Interview

"Die Welt als Chance begreifen"

Seit knapp einem Jahr ist TÜV SÜD noch internationaler: Mit Ishan Palit ist ein echter Kosmopolit Chief Operational Officer im Konzernvorstand. Im Interview spricht der gebürtige Inder über die Herausforderungen der Globalisierung, was Kunden von TÜV SÜD lernen können – und warum ein Unternehmen Wurzeln braucht.

Interview Jörg Riedle Foto Dirk Bruniecki

Herr Palit, wann sind Sie zuletzt morgens aufgewacht und wussten nicht, an welchem Ort Sie sich gerade befinden?

Das ist tatsächlich erst vor wenigen Wochen passiert: Am Montag war ich noch in Singapur, flog danach nach Boston und anschließend nach München und von dort zuerst nach Bangalore und schließlich zurück nach Singapur – alles innerhalb einer Woche.

 

Wie ist ein solches Pensum zu schaffen?

Ich habe großes Glück, denn ich kann mich sehr gut an verschiedene Zeitzonen anpassen und verhindere Jetlag durch eine gute Terminplanung: Meistens kommt man bei interkontinentalen Flügen morgens an – wenn ich dann den ganzen Tag bis zum Abend arbeite, bin ich für gewöhnlich so müde, dass ich mich einfach schlafen legen kann. Wochen, in denen ich quasi einmal um die Erde fliege, sind aber eine absolute Ausnahme. Wenn möglich, versuche ich, ein Land pro Woche zu besuchen, damit ich genug Zeit habe, vor Ort ausführlich mit Managern, Mitarbeitern und – was am wichtigsten ist – auch mit Kunden zu sprechen. 

 

Sie sind in Indien und den USA aufgewachsen, Sie leben seit vielen Jahren an verschiedenen Orten in Asien und arbeiten für ein deutsches Unternehmen. Gibt es einen Ort, an dem Ihre Wurzeln sind?

Mumbai ist mein Zuhause, hier bin ich geboren und hier lebt meine Mutter. Aber ich habe auch starke Wurzeln in den USA, dem Geburtsland meiner Frau. Meine Kinder haben ihr Leben in Indien, Amerika und Singapur verbracht. Auch hier hält mich viel – und in München, wo ich während meiner Karriere bei TÜV SÜD viel Zeit verbracht habe und seit Mitte verganenen Jahres mein Büro habe. 

 

Sollte auch ein Unternehmen Wurzeln haben, gerade in Zeiten der Globalisierung?

Eine Identität zu haben, ist für jeden Menschen eine sehr gute Sache. Diese sollte einen aber nicht daran hindern, offen für neue Möglichkeiten zu sein und diese anzunehmen. Das gilt auch für Organisationen. Im Fall von TÜV SÜD bedeutet dies: Unsere deutschen Wurzeln sind eine unserer Kerneigenschaften, für die wir von Kunden in aller Welt geschätzt werden. Wir stehen hier für Qualität, Hightech und den Antrieb, ständig besser zu werden. Aber wo wären wir heute, wenn wir nicht während der vergangenen Jahrzehnte von unseren Mitarbeitern und Kunden in aller Welt gelernt hätten – von ihrer Leidenschaft, Agilität und ihrer Schnelligkeit? Wer global handeln will, muss absolut offen sein und die Welt als Chance begreifen. Und trotzdem fest geerdet sein und wissen, was die eigenen Stärken sind und wo sie herkommen.

Zur Person

Zur Person

„Ohne die fantastischen Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten durfte, wäre Vieles nicht möglich gewesen“, sagt Ishan Palit auf die Frage nach dem Grund seines Erfolgs. Nach seinem Studium in den USA und Großbritannien gründete der gebürtige Inder 1994 die TÜV SÜD-Niederlassung in Mumbai – mit gerade einmal fünf Mitarbeitern. Als er im Jahr 2008 zum Regionalleiter aufstieg, arbeiteten mehr als tausend Menschen im Land. Ab 2009 verantwortete Ishan Palit die TÜV SÜD-Geschäfte in der Region Asia-Pacific, seit 2011 die globale Division Product Service. Im Mai 2017 wurde er als Chief Operating Officer Mitglied des Vorstands von TÜV SÜD. Ishan Palit, Jahrgang 1968, ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Was war für TÜV SÜD die größte Herausforderung, um global handeln zu können?

Die größte Herausforderung ist zugleich die größte Chance – die Vergangenheit. TÜV SÜD hat eine große Stärke, nämlich starke Wurzeln und eine mehr als 150-jährigen Historie. Diese Stärke erlaubt es uns erst, zu neuen Ufern aufzubrechen. Sie kann aber aufgrund von Traditionen und mangelnder Flexibilität auch belastend und bremsend sein. Es ist eine Führungsaufgabe, den riesigen Nutzen aus der Vergangenheit zu bewahren, sie aber so weit hinter sich zu lassen, dass sie nicht den Weg in die Zukunft stört. 

 

Ist dies etwas, was die Kunden von TÜV SÜD lernen können?

Auf jeden Fall: Unsere multinationalen und multikulturellen Teams sind heute in vier Dutzend Ländern mit Niederlassungen präsent, bieten dort größtenteils identische Services auf demselben hohen Level und mit der gleichen technischen Kompetenz an. Für unsere Kunden, die dies bei uns schon einmal erlebt haben, kann das Ansporn sein: Wenn TÜV SÜD es geschafft hat, können sie das auch schaffen – und wir unterstützen sie in diesem Prozess. 

 

Es ist heute als Privatmensch beinahe unmöglich, nicht global zu handeln. Kann es für Unternehmen eine Option sein, nicht auf die Globalisierung zu setzen?

Das hängt vom Geschäftsmodell ab. Eine Autowerkstatt etwa bedient in der Regel einen lokalen Markt. Die Globalisierung hat auf dieses Geschäft einen weniger großen Einfluss als auf einen Automobilhersteller. Ich denke, dieser Grad der Beeinflussung ist für jedes Geschäftsmodell unterschiedlich.

 

Aber sollte nicht jeder die Entwicklungen der Weltwirtschaft verfolgen?

Jeder gute Unternehmer muss über den Tellerrand blicken und die ökonomischen Zusammenhänge in der Welt genau beobachten, denn sie könnte schlagartig sein Geschäft beeinflussen. Ein Beispiel: Ein Biolandwirt in den USA hatte bisher ein lokales Geschäftsmodell. Er hat hochwertige Lebensmittel vor Ort angebaut und in einem begrenzten Umkreis auf Märkten und in speziellen Läden verkauft. Seit dem Einstieg von Amazon in den Handel mit frischem Gemüse und Biowaren steht er in Konkurrenz zu Amazon. 


Wahrhaft global

Weltweite Dienstleistungen auf dem gleichen technischen Niveau und mit der gleichen kompromisslosen Qualität – das ist das Versprechen von TÜV SÜD. Das Unternehmen betreibt dazu an rund 1.000 Standorten in aller Welt ein dichtes Netz von Laboren und Prüfeinrichtungen und unterstützt damit Kunden, die global beschaffen wollen oder einen Zugang zu neuen Märkten benötigen. Die weltweite Ausrichtung der TÜV SÜD Gruppe begann bereits Ende der 1980er-Jahre mit Kooperationen, unter anderem in Spanien, und ersten Auslandsniederlassungen in Italien und den USA. Heute arbeitet mehr als die Hälfte der rund 25.000 TÜV SÜD-Mitarbeiter außerhalb Deutschlands, mit China, Indien und Nordamerika als größten Regionen. Die internationalen Regionen erwirtschaften dabei rund 40 Prozent des Konzernumsatzes.


Zukunft in eigener Hand

Zukunft in eigener Hand

Ishan Palit empfiehlt Unternehmen einen Mix aus Tradition und Offenheit. „Identität sollte Neuem nicht im Weg stehen”, sagt er. 

Womit hängt diese Entwicklung zusammen?  

Mit der Digitalisierung und dem Verschwinden von Grenzen. Da gehört es zum unternehmerischen Handeln, die Augen offen zu halten. Jeder Unternehmer muss flexibel sein und auf die Herausforderungen und Möglichkeiten der Technologie, des Marktes und der Wettbewerber reagieren. 

 

Sie begleiten TÜV SÜD seit einem Vierteljahrhundert – von den ersten zaghaften Schritten in Richtung Internationalisierung bis heute. Was waren die Gründe, die TÜV SÜD dazu veranlasst haben, zu einem globalen Unternehmen zu werden?

Unsere internationale Entwicklung beruht einerseits auf den Bedürfnissen unserer Kunden – und war auch eine Frage des Überlebens. TÜV SÜD war schon in den 1980er- und 1990er-Jahren sehr international. Zu Beginn machten wir dies, um unsere Kunden zu unterstützen, die in neue Märkte vorstießen und unsere Expertise rund um Sicherheit und Qualität benötigten. Wir sind daher zunächst vor allem rund um Konsumgüter und Medizinprodukte gewachsen, denn hier gab es schon früh entsprechende Marktchancen. Über die Jahre sind dann auch viele Unternehmen aus anderen Teilen der Welt unsere Kunden geworden – weil sie unser Fachwissen erkannt haben und begannen, sich auf unsere Services zu verlassen. 

 

Es gilt also nicht: Alles muss global sein?

Nein, weder bei uns noch in anderen Unternehmen. Das wäre ein großer Fehler. Eine Unternehmensstruktur, und damit auch der Globalisierungsgrad, beruht auf den Anforderungen des Markts und den Bedürfnissen der Kunden. 

Wie unterstützt TÜV SÜD seine Kunden bei ihrem individuellen Weg in die Globalisierung?

Indem wir ihm unser über Jahrzehnte gewachsenes Netzwerk und unsere Erfahrung zur Verfügung stellen: Unsere Kunden können sich darauf verlassen, dass sie in annähernd jedem relevanten Markt das gleiche technische Niveau, das gleiche Qualitätslevel und die gleiche Aufmerksamkeit bekommen. Das ist unser größtes Kundenversprechen. Wir haben Niederlassungen in rund 50 Ländern – und wo wir nicht sind, können wir trotzdem Mehrwert liefern, indem wir auf unser globales Netzwerk zurückgreifen.  

 

Und welche Dienstleistungen kann der Kunde konkret erwarten? 

Eine weitgehend lückenlose Unterstützung beim weltweiten Zugang zu Märkten, bei der Beschaffung, dem Risikomanagement, dem Schutz von Sachgütern und im Bereich Nachhaltigkeit. Wenn ein Kunde seine Waren in einen anderen Markt bringen will, unterstützen wir ihn, um lokale Zertifizierungen zu bekommen und notwendige Prüfsiegel. Wenn ein Kunde in aller Welt einkaufen will, helfen wir ihm, eine globale Beschaffungsstruktur aufzusetzen. Unsere langjährige Präsenz und Expertise in den lokalen Märkten ist ein entscheidender Türöffner. Zudem stellen wir sicher, dass unsere Kunden die Risiken ihrer weltweiten Anlagen im Griff haben und helfen, diese wirtschaftlich zu betreiben. Wir ermöglichen es, Geschäfte sicher und nachhaltig zu betreiben – weltweit. 

 

Jahrzehnte der Globalisierung liegen hinter uns. Wie lautet Ihre Prognose zur Zukunft?

Wir alle sehen, dass es in einigen Ländern verstärkt Nationalismen und politische Versuche gibt, den Freihandel einzuschränken. Aus ökonomischer Sicht sehe ich aber keinen Weg, die Welle der Globalisierung zu stoppen. Die Effizienz der Nutzung von Ressourcen ist so abhängig vom weltweiten Handel, dass wir auch in den nächsten Jahren eher mehr als weniger Globalisierung erleben werden. Und die Digitalisierung wird diesen Prozess noch schneller machen.