Trend Arktisches Surfen

Arctic Aloha

Im Hightechanzug gegen eisige Temperaturen: Nahe des Polarkreises trotzen Surfer aus aller Welt den Unbilden des arktischen Meers. Unstad, ein fast schon ausgestorbener Ort in Norwegens Lofoten, avanciert dabei zum Hawaii des Nordens.

Text Jan Hellerung und Tino Scholz  Fotos Jan Hellerung

Um 22 Uhr herrscht längst Stille über Unstad. Ein paar Wellen klatschen noch an den Strand, von den rund 20 Menschen, die im Gras liegen, ist nichts zu hören. Sie schauen hoch in den Himmel und bewundern die grün leuchtenden Polarlichter, die über dem Strand tanzen. Es vergehen einige Minuten, bis die Ruhe durchbrochen wird. Ein Mann rennt zum Strand, in einen Ganzkörperanzug gehüllt, mit einem Surfbrett unter dem Arm und springt ins eiskalte Wasser. Ein Freudenschrei ist zu hören, dann surft er ein paar kleine Welle nahe des Strands – im Schimmer der Polarlichter.

Es ist ein Moment, der den Ort Unstad ziemlich gut charakterisiert. Es gibt Polarlichter, man kann surfen. Das war es dann auch schon. Unstad ist ein verschlafenes Dorf, am westlichen Rand der Lofoten gelegen, 220 Kilometer nördlich des Polarkreises. 13 dauerhaft dort lebende Einwohner sind in der deutlichen Unterzahl gegenüber den Schafen, von denen es gefühlt drei- bis viermal so viele gibt. Eingerahmt wird Unstad von zwei Bergen, dem arktischen Meer und einem Tunnel. Wenn der wegen Bauarbeiten geschlossen ist, kommt man weder rein noch raus. „Ohne das Surfen wäre der Ort hier tot. Es würde nichts passieren“, sagt Kristian Breivik.

Am nächsten Morgen sind die Polarlichter verschwunden, dafür lässt nun die Sonne das ruhige Meer glitzern. Auch durch die Fenster von Kristian Breiviks kleinem Laden fällt viel Licht hinein. Breivik gehört der nördlichste Surfshop am nördlichsten Surfspot der Welt. So steht es auch stolz auf seinem Sweatshirt. Sein Ein-Raum-Shop quillt über von Surfbrettern und Neoprenanzügen, Breivik, der sich in Anspielung auf den Namen seiner eigenen Surfboardmarke selbst Onkel Frost nennt, verkauft Ausrüstung, er verleiht sie, er gibt Unterricht. Er bekommt mit, dass der Zulauf immer größer wird. Eine große Überraschung ist das nicht.  

Ohne Bretter kann kein Surfer die Wellen reiten. Und ohne die technologisch hoch entwickelten Neoprenanzüge würde es niemand länger als wenige Minuten im eiskalten Wasser aushalten. Die kälte- und wasserabweisende Funktionskleidung ermöglicht einen Trend wie das Arctic Surfing überhaupt erst. Sie hält die Athleten stets warm, manche Exemplare sind gar so ausgeklügelt, dass sie den Surfer mit seiner eigenen Körperwärme wärmen. Und so sorgt die Ausrüstung dafür, dass sich auch zunehmend Neulinge ins arktische Meer trauen. „Immer mehr Leute strömen in den Ort. Bis zu 5.000 sind es schon pro Jahr“, sagt Breivik. „Das ist ein Klacks für Hawaii, für uns sind das Massen.“

Gerade einmal 13 Einwohner zählt Unstad noch. Es sind vor allem die Surfer, die den Ort am Leben halten.

Gegenden wie Hawaii oder Südafrika, wo Breivik selbst lange Jahre lebte, sind die natürliche Umgebung für das Surfen. Bei tropischen Temperaturen und nur mit Badehose bekleidet reiten wagemutige Sportler meterhohe Wellen. Doch irgendwann hatten die ambitionierten Surfer die schönsten und höchsten Wellen der Welt bezwungen. Sie suchten nach neuen Herausforderungen – und fanden diese in der Kälte Norwegens, Grönlands, Russlands oder Kanadas. „Surfer sind wie Bergsteiger“, sagt Breivik, während er vor seinem Shop neue Boards auspackt. „Immer höher, immer weiter. Der Nervenkitzel orientiert sich an der Höhe der Wellen – oder eben an der Temperatur.“

Ende September ist das Wetter noch ungewöhnlich gut in Unstad – was für das Surfen eher schlecht ist. Der Wind vermag die Wellen nicht so recht aufzupeitschen, die Temperatur liegt bei milden zwölf Grad, die des Wassers bei elf. Und trotzdem sind mehr als jene Handvoll Surfer im Wasser, die sonst zu dieser Jahreszeit dort die Wellen reiten. Es sind fünf- bis sechsmal so viele, die sich auf die Lofoten Masters vorbereiten, ein seit zehn Jahren stattfindendes Event, das stets im Herbst Profis und Amateure aus aller Welt in den hohen Norden führt. Sie kommen aus Norwegen, Australien, Südafrika, Großbritannien, Schweden oder Indonesien.

Einer von ihnen ist Edi Siswanto, der normalerweise Wellen vor Bali reitet. Er sitzt in der mobilen Sauna, die extra für das Event herangefahren worden ist, und schaut aus einem der beiden großen Gucklöcher nach draußen auf das etwas wilder werdende Meer und auf seine Konkurrenten. Siswanto ist einer der Favoriten des Turniers, er reitet die Wellen formvollendet wie die wenigsten. Kein Wunder, ist er doch ausgebildeter Surflehrer. „Bei Norwegen denkt man als Surfer nicht wirklich an eine gute Location“, erzählt er. „Aber an einem guten Tag sind die Wellen hier genauso gut wie in Bali.“

Unstad hat aufgrund seiner Lage sehr gute Voraussetzungen für das Surfen, denn wenn die starken Herbst- und Winterwinde das Wasser von Grönland aus mit ihrer ganzen Energie an Norwegens Küste peitschen, treffen die Wellen auf eine Untiefe und türmen sich imposant auf. Pünktlich am letzten offiziellen Tag der Masters kommen die heiß ersehnten, großen Wellen. Und mit ihnen die Orcas. 

Zuschauer holen sich aus Thermoskannen gerade Heißgetränke, Surfer stehen in mehrere Lagen Handtücher am Rand des Strands oder liegen in Thermoschlafsäcken in den Dünen, als plötzlich die Schwanzflossen von zwei Orcas inmitten der Wettbewerber auftauchen. Fast zwei Minuten lang sind sie nahe des Strands zu sehen, die Surfer können gar nicht schnell genug aus dem Wasser kommen. Doch der Wettbewerb wird nur für kurze Zeit unterbrochen, flugs hat sich die Aufregung wieder gelegt. Die Athleten gehen wieder ins Wasser, die Schafe nebenan fressen gemütlich weiter. 

In mehreren Duellen versuchen die Surfer die vier Jurymitglieder, die in einem Holzverschlag neben der mobilen Sauna sitzen, zu überzeugen. Bei den Männern sticht wie zu erwarten Edi Siswanto heraus, bei den Frauen gewinnt am Ende die Einheimische Maria Petersson. Im Vergleich zur Konkurrenz konnten sie die Wellen gleichermaßen beherrschen und hochklassige Tricks zeigen. Nach Ende des Wettkampfs klatschen sie mit den Zuschauern ab und lassen sich feiern. Es ist ein einprägsames Bild: Auf der einen Seite die ausgepowerten Athleten in dünnen Neoprenanzügen, auf der anderen Seite Zuschauer in dicken Jacken sowie Wollmützen. Und keinem ist kalt. 

Warum das Arctic Surfing erfolgreich ist? „Auch wegen der Anzüge“, sagen die einheimischen.

Auf einem Maschendrahtzaun auf der Düne hängen einige Anzüge zum Trocknen, manche wehen auf einer Angelrute im Wind. Der ein oder andere Surfer hat stets ein Auge auf seinen Anzug – kein Wunder: Die Neoprenanzüge sind in den vergangenen Jahren so perfektioniert worden, dass jeder Millimeter Dicke über die Beweglichkeit auf dem Wasser und damit über Sieg oder Niederlage entscheiden kann. „Diese Entwicklung“, sagt Kristian Breivik, „ist ein großer Teil des Erfolgs von Arctic Surfing.“ 
200 bis 500 Euro kosten die regulären Modelle, für Hightechanzüge mit batteriebetriebener Heizung werden bis zu 1.000 Euro aufgerufen. Im Vergleich zu früher sind sie viel beweglicher; am Oberkörper sind die Anzüge etwas dicker als an den Armen oder Beinen, da sich die Surfer optimal bewegen können müssen. „Wenn man heute aus dem Wasser geht, dann nicht wegen der Kälte, sondern weil man müde ist“, sagt Breivik.

Was im Gegensatz zu den experimentellen Anfängen des Arctic Surfing in den 1960er-Jahren steht. Seinerzeit kehrte der Norweger Hans Egil Krane von einer Australienreise zurück und erzählte seinem Freund Thor Frantzen fasziniert von den Leuten, „die auf Brettern Wellen reiten“. Zusammen bauten sie erste Bretter, die wie Kajaks daherkamen. Warmhaltende Wetsuits hatten sie natürlich keine. Bei ihren ersten Surfversuchen trugen Frantzen und Krane wie die Australier nur Badehosen, was sich aber schnell als verrückt herausstellte. Noch immer schockgefrostet von dieser Erfahrung, probierten sie später Wollpullover unter Tauchanzügen, worin sie sich aber kaum bewegen konnten. Als Kristian Breivik 1988 zum ersten Mal im Eiswasser surfte, „waren die Anzüge immer noch so dick und ungelenk, dass wir wie Sumoringer ins Wasser watschelten“. Erst im Laufe der 1990er-Jahre nahm die Produktion hochwertiger Anzüge Fahrt auf. 

Breivik steht am Tag nach dem Masters-Finale schon wieder in seinem Shop und lädt Surfbretter sowie Anzüge in seinen Van. „Das Masters findet vier Tage im Jahr statt, da gibt es aber noch 361 weitere Tage zum Surfen“, sagt er und knallt die Tür seines Vans zu. Er macht sich auf den Weg zu einer Schule in Eltoft, fünf Minuten von Unstad entfernt. Es ist eine besondere Schule. „Die einzige in Norwegen, die Surfen als verpflichtendes Schulfach hat“, sagt Breivik, während er an den bunten Häusern Unstads vorbeifährt in Richtung Tunnel. Es dauert nicht mal eine Minute, dann ist er schon raus aus dem Dorf. 

Mit Wetsuits, Kapuzen über dem Kopf, sowie dünnen Handschuhen und Schuhen trippelt eine Horde Sieben- bis Achtjähriger kurze Zeit später zusammen mit Onkel Frost ins ruhige Meer. Das Hauptziel sei es, den Kindern Sicherheit und Selbstbewusstsein im Umgang mit dem Wasser beizubringen, erzählt Breivik, während er einem Jungen zeigt, wie er bäuchlings auf dem Board richtig aufs Meer hinauspaddeln soll. „Das Wetter ändert sich hier in Minuten. Der Wind dreht urplötzlich auf. Im Winter wird es nahezu von einer zur nächsten Minute dunkel. Wenn du dann draußen und orientierungslos bist, ist das ein großes Problem.“ Kämen am Ende des Unterrichts sogar noch gute lokale Surfer dabei heraus, wäre das natürlich ein Bonus.

Unstad hat es ja auch nötig, immerhin ist der Ort schon von 300 Einwohnern auf 13 geschrumpft. Es gibt eigentlich nichts: keinen Kiosk, keinen Supermarkt, kein Restaurant – nur das Surfen. Die Bewohner werden immer älter, die Jugend siedelt sich eher in der Stadt an. Kristian Breivik hofft, dass das Arctic Surfing dem Ort eine Zukunft bieten kann – ganz unabhängig vom viertägigen Highlight Lofoten Masters. Breivik kennt alle Alten im Ort, er ist Anlaufstelle für die jungen Surfer. Sein Shop, sagt er, könne zu einem verbindenden Element werden. Das ist seine Idealvorstellung: das Arctic Surfing als Kitt der Gesellschaft. „Ob es so kommt, wird die Zeit zeigen.“

Als der Unterricht beendet ist, die Sonne langsam untergeht und das Masters längst passé, verabschiedet sich auch der Sommer so langsam in Unstad. Der Wind wird zunehmend stärker, der Winter kündigt sich an. Die hart gesottenen Surfer werden sich schon bald wieder den Weg durch meterhohen Schnee ins Wasser bahnen müssen, das Eiswasser wird beim Surfen dann noch mehr im Gesicht brennen. Kristian Breivik schüttelt sich kurz bei dem Gedanken. Er zieht sich die Kapuze über den Kopf, nimmt das Surfbrett unter den Arm und geht zum Strand. Es ist ein milder Abend. Noch einmal surft er dem Sonnenuntergang entgegen.

Wäschetrocknen auf Norwegisch

Foto: Getty Images, Olivier Morin

Wäschetrocknen auf Norwegisch

Die Ausstattung im Ort ist auf das Nötigste ausgerichtet: Beim Wäschetrocknen muss dann der Wind helfen – egal bei welcher Temperatur.


Dresscode für Sportler

Wer an Kleidung denkt, der denkt zunächst an Mode. Doch ansprechende Schnitte oder trendige Farben sind nicht alles. Kleidung muss auch sicher sein: Hersteller, Händler und Importeure müssen dafür sorgen, dass ihre Textilien oder Schuhe zum Beispiel keine Schadstoffe enthalten. Bei Funktionsbekleidung, wie sie beim Surfen und anderen Sportarten eingesetzt wird, kommt hinzu, dass der Käufer davon ausgeht, dass die Kleidungsstücke das erfüllen, was sie versprechen.

TÜV SÜD entwickelt zurzeit ein Prüfprogramm für Funktionsbekleidung, um genau dies künftig mit einem Prüfzeichen zu bestätigen. Unter anderem wird dann analysiert, ob ein Kleidungsstück wind- und wasserdicht bzw. -abweisend oder atmungsaktiv ist. Funktionen wie QuickDry können genauso geprüft werden wie der UV-Schutz oder die Wärmespeicherung. Die Tests werden die Textil- und Schuhprüfungen ergänzen, die TÜV SÜD bereits heute in einem Netzwerk von Textillaboren in Asien, Europa und den USA durchführt.


EIN TAG IN UNSTAD – EINBLICKE IN EINEN DER INTERESSANTESTEN SURFSPOTS DER WELT