INTERVIEW

 „Vertrauen ist
 ein elementarer
Vermögenswert“

Qualität braucht Kontrolle, sagt der Wirtschaftsethiker Prof. Andreas Suchanek, denn im globalen Handel werden Geschäftsbeziehungen immer unübersichtlicher und komplexer. Wer in diesem Umfeld aktiv in Vertrauen investiert, senkt das Risiko, beim Kunden zu scheitern.

Interview Tino Scholz  Fotos Felix Adler

Herr Suchanek, zur Weihnachtszeit läuft der globale Handel wieder auf Hochtouren. Woher wissen Sie bei Ihren Geschenkkäufen, dass Sie gute Qualität bekommen?
In aller Regel muss ich darauf vertrauen, dass die Qualität stimmt – ich kann es auch gar nicht anders machen. Die Lieferketten sind heutzutage derart komplex, dass kein normaler Mensch einen tieferen Einblick haben kann. Aber ich kann versuchen, Fehlgriffe auszuschließen.

 

Wie?
Ich werde etwa misstrauisch, wenn ich ein angebliches Qualitätsprodukt sehe, das eigentlich 40 Euro kosten sollte, aber für 8 Euro angeboten wird. Dann weiß ich: Seriös ist das nicht machbar. Egal, ob bei Lebensmitteln, Kleidung oder Elektrogeräten: Qualität hat ihren Preis.

 

Ist es dabei egal, aus welchem Teil der Welt die Produkte kommen?
Grundsätzlich gleichen sich die Standards immer mehr an. Früher hieß es beispielsweise oft abfällig: „Made in China“. Doch auch dort hat man gemerkt: Wenn man Europa beliefern will, müssen bestimmte Standards eingehalten werden, sonst verliert man den Status als vertrauenswürdiger Handelspartner. Im Zuge der Globalisierung entsteht aber zu Recht der Eindruck, dass ich als Endverbraucher nicht mehr weiß, wie mein Produkt hergestellt wird und wie die Wertschöpfungskette ist. Was um die Ecke passiert, kann ich gefühlt nachvollziehen, aber nicht das, was Tausende Kilometer entfernt passiert.

 

Sie haben ein Buch geschrieben, in dem Sie diesen Punkt aufgreifen und den globalen Handel unter dem Aspekt des Vertrauens untersuchen.* Sie argumentieren, dass der Welthandel dann besonders gut funktioniert, wenn Unternehmen in den Faktor Vertrauen investieren. Warum ist das so?
Natürlich hält eine Vielzahl von Faktoren den globalen Handel am Laufen. Aber Vertrauen ist in diesem Zusammenhang ein elementarer Vermögenswert für Unternehmen. Analysen haben ergeben, dass, je höher das Vertrauen in ein Unternehmen ist, auch die Präferenz beim Kauf und die Beurteilung des Images steigt. Mit Vertrauen meine ich aber keineswegs leichtgläubige Naivität. Vertrauen bedeutet immer auch Kontrolle.

Wie meinen Sie das? 
Viele Endverbraucher möchten heute wissen, dass bei der Produktion ihrer gekauften Güter bestimmte Standards eingehalten werden. Weltweit produzierende Unternehmen haben darauf reagiert – mit Prozessen, Informationen oder Zertifizierungen. Dies mündet seit geraumer Zeit in eine Explosion der Vertrauensindustrie.

 

Weil eine Erhöhung der Kontrolle notwendig ist?
Die Globalisierung seit den 1990er-Jahren hat uns fantastische Potenziale eröffnet. Beinahe die gesamte Welt kooperiert, von Europa aus kann man per Knopfdruck ein Produkt bei einem australischen Unternehmen bestellen. Parallel dazu erleben wir aber auch eine enorme Zunahme an Möglichkeiten des Scheiterns und der Konflikte: Denn je komplexer die Wertschöpfungskette wird, desto mehr Beteiligte gibt es – und desto höher steigt die Chance, dass es darunter auch schwarze Schafe gibt, die Standards ignorieren oder anders auslegen als vereinbart. Dann kann es zum Beispiel passieren, dass auf einem Produkt zwar „ökologische Herstellung“ draufsteht, aber keine drin ist. Damit geht man als Unternehmen allerdings immer auch ein Reputationsrisiko ein.

 

Wie gelingt es Unternehmen, dies zu vermeiden?
Was Unternehmer auszeichnet, die explizit auf den Faktor Vertrauen setzen, ist ihr Wille zu einem permanenten Lernprozess sowie eine entsprechende Investitionsbereitschaft. Wenn regionale oder nationale Unternehmen beginnen, global zu produzieren, lernen sie nach und nach, wem sie vertrauen können und wovon sie besser die Finger lassen. Sie lernen, sich gezielter zu informieren, besser selbst zu kommunizieren und nicht zuletzt: Kontrollen im Dienste des Vertrauens vorzunehmen. 

 

Trotzdem geht auch immer wieder etwas schief.
Und das kann enorme Folgen haben. Beispielsweise musste ein bekannter Spielzeughersteller vor einigen Jahren die mangelnde Qualitätskontrolle bei einem seiner Zulieferer ausbaden. Ein chinesisches Unternehmen hatte Kunststoff mit viel zu hohen Bleianteilen produziert. Das zog für den Spielzeughersteller beträchtliche Strafen nach sich, der Börsenkurs rutschte ab, die Verkäufe brachen ein. Das Unternehmen hat daraus gelernt. 

 

Wie?
Es hat realisiert, dass es aktiv in Vertrauen und Kontrolle investieren muss. Gerade das Vertrauen musste ja gegenüber einer enttäuschten und verunsicherten Kundschaft wieder aufgebaut werden. Dies gelang, indem sich das Unternehmen von externen Stellen bewerten und zertifizieren ließ und indem es Produktionsabläufe noch besser überwacht. Damit sendet es auch ein Signal an die Kunden aus: Seht her, ich mache alles, um euch nicht zu schädigen.

 

Mehr Vertrauen bedeutet damit auch mehr Aufwand?
Vertrauen hat seinen Preis, ja. Wobei niemand verlangt, dass alle Produzenten die höchsten Standards anlegen. Jeder muss selbst für sich verantworten, wie viele Kompromisse er eingehen will. Was ich aber unbedingt fordere, ist die Einhaltung von Mindeststandards. Die Gesundheit von Menschen etwa darf nicht aufs Spiel gesetzt werden. Der Industrielle Robert Bosch hat vor rund 100 Jahren dazu einen schlauen Satz gesagt... „Lieber Geld verlieren als Vertrauen.“ 

 

Genau
Er hat recht gehabt. Wer auf verlockenden, kurzfristigen Gewinn setzt und dafür unkalkulierbare Risiken eingeht, setzt das Vertrauen in die Marke aufs Spiel und damit den langfristigen Erfolg.

 

Ist die Vertrauenskrise der Automobilindustrie dafür ein Beispiel
Diese Krise trifft sicher nicht die gesamte Branche. Aber die vom Dieselskandal betroffenen Autohersteller haben in den vergangenen Jahren natürlich viel Vertrauen verspielt und große Mühe, dieses wieder herzustellen – und zwar nicht nur beim Verbraucher. Ich weiß nicht, ob den Beteiligten diese langfristigen Folgen so klar waren.

 

Was müssen die betroffenen Autohersteller jetzt tun?
Sie müssen erkennen lassen: Wir haben verstanden. Dazu müssen sie auch ihre Prozesse ändern und transparenter werden. 

 

Wie beispielsweise mit dem neuen, realitätsnäheren Abgasprüfstandard WLTP. 
Womit wir wieder beim Thema Kontrolle sind: Die Autohersteller lassen ihre Produkte dabei durch unabhängige Dritte nach deutlich strengeren Richtlinien als bisher kontrollieren und zeigen damit, dass sie nichts zu verbergen haben. Solche Maßnahmen helfen, verloren gegangenes Vertrauen wiederzubekommen. 

 

Könnte es Vertrauenskrisen geben, die den gesamten Welthandel ins Wanken bringen?
Um den globalen Handel maßgeblich zu beeinträchtigen, müssten schon weltumspannende Katastrophen wie die Finanzkrise des Jahres 2008 eintreten. Und auch diese hat nur kurzzeitig zu einem Rückgang des globalen Handelsvolumens geführt. Meist bleiben Probleme aber ohnehin auf einzelne Wirtschaftsprozesse beschränkt. Hier gilt dann: Sollten sich einige Unternehmen als nicht vertrauenswürdig erweisen, werden sie abgestraft und durch andere ersetzt. Das beweist auch: Das Grundvertrauen in den globalen Handel ist sehr hoch.

 

Dies zeigen auch Indizes wie beispielsweise der Global Trust Barometer der Kommunikationsagentur Edelman. Gleichzeitig erleben wir bei Veranstaltungen wie dem G-20-Gipfel in diesem Jahr in Hamburg massive Kritik am globalen Handel. Leben wir in einer Zeit wachsenden oder schwindenden Vertrauens in die globale Wirtschaft?
Das ist eine sehr spannende Frage, auf die ich keine eindeutige Antwort habe. Einerseits ist der globale Handel sehr erfolg- und ertragreich. Hunderte Millionen Menschen profitieren von ihm und sind der Armut entkommen, weil sie an der Globalisierung teilhaben konnten. Gleichzeitig stellen sich viele Menschen die Frage, ob die Entwicklung nicht eine Komplexität erreicht, die wir nicht mehr unter Kontrolle haben. 

 

Sie meinen den Trend zur Regionalisierung?
Genau. Beim vergangenen   Weltwirtschaftsforum in Davos wurde diskutiert: Haben wir zu viel Globalisierung? Wächst uns das über den Kopf? Wir sollten uns bewusst sein, dass der globale Handel auch Nebenwirkungen mit sich bringt. Die Digitalisierung verschärft dies noch. 

 

Inwieweit?
Der Wandel ist dramatisch. Es gibt meiner Ansicht nach weniges, was den Handel und die Wirtschaft so sehr verändert. Wenn beispielsweise durch künstliche Intelligenz und Algorithmen die Produktionsabläufe immer mehr kontrolliert werden, stellt sich die Frage: Wer trägt die Verantwortung, wenn etwas schiefgeht? Daher ist schon jetzt klar: Im Zuge der Digitalisierung wird Vertrauen grundlegend wichtig bleiben.


Zur Person

„Globaler Handel birgt eine Riesenchance, dass Menschen noch besser zusammenarbeiten können und die Armut verringert wird“, sagt Prof. Andreas Suchanek. Umso mehr beschäftigt es den 56-jährigen Volkswirt, wenn – wie im Fall der Abgasmanipulationen an Dieselfahrzeugen oder bei Lebensmittelskandalen – das Vertrauen der Konsumenten leidet. Suchanek ist Vorsitzender des Stiftungsvorstandes des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik sowie Professor für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Handelshochschule Leipzig. Seine Schwerpunkte sind Wirtschafts- und Unternehmensethik, Theorie der Unternehmensverantwortung und Vertrauensmanagement.


 

Vertrauenslektüre
*Andreas Suchanek: Unternehmensethik: In Vertrauen investieren, erschienen im Verlag UTB GmbH, 24,99 Euro als Taschenbuch, 49 Euro als gebundene Ausgabe. http://amzn.to/2AwlwUB