Mobilität in Detroit

Neustart!

Ganz oben, ganz unten – und wieder zurück? Detroit, einst die Herzkammer der US-amerikanischen Industrialisierung, hat wegen der Automobilindustrie einen unvergleichlichen Aufstieg und Niedergang erlebt. Jetzt prosperiert die Metropole wieder – und erneut stehen  Autos im Mittelpunkt.

Text Tino Scholz  Illustrationen Joe Waldron

Huei Peng kennt die Zahlen, die in den vergangenen Monaten den Großraum Detroit elektrisiert haben. All diese Milliardenbeträge, die die Autobauer in den kommenden Jahren investieren wollen. In Technologiezentren, in Testgelände für autonomes Fahren, in ganze Flügel riesiger Einkaufszentren, in denen Co-Working-Spaces entstehen sollen für kreative Köpfe, die die Mobilität von morgen erdenken. „Wenn es um die Zukunft der Automobilität geht“, sagt Peng, „wird kaum einer um Michigan mit seinem Zentrum Detroit herumkommen.“

Peng steht dem Mobility Transformation Center an der Universität von Michigan vor, qua Amt beschäftigt er sich intensiv mit den gegenwärtigen und künftigen Entwicklungen der Mobilität in den USA. Dass gerade massiv in den Standort investiert wird, überrascht ihn weniger. Es gebe in den USA eben keine wirkliche Alternative zu Detroit, sagt er. „Hier ist das Know-how der Autoindustrie versammelt.“

Michigan ist der unangefochtene Spitzenreiter des US-Markts bei der Produktion von Fahrzeugen. 16 Originalhersteller (OEMs) haben laut offiziellen Angaben ihre Zentralen oder Technologiecenter in dem Bundesstaat. Neben den Big Three aus General Motors, Ford und Fiat-Chrysler sind auch Toyota, Volkswagen, Nissan oder Hyundai mit Niederlassungen vor Ort. 92 der weltweiten Top-100-Zulieferer sind ebenfalls in Michigan angesiedelt. Dazu kommt, dass es auch immer mehr Unternehmen aus den Bereichen Technologie, Infrastruktur und Versicherungswesen nach Detroit zieht, um das Feld des vernetzten Fahrens voranzutreiben.

Manch ein Beobachter fragt sich momentan schon: Beginnt am Eriesee wieder eine Erfolgsgeschichte wie vor etwas mehr als einem Jahrhundert, als Henry Ford 1913 das erste Auto vom Fließband laufen ließ und damit eine Ära des Aufschwungs einläutete? Womöglich dieses Mal auch mit einem besseren Ausgang?

 

EINE STADT GEHT BANKROTT

Nach dem steilen Aufstieg ab 1913 litt das Herz der US-Autoindustrie ab den 1960er-Jahren nämlich unter veritablen Rhythmusstörungen. Der dominierende Wirtschaftszweig der Automobilindustrie wurde zunehmend automatisiert und wanderte in Länder ab, in denen billiger produziert werden konnte. Arbeitsplätze in Detroit gingen verloren, viele Fabriken verfielen. Die einstige Stärke wurde nun zum Problem: Detroit war zu abhängig vom einzigen bedeutenden Industriezweig Automobilbau. Die Stadt blutete zusehends aus, die Rezession erreichte zu Anfang des 21. Jahrhunderts ihren Tiefpunkt. Als die globale Finanzkrise schließlich eintrat, traf es Detroit wie kaum eine andere Stadt der Welt.

Auf- und Abstieg

Wie abhängig Detroit von der Automobilproduktion ist, zeigt die Entwicklung der Einwohnerzahlen. Stieg diese sprunghaft mit Beginn der Fließbandautoproduktion an, nahm sie seit 1960 ab – seit die Produktion zunehmend in günstigere Regionen verlegt wurde.

General Motors, Ford und Chrysler stellten 2002 noch 70 Prozent aller in den USA verkauften Autos her. Ende 2016 waren es nur noch 44 Prozent - obwohl der Gesamtabsatz in den USA gestiegen war. Die Konkurrenz aus Europa und Asien flutete plötzlich den US-Markt mit ihren sparsamen Modellen. GM und Chrysler mussten Staatshilfe beantragen, Umsatzeinbrüche und Restrukturierungen folgten, Zehntausende Arbeitnehmer verloren ihre Jobs.

Die Probleme der Autoindustrie trugen auch ihren Teil zur Finanzmisere der Stadt Detroit bei. Im Sommer 2013 ging die Motor City unter einer milliardenschweren Schuldenlast in Konkurs. Die Arbeitslosenrate betrug teilweise knapp 20 Prozent, rund ein Drittel der Detroiter galt als arm. Niemand hatte damals die Zeit, sich mit großen Visionen der Automobilität zu beschäftigen.

 

Von der Motor City zur Mobility City

Und heute? Kann man Detroit schon wieder als globales Lehrbeispiel betrachten. Dafür, wie sich eine Stadt selbst wiederbeleben kann, indem sie sich auch über staatliche Rettungsgelder hinausgehend zukunftsfähig ausrichtet. "Es brauchte einen neuen Anreiz", sagt Huei Peng. Und so begann Detroit in den vergangenen Jahren sich zu wandeln: von der Motor City zur Mobility City.

Was damit gemeint ist, lässt sich in Pengs Mobility Transformation Center erkennen. Dort fahren auf dem Testgelände der Universität von Michigan Autos autonom durch künstlich angelegte Häuserschluchten und gleiten vorbei an Robotern, die Menschen imitieren sollen. Fast um die Ecke, in der Stadt Ypsilanti, entsteht auf einem alten Fabrikgelände von General Motors ein weiteres Testzentrum für den autonomen Verkehr, das das größte Amerikas werden soll. "Überspitzt formuliert erfindet sich die ganze Region neu", sagt Peng.

Diesen Wandel macht ausgerechnet ein alter Kontrahent aus dem Westen des Landes möglich: das Silicon Valley. Noch vor gut fünf Jahren, sagen Experten, hätten sich Detroit und die Technerds von der Westküste argwöhnisch beäugt. Die traditionellen Autobauer fürchteten um ihre Marktanteile, die Techunternehmen suchten nach neuen Einnahmequellen. Erst peu à peu setzte sich in Detroit die Überzeugung durch, dass innovative Köpfe der Techbranche lebenswichtig für die smarte Mobilität sind.

Die Herausforderer wie Google, Uber, Tesla oder Apple wiederum entwarfen zwar eine Vision der modernen, technologiebasierten Mobilität – doch sie merkten bald auch, dass sie bei der Produktion der Autos an ihre Grenzen stoßen. Das ist schlussendlich auch der große Trumpf für Detroit im Rahmen der modernen Mobilität – eine hohe Konzentration an Know-how, wie Autos gebaut werden: funktional, gut aussehend, sicher. „Zusammen mit der Technologie aus dem Silicon Valley bringt das eine ganz neue Dynamik in den Markt“, sagt Peng.

 

Gemeinsam gegen die Herausforderer aus Übersee

Auch für TÜV SÜD könnte die smarte Mobilität auf dem nordamerikanischen Kontinent ein Zukunftsfeld mit Potenzial werden. Der Prüfdienstleister ist mit einer Niederlassung in Auburn Hills präsent, wenige Kilometer vor den Toren Detroits. „Die nächste Generation von Fahrern legt Wert auf die intelligente Ausstattung der Fahrzeuge“, sagt Darryl Fleger, Country Manager des nordamerikanischen Markts für TÜV SÜD. „Diesen Wandel gehen die großen Autobauer mit, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Und diese Entwicklung eröffnet auch uns als unabhängiger Prüfer neue Möglichkeiten.“

Gegenwärtig testet TÜV SÜD sämtliche Komponenten der Fahrzeuge, von der kleinsten elektronischen Einheit bis zum gesamten Fahrzeug, vor allem im E-Auto-Bereich. „Allein in einem Umkreis von 15 Kilometern haben wir 500 potenzielle Kunden aus dem Bereich der Topzulieferer“, erklärt Fleger. Und er verweist auf die Zukunftsfähigkeit des Standorts. Schon heute ist Michigan US-Spitzenreiter in vielen Ranglisten – etwa mit seinen 49 Projekten rund um das Thema smarte Mobilität oder mit 2.583 Patenten in den vergangenen fünf Jahren.

Das erstarkte Automobilzentrum Detroit nutzt dabei nicht nur sich selbst, sondern es kommt auch der US-Politik gelegen: Die Metropolregion soll dafür sorgen, dass die USA Europa und Asien nicht die Deutungshoheit zum Thema Mobilität überlassen müssen. „Die Konkurrenz hat ganz klar aufgeschlossen“, sagt Peng. Wer das Rennen um die Mobilität der Zukunft gewinnen wird, ist heute allerdings noch unklar.

Deshalb treibt die Politik den Wandel der Region weiter voran. Im Juni des vergangenen Jahres legte der Gouverneur von Michigan, Rick Snyder, mit Planet M einen Plan vor, der den Standort stärker auf das Radar der jungen Talente aus Kalifornien bringen soll. Nicht nur, aber auch wegen solcher Initiativen strömen immer mehr Ingenieure aus dem warmen Kalifornien an den kühleren Eriesee nach Detroit. Eine Entwicklung, aus der ebenfalls eine Verantwortung erwächst. Huei Peng hofft, dass der Automobilstandort Detroit aus der Vergangenheit gelernt hat. „Wir haben eine neue Chance bekommen“, sagt er. „Jetzt müssen wir sie nutzen.“