Die Volksrepublik will zum Weltmarktführer der Hochtechnologie aufsteigen und ihr Image als Werkbank der Welt endgültig ablegen. Milliardenschwere Investitionen sollen den Sprung an die globale Spitze 
ermöglichen.

Text Tino Scholz

Es ist ein alljährliches Ritual: Die chinesische Fernsehshow „Die Zukunft liegt in unseren Händen“ stellt Vorbilder für Chinas Jugend vor. Normalerweise werden zu diesem Anlass überwiegend junge Frauen oder Männer dem Publikum präsentiert, die sich für einen guten Zweck engagiert haben. Dass sich die Zeiten in China aber gerade ändern, war auch der Show Ende des vergangenen Jahres anzumerken.  

Dort auf der Bühne stand nicht irgendwer. Es war ein Mann, der eine glänzende Zukunft für die gesamte Nation zu versprechen vermochte: Wang Chuanfu, Chef des chinesischen Autoherstellers Build Your Dreams (BYD). Bilder flimmerten auf einem Großbildschirm hinter ihm, sie zeigten elektrische Autos und Busse made in China. Wang Chuanfu pries die tollen Aussichten Chinas etwa 45 Minuten lang. Die jungen Studiogäste lauschten andächtig.

„In China entsteht gerade das 
Silicon Valley der Zukunft.“

Jost Wübbeke, China-Experte des Merics-Institus

Dass er vom chinesischen Staatssender zu dieser Show eingeladen wurde, hat einen Hintergrund: BYD ist dem Absatz nach weltweit zum größten Anbieter von Elektrofahrzeugen aufgestiegen. Und das nächste Ziel der E-Mobilität in China steht bereits fest: Schon bis 2025 soll ein Fünftel aller verkauften Fahrzeuge an der Steckdose aufladbar sein.

Wang Chuanfu und BYD stehen exemplarisch für einen revolutionären Wandel der Weltwirtschaft: In den kommenden sieben Jahren will China einen großen Schritt auf dem Weg von der Werkbank zum Innovationstreiber der Welt gemacht haben. Die Devise lautet: „Qualität zuerst!“ Vor zwei Jahren hat die chinesische Regierung dafür einen Masterplan zur Modernisierung der Industrie verabschiedet. Das Projekt „Made in China 2025“ geht dabei weit über vergleichbare Strategien zur Automatisierung und Digitalisierung der Industrie in anderen Ländern hinaus.

Effizienz made in China

Foto: GettyImages/FredFroese

Effizienz made in China

Automatisierte Maschinen sollen Chinas smarte Produktion vorantreiben – gleichzeitig will die Volksrepublik auch führender Hersteller der vernetzten Maschinen werden. 

Aufstieg zur Superpower

Der strategische Plan ist darauf ausgerichtet, China zu einer weltweit einzigartigen Manufacturing Superpower zu machen. Bis 2025 soll der Durchbruch in zehn Schlüsselsektoren erfolgen, die vom Smart Manufacturing in besonderem Maße beeinflusst werdem. Dazu zählen unter anderem Industrierobotik, E-Mobilität, Highend-Medizintechnik sowie modernste Schienenverkehrs- und Flugtechnik. Bis 2049, dem 100. Geburtstag der Volksrepublik, sollen jene Staaten überholt werden, die China im Bereich der intelligenten Fertigung momentan noch vor sich sieht: die USA, Südkorea, Japan und Deutschland. 

Chinas Regierung um Xi Jinping sieht in der technologischen Aufrüstung nicht nur die Chance zur Modernisierung der Industrie – sie will damit auch ihren Machtanspruchs in der Welt demonstrieren. Technologie-Knowhow, so glauben die Chinesen, wird über die politischen Machtverhältnisse in der Welt in Zukunft mitentscheiden. Müsste man die Anstrengungen Chinas in einen Satz zusammenfassen, es wäre dann wohl folgender: „In Zukunft wird man vor allem nach China schauen müssen, wenn man wissen will, wie sich wichtige Zukunftstechnologien entwickeln.“ 

Gesagt hat ihn Jost Wübbeke, Leiter des Programms Wirtschaft und Technologie beim in Berlin beheimateten Mercator Institute for China Studies (Merics). Wübbeke ist qua Amt ein ausgewiesener Kenner der chinesischen Wirtschaft und derer Zusammenhänge. Er veröffentlichte bereits Ende 2016 einen aufsehenerregenden Bericht, der Chinas Strategie für den Aufstieg zur neuen industriellen Supermacht detailliert beschreibt. „Der Wandel ist für China notwendig geworden. Die chinesische Führung weiß, dass das alte Wirtschaftsmodell, der massive Export von billigen Massenwaren ins Ausland und umfassenden Infrastrukturinvestitionen, nicht mehr funktioniert“, sagt er. „Deshalb die große, neue Strategie, mit der China in den vergangenen drei Jahren in vielen Bereichen bereits deutlich aufgeholt hat.“

„Jedem in China ist bewusst: Die Robotik ist eine große Chance.“

Dirk von Wahl, CEO TÜV SÜD Nord-Asien/Chinaus

Vorbild für „Made in China 2025“ ist dabei ausgerechnet die deutsche Plattform „Industrie 4.0“, die, so heißt es, China kopieren und besser machen wolle. „China muss zunächst aber noch in vielen Bereichen aufholen. Viele chinesische Unternehmen sind zudem hoch verschuldet, und der Übergang zur Industrie 4.0 gestaltet sich schwierig, da ein Großteil der Konzerne noch nicht einmal auf dem Stand der Industrie 3.0 ist“, sagt Wübbeke. „Wenn China diese Probleme erst einmal in den Griff bekommt, könnte dort jedoch ein globales Innovationszentrum entstehen, vergleichbar mit dem Silicon Valley in den USA.“

Chinas Zukunft soll rund um bestehende Zentren in Clustern wachsen. Die Provinz Jiangsu etwa, im Osten des Landes nördlich von Shanghai gelegen, ist bereits heute ein führender Industriestandort. Nun sollen im Ballungsraum der Millionenstädte Nanjing, Wuxi und Changzhou – einer der produktivsten und wohlhabendsten Regionen des Landes – 150 intelligente Fabriken errichtet werden.  Diese sollen pro Jahr 6.000 Industrieroboter produzieren, die dann im weiteren Verlauf hochwertige Produkte herstellen, und über 80 Prozent der industriellen Verfahren automatisieren. Guangzhou wiederum, das Industriezentrum nördlich von Hongkong, soll den Schwerpunkt von „Made in Guangzhou“ auf „Intelligent Manufacturing in Guangzhou“ verlagern. Anfang dieses Jahres hat die Stadt einen Plan vorgestellt, nach dem hohe dreistellige Milliardenbeträge durch intelligente Fertigung bis 2021 erwirtschaftet werden sollen.

E-Mobilität made in china

Getty Images/Moment/Marin Thomas

E-Mobilität made in china

Die Politik setzt voll auf elektrische Autos – und subventioniert diese entsprechend.

Das chinesische Ministerium für Industrie und Informationstechnologie hat insgesamt zwölf Stadtcluster und vier Städte für die Initiative ausgewählt. Bis zum Jahr 2040 sollen es bereits 40 sein. Für die Kernbranchen von Made in China 2025 stellt die Regierung Milliardenbeträge zur Verfügung, zum Beispiel wurden laut Merics bis zu 19 Milliarden Euro für die Entwicklung der Halbleiterindustrie eingeplant. Zudem investieren chinesische Unternehmen massiv ins Ausland: In der EU werden 2016 rund 35 Milliarden Euro investiert, teilweise auch für die Übernahme von High-Tech-Unternehmen.

„Wir sind schlau und 
wir arbeiten hart.“

Wang Chuanfu, Vorsitzender 
des E-Mobilitätskonzerns BYD

„Die Digitalisierung und der Wandel hin zur intelligenten Fertigung ist eine riesige Chance für China“, sagt Dirk von Wahl. Der 55-Jährige kennt die Wirtschaft des bevölkerungsreichsten Landes der Welt sehr genau: Er lebt seit 1994 mit seiner Familie in China und leitet die Geschäfte von TÜV SÜD im Land seit 2009. „China hat nichts von seiner Dynamik eingebüßt und entwickelt sich permanent weiter“, so von Wahl.

Eines seiner Lieblingsprojekte ist die Robotik. Bis 2020 will China jährlich mindestens 100.000 Industrieroboter herstellen können. Bereits heute arbeiten in keinem Land der Erde so viele Roboter in Fabriken wie in China – in zwei Jahren könnten es laut Schätzungen des Branchenverbands International Federation of Robots knapp eine Milliarde sein. Das wäre knapp ein Drittel des gesamten weltweiten Bestands. „Egal mit wem man redet, ob Universitätsprofessoren, Politik oder Unternehmer: Die Robotik ist Chinas große Chance“, sagt von Wahl. „Und für TÜV SÜD ein immer wichtigeres Feld: Wir sind bereit eine lokale Zertifizierungsstelle für Industrieroboter zu etablieren und hoffen, dass der Staat dieses Feld bald für ausländische Unternehmen öffnet. Denn wir können sehr viel dazu beitragen, dass neue Technologien sicher umgesetzt werden.“ 

Im Bereich der Mobilität sieht der CEO der TÜV SÜD-Region Nord-Asien China ebenfalls ganz vorne – auch dank einem staatlich verordneten radikalen Umbau der Automobilindustrie. Ab kommendem Jahr müssen Fahrzeughersteller in China verpflichtende Mindestziele für den Anteil alternativer Antriebe in Produktion und Verkauf einhalten: 2019 gilt eine 10-Prozent-Quote, ab 2020 12 Prozent.

Batterien der Zukunft made in China

Shutterstock/SV Production

Batterien der Zukunft made in China

 Schon heute ist das Land bei der Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien für die E-Mobilität führend.

Batterien für E-Mobilität im Fokus

In der Herstellung von Batterien für Elektroautos ist China schon heute der Konkurrenz aus anderen Staaten weit voraus – und strebt diese Marktführerschaft auch für das Gesamtfahrzeug an. „Die Verdrängung ausländischer Technologien durch chinesische ist ein Ziel der chinesischen Regierung“, sagt Merics-Forscher Jost Wübbeke. „Der Markt wird für europäische und nordamerikanische Konzerne schwieriger werden.“

Ob einheimische oder ausländische Automobilhersteller – eines eint sie alle: Neue Technologien werden sich nur durchsetzen können, wenn sie auch sicher sind. Für TÜV SÜD sei die Initiative „Made in China 2025“ daher vor allem eine Herausforderung und Chance, sagt Dirk von Wahl. „Wir stehen in sehr regem Austausch mit Autoherstellern aus vielen Ländern, die in China unbedingt Batterien für ihre E-Autos testen möchten.“

Dafür investiert TÜV SÜD in moderne Prüfkapazitäten: Innerhalb der nächsten 24 Monate werden in Süd- und Nordchina sowie im Zentrum des Landes drei große Batterietechnologiezentren eröffnet, die in Zusammenarbeit mit den Autobauern und Batterieherstellern als Testlabore genutzt werden sollen. „Dort können wir die Batterien bis hin zur Explosion testen. So begleiten wir diese Innovation bei ihrer Entwicklung hin zu einem absolut sicheren Produkt“, sagt von Wahl.

Denn in China ist es nicht nur wichtig, die relevanten Maschinen und Geräte zu haben, die miteinander verbunden sind und kommunizieren – auch die Sicherheit der Technik sowie der Daten muss gewährleistet werden. „TÜV SÜD als unabhängiger Prüfdienstleister begleitet diesen Wandel sehr eng, vor allem bei der IT-Sicherheitszertifizierung in industriellen Automatisierungs- und Steuerungssystemen“, sagt von Wahl. Um die Entwicklungen zu unterstützen, hat TÜV SÜD zwei Digital Service Center of Excellence eingerichtet, die sich auf die Entwicklung von Digitalisierungsdienstleistungen konzentrieren.

Vom Entwicklungsland in den 1970er Jahren zur Hightech-Nation in wenigen Jahrzehnten: Kaum jemand zweifelt daran, dass China seine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahre weiterschreiben wird. „Der Markt wird weiter wachsen“, ist Dirk von Wahl überzeugt. Auch Jost Wübbeke ist optimistisch, mahnt aber angesichts vieler externer Faktoren, etwa der allgemeinen globale Wirtschaftsentwicklung, zur Vorsicht.

Und Wang Chuanfu, der Chef des E-Auto-Herstellers BYD? Angesprochen auf das Erfolgsgeheimnis der Chinesen, sagt er Sätze, die Vorbilder in Chinas TV- Shows nun einmal sagen. „We are smart and we work hard – wir sind schlau und wir arbeiten hart.“ Die Konkurrenz im restlichen Teil der Welt dürfte bei solchen Sätzen ganz genau hinhören.