzehnten zum Straßenbild. Jetzt könnten die wendigen Zweiräder weitere Metropolen erobern – als Elektro-Scooter. Sharingmodelle erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Text Tino Scholz

Wird Europa etwas chinesischer? Auf unseren Straßen könnte diese Frage schon bald mit Ja beantwortet werden. In der Volksrepublik knattern schon seit Jahren kaum noch Motorroller durch die Großstädte, sie surren vielmehr. Mehr als 20 Millionen Scooter mit elektrischem Antrieb wurden allein vergangenes Jahr dort verkauft – Tendenz steigend. Jetzt wollen mehrere Unternehmen die emissionslosen Flitzer auch nach Mitteleuropa bringen. „Wir wollen zu einer globale Marke werden", sagt etwa Token Hu, Eigentümer des chinesischen Anbieters Niu.

Was die Ambitionen der E-Roller-Anbieter in der Praxis bedeuten, lässt sich bereits in Metropolen wie Berlin oder Paris beobachten. Hier sind die Zweiräder bereits angekommen – und werden zunehmend im Straßenbild sichtbar. „Die Städte wandeln sich. Feinstaub wird ein immer größeres Thema, der Platz zunehmend knapper. Die Tendenz zur Nutzung von E-Rollern ist absolut da“, sagt auch Mobilitätsforscher Enrico Howe vom Berliner Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel. „Wir nehmen eine sehr dynamische Entwicklung wahr.“

Das Zauberwort heisst: Sharing

Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Scooter sind für kurze Distanzen in der Stadt gedacht, die damit vor allem in verstopften Metropolen schneller zurückgelegt werden können. Reichweite spielt anders als beim Auto eine geringere Rolle. Zudem sind wegen des niedrigeren Gewichts kleinere Motoren und Batterien einsetzbar, die ähnlich wie bei Elektrofahrrädern auch ohne größere Umstände zu Hause aufgeladen werden könnten. Nicht zuletzt wird die Parkplatzsuche um einiges erleichtert.

FOTO: stocksy / Jesse Morrow

Und dennoch: Der entscheidende Durchbruch fehlt noch. Zahlreiche Hersteller haben bislang eher erfolglos einzelne E-Modelle auf den Markt gebracht, der große Erfolg ist ausgeblieben. Genaue Zahlen gerade für die kleineren Scooter mit einer Leistung von bis zu vier Kilowatt, liegen wegen der fehlenden Zulassungspflicht nicht vor, der europäische Branchenverband ACEM geht von einem Elektroanteil von höchstens zwei Prozent aus. Auch in China, wo Millionen der elektrisch betriebenen Zweiräder verkauft werden, und das als Vorbild taugen soll, haben vor allem staatliche Eingriffe dafür gesorgt, dass die E-Roller so beliebt sind. Warum also sollten die E-Roller plötzlich in Europa an Beliebtheit gewinnen?

Das Zauberwort im Zusammenhang mit der europäischen Offensive heißt: Sharing. „Viele Staaten wie Deutschland sind beileibe keine Rollernationen“, sagt der Experte Howe. „Dennoch liegt vor allem im Sharing eine Chance, weil die Nutzung ungebundener ist und man sich nicht auf Jahre auf ein Gefährt festlegen muss.“ Insbesondere junge Menschen wollen stressfrei im Stadtverkehr unterwegs sein, aber nicht unbedingt ein eigenes Fahrzeug besitzen. Urbane Mobilität werde sich daher in den nächsten Jahren grundlegend in diese Richtung verändern.

Auch Howe sagt: „Am Ende spricht die multimodale Mobilität eindeutig für die E-Roller. Jeder sollte überall dazu in der Lage sein, seine Fortbewegung zu organisieren. Gerade das Problem der sogenannten ersten und letzten Meile spielt dabei eine große Rolle. Der Nutzer fragt sich nicht mehr: Wo parke ich jetzt mein Auto? Sondern es heißt: Wo ist die nächste Shared-Mobility-Möglichkeit?“ E-Scooter reihen sich ein in ein Angebot bestehender Möglichkeiten wie Carsharing und Bikesharing – und ergänzen sich im besten Fall gegenseitig.

Dies zeigen auch die steigenden Zahlen – auch wenn sich diese noch auf niedrigem Niveau bewegen. Von den weltweit als Leihmodelle angebotenen Rollern fahren bereits 80 Prozent elektrisch betrieben. Die größte Zahl an Elektrorollern surrt momentan vor allem durch Berlin und Paris.

 

Flächendeckende Händlernetze

Das System funktioniert wie bei den großen Carsharing-Anbietern: Eine Smartphone-App zeigt, wo in der Stadt ein freies Fahrzeug steht, der registrierte Nutzer bucht spontan und stellt das Fahrzeug nach der Fahrt irgendwo im Geschäftsgebiet wieder ab. Abgerechnet wird entweder nach Minuten, nach gefahrenen Kilometern oder über eine Pauschale. Anscheinend so erfolgreich, dass die Anbieter weiter ausbauen wollen. So sollen für die Niu-Scooter von Token Hu aus Asien demnächst flächendeckende Händlernetze in Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien und Belgien folgen. In diesen fünf Ländern wolle man pro Jahr rund 10.000 Roller verkaufen, kündigt das Unternehmen an.

Einzig das Wetter dürfte die Ambitionen bremsen: Das gemäßigte Klima in Mitteleuropa mit seinen kalten Wintern und eher feuchten Sommern dürfte die Rollernutzung immer begrenzen: Die Modelle bieten kein Dach über dem Kopf und sind bei kalter oder nasser Witterung eher unpraktisch. Sie bieten wenig Platz, um Lasten zu befördern. Sie sind auch nur in Metropolregionen einsetzbar, da die Batterien nicht für außerstädtische Touren ausgelegt sind. Roller dürften daher eine schnelle Alternative für die angenehmen Tage des Jahres sein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.