Standards

Der Weg zur Norm

Den Standard DIN A4 kennt fast jeder. Aber Normen bestimmen heutzutage nicht nur Papiergrößen sondern die meisten Bereiche unseres Lebens. Aber wie entstehen eigentlich die Regeln, ohne die im internationalen Wirtschaftsleben (fast) nichts läuft?
Text Jörg Riedle

Ein Erfolgsprodukt feiert Geburtstag: Vor 100 Jahren, am 1. März 1918, erschien die erste DIN-Norm. Damals war Normung, also die verbindliche Festlegung von Anforderungen an Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren, vor allem eine nationale Sache. DIN ist daher auch die Abkürzung für das Deutsche Institut für Normung e. V. Diese wichtigste deutsche Normungsorganisation war erst wenige Monate zuvor, im Dezember 1917 gegründet worden.

Seither hat sich jede Menge geändert. Normen regeln fast alle Bereiche unseres Lebens: Für fast jedes Produkt, das wir im Alltag benutzen, wurden in den vergangenen hundert Jahren Regelungen festgelegt – von Bauteilen für den Maschinenbau (so die erste DIN-Norm vor hundert Jahren) über Sicherheitsmerkmale von Sportartikeln bis zu Regeln, wie bestimmte Prozesse in Produktion und Verwaltung ablaufen sollen.

In einer globalisierten Welt sind es allerdings immer häufiger internationale Regelungen, die festlegen, wie ein Produkt oder ein Prozess aussehen sollen. Seit 1947 wacht die Internationale Organisation für Standardisierung, kurz ISO, in Genf über das weltweite Regelwerk. Mehr als 22000 internationale Standards sind bei der Organisation seither erschienen – zu fast jedem technischen Aspekt. Aktuell 161 Länder beteiligen sich an dem internationalen Normenprozess.

Doch wie entsteht eigentlich ein neuer Standard?

1 Fast jeder Staat hat eine eigene Normungsorganisation – in Deutschland ist dies das Deutsche Institut für Normung e.V. mit seinen bekannten DIN-Standards (worunter wiederum die DIN-Formate für Papier die bekanntesten sind). Weil der globale Handel aber nicht vor Grenzen haltmacht, haben sich die nationalen Verbände zu übernationalen Organisationen zusammengeschlossen. Die größte und wichtigste ist die ISO mit Sitz in Genf. Sie sorgt dafür, dass Güter auch international zusammenpassen. Das erleichtert den Export und den Welthandel. Die berühmte DIN-Norm für Papier ist daher längst auch ein internationaler Standard – festgeschrieben im ISO-Standard 216. Das sorgt beispielsweise dafür, dass gängige A4-Papiere auch in Drucker passen, die in den USA, in Japan oder in China hergestellt werden.

2 Nur wenige Produkte sind so beständig wie Papiermaße. Viele Güter unterliegen technische Weiterentwicklungen, es gibt modernere Produktionsverfahren oder aktuelle Sicherheitserkenntnisse. Auch Normen müssen daher immer wieder auf den Prüfstand. Stellt zum Beispiel ein Verbraucherverband fest, dass der ISO-Standard 20.345, der die Beschaffenheit von Sicherheitsschuhen regelt, ergänzt werden muss, kann er bei einer Normungsorganisation vorstellig werden. Das Recht, eine neue Norm oder eine Anpassung vorzuschlagen, steht dabei grundsätzlich jedem zu – von staatlichen Stellen über Einzelpersonen bis zu Unternehmen. Je nachdem, wie relevant ein Produkt für den internationalen Markt ist, kann der Vorschlag bei einer nationalen Organisation eingebracht werden oder im internationalen Rahmen.

3 Ein Vorschlag ist bei der ISO eingetroffen! Aber ist die Überarbeitung einer Norm wirklich sinnvoll? Diese Frage wird mit dem New Work Item Proposal überprüft. Der Verband befragt dazu seine mehr als 160 Mitgliedsorganisationen – eine für jedes Land. Nur, wenn eine relative Mehrheit zustimmt und mindestens fünf Mitglieder bereit sind, aktiv an der Neuregelung mitzuarbeiten, geht es in die nächste Runde.

4 Eine Arbeitsgruppe wird gebildet, um den konkreten Text auszuarbeiten. In ihr sitzen Abordnungen der beteiligten nationalen Normungsgremien. Dabei gilt: Jeder darf mitmachen – schließlich sollen in der Working Group möglichst viel Sachverstand und möglichst viele Meinungen zusammenkommen. Je nach Thema kann die Gruppe also ziemlich groß werden. Neben staatlichen Stellen und Verbraucherschutzverbänden sitzen meist auch Vertreter von Industrieverbänden in den Gruppen. Dabei gilt: Keine Interessensgruppe soll die Übermacht haben. Einseitige Vertretungen werden von der ISO angemahnt: Der Gremienvorsitzende muss sicherstellen, dass alle relevanten Gruppen mitreden und -entscheiden.

5 Mitunter sind jetzt schon einige Jahre vergangen. Endlich ist der Entwurf fertig – und wird erstmals öffentlich gemacht. Noch einmal haben alle interessierten Kreise in mehreren, genau definierten, Schritten die Gelegenheit, Stellung zu nehmen. Keine Einwände? Dann kann die ISO den letzten Schritt gehen und die neue Norm publizieren. 

6Die ISO ist ein Verein, eine Übernahmepflicht ihrer Normen durch die einzelnen Mitgliedsländer besteht daher nicht. Weil es sinnvoll ist, im globalen Handel möglichst viele Standards international festzulegen, übernehmen aber viele Länder freiwillig die Normen und überführen sie in ihr eigenes Regelwerk. So übernimmt die Europäische Union die meisten Regelungen, die von der ISO in Genf erarbeitet werden. 

7In welchem Regelwerk eine Norm gilt, lässt sich ganz leicht an der Buchstaben-Zahlen-Kombination jeder Regel festlegen. In Deutschland funktioniert dies folgendermaßen: Das Kürzel DIN plus eine Zahl bedeutet, dass es sich um eine Norm des Deutschen Instituts für Normung handelt, die ausschließlich oder überwiegend Bedeutung für Deutschland hat. Das Kürzel DIN EN plus eine Zahl zeigt an, dass die Regel von allen Mitgliedern der Gemeinsamen Europäischen Normungsorganisation übernommen wurde. Und lautet die Bezeichnung DIN EN ISO plus Zahl, dann heißt das: Die Norm gilt auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene.