Smarte Spielzeuge

Good Toys,
Bad Toys

Vernetzte Spielzeuge machen Spaß, sind oft pädagogisch wertvoll – und wie ein Trojanisches Pferd im Kinderzimmer. Die Angst vor Datenmissbrauch hat eine intensive Diskussion über die Sicherheit der smarten Spielzeuge entfacht.

Text Tino Scholz Fotos Jan Steinhauer

Es war der Traum vieler Kinder der Neunzigerjahre, die im Kino den Walt-Disney-Film Toy Story sahen: einmal nahezu lebendige Spielzeuge als Freunde zu haben. Wie gern wären sie auf Abenteuerjagd gegangen mit dem liebenswürdigen Holz-Sheriff Woody oder Buzz Lightyear, dem unerschrockenen Astronauten. Der Film spielte seinerzeit große Gewinne ein, er traf den Nerv der Kinder. Und er wird jetzt, mehr als 20 Jahre später, ein Stück zur Wirklichkeit.

Immer mehr Spielzeuge erwachen derzeit quasi zum Leben. Sogenannte Smart Toys sind Mini-Computer, die immer öfter mit dem Internet verbunden sind und über Sensoren mit Menschen kommunizieren und interagieren können. Sie sind ein neuer Höhepunkt der Entwicklung der vernetzten Geräte und der Beweis, dass die Digitalisierung in sämtliche Bereiche unseres Lebens vordringt – bis ins Kinderzimmer. 

2015 betrug der europaweite Umsatz mit Smart Toys 2,6 Milliarden Euro. 2020 könnte er laut Prognosen rund das Vierfache erreicht haben. „Der Markt ist riesig. Er bietet Kindern im besten Fall enorme Vorteile“, sagt Stefan Hessel, Diplom-Jurist an der Universität des Saarlandes, der unter anderem Smart Toys erforscht.

Stofftiere, haben pädagogische Funktionen: Sie können über eine Spracherkennungssoftware Anregungen aufnehmen, Fragen beantworten oder stellen und sogar Spielaktivitäten anbieten und dadurch ein Kind leiten. Funktionen, die die smarten Geräte auch für Kinder mit Einschränkungen wie Autismus oder Sprachstörungen interessant machen. „Die Frage ist allerdings, ob dieser beste, pädagogische Faktor auch immer eintritt und die Probleme überstrahlt“, sagt Hessel. „Da kommt es schon sehr auf den Hersteller an.“

Nur wenige Smart Toys sind frei von jedem Verdacht.

Hessel setzt sich seit einigen Jahren vor allem mit dem Datenschutz und der Datensicherheit von Smart Toys auseinander. So schob er mit seinen Forschungen das von der Bundesnetzagentur im Februar 2017 ausgesprochene Verbot der Spielpuppe „My Friend Cayla“ an. Ihr Besitz kann sogar eine Straftat darstellen. Hinter der Puppe verbirgt sich eine versteckte, sendefähige Anlage samt Mikrofon – und damit eine Spionagefunktion, die gemäß dem deutschen Telekommunikationsgesetz nicht erlaubt ist.  Besitzer der Puppe wurden daher im Frühjahr 2017 aufgefordert, diese zu vernichten. Eine Klage des Herstellers gegen das Verbot läuft momentan noch. 

Ein drastisches Verbot wie im Fall „My Friend Cayla“ ist selten – die Sorge, dass smarte Spielzeuge das Kinderzimmer ausspionieren könnten, steigt aber. Im Sommer 2017 bestätigte ein Sprecher der Bundesnetzagentur, dass diese in den vorhergehenden Monaten rund 400 Aufforderungen an Online-Händler verschickt habe, bestimmte smarte Toys aus ihrem Angebot zu nehmen. Auch Experte Hessel ist sich sicher: „Es gibt nur sehr wenige Smart Toys, die frei von jedem Verdacht sind.“

Kontrolle per Bluetooth

Die Stärke der Smart Toys – ihre Verbindung zum Internet, eine immer aufwändigere Sensorik und höhere „Intelligenz“ – sind gleichzeitig ihr größtes Problem. Denn was mit den Daten, die über Kameras oder Mikrofone erhoben werden, wirklich passiert, ist nicht immer klar. Vor allem, wenn die IT-Sicherheit der Spielzeuge zu schwach ist. „Nehmen wir die Puppe Cayla. Dort kann ich mich mit ein wenig Fachwissen im Kreis von zehn Metern via Bluetooth mit der Puppe verbinden und mit dem Kind kommunizieren. Ich kann ihm Anweisungen geben, als würde das Spielzeug sprechen“, erklärt Experte Hessel.

Diese Sicherheitsrisiken sind nicht neu, sondern ein generelles Problem in unserer vernetzten Welt. „Von der Grundlogik her kann man Smart Toys wie Wearables oder die Überwachungskamera zu Hause betrachten“, sagt Dr. Dirk Schlesinger, Chief Digital Officer von TÜV SÜD. „Solche verknüpften Geräte sind immer anfällig für Angriffe von außen. Doch weil es bei Smart Toys um schutzlose Kinder geht, erfährt dieses Thema eine größere Aufmerksamkeit.“

Dirk Schlesinger und Stefan Hessel fordern daher, dass der Schutz von Seiten des Gesetzgebers ausgebaut werden muss. Die Spielzeugrichtlinie der EU regelt etwa nur mechanische oder chemische Eigenschaften, nicht aber Vorgaben für die Internetfähigkeit. „Man kann heute relativ sicher sein, dass ein Spielzeug nicht entflammbar ist und auch keine giftigen Farbstoffe enthält“, sagt Hessel. „Das reicht aber nicht mehr. Denn jetzt aber haben wir eine andere Art Spielzeuge, bei denen das Thema IT-Sicherheit immer wichtiger wird.“

Spielzeuge nur auf deren Entflammbarkeit zu testen, reicht heutzutage nicht mehr aus.

Während die Fragen rund um Datensicherheit durch die ab Mai dieses Jahres neu verbindliche EU-Datenschutz-Grundverordnung geregelt wird, ist der Gesetzgeber bei der IT-Sicherheit noch in der Pflicht. „Es sollte für alle persönlichen Smart-Home-Devices eine gültige Norm geben – oder ein Gütesiegel“, fordert TÜV SÜD-Mann Dirk Schlesinger. „Hersteller müssten dann Mindeststandards erfüllen für Prozesssicherheit, technische Sicherheit und Datenschutz. Dieses Gütesiegel wären dann eine wichtige Auswahlhilfe für die Verbraucher, welche Geräte sie sich zulegen können – und welche lieber nicht.“ Bereits heute hat TÜV SÜD ein Zertifikatsystem für smarte Geräte, das sich auch für Smart Toys anwenden lässt. „Es werden bisher aber vor allem die Gateways nach draußen, also die Router, untersucht“, sagt Schlesinger.

Auch die zentrale Sicherheitsbehörde der USA befasst sich längst mit dem Thema. Das FBI hat vor Kurzem hat eine Warnung vor Smart Toys herausgegeben. Über die in diesem Spielzeug verbaute Technologie sei in zunehmendem Maße die Privatsphäre und Sicherheit von Kindern gefährdet, hieß es. „Das kann man meist als letzten Warnschuss vor einer gesetzlichen Regelung verstehen“, erklärt Stefan Hessel. 

Gut möglich also, dass das Mutterland des Kinohits Toy Story als erstes Gesetze zur sicheren Nutzung von Smart Toys aufsetzt. Woody, der Holz-Sheriff des Animationsfilm, wäre bestimmt stolz gewesen. Er sorgte schon damals stets für Recht und Ordnung unter seinen Spielzeugfreunden.