Illustration: Joe Waldron

Kolumne

Herr Strasser, was denken Sie über …

Planung?

Michael Strasser, Extremsportler aus Wien, über seinen Fahrrad-Weltrekord-Versuch. 

Illustration Joe Waldron

Ende Juli werde ich an einem der nördlichsten Punkte von Alaska stehen, in Prudhoe Bay. Ich werde mich auf mein Fahrrad setzen, den Helm überziehen und durchatmen. Vor mir liegen dann 24.000 Kilometer Strecke, ich werde bis Patagonien fahren, entlang der Panamericana den gesamten nord- und südamerikanischen Kontinent durchqueren. Hobbyfahrer benötigen zwei bis drei Jahre. Im besten Fall brauche ich weniger als 100 Tage. 

Mein Ziel ist es, den momentanen Rekord von 117 Tagen zu brechen. Diese Herausforderung ist die logische Fortsetzung meiner sportlichen Ambitionen, die ich schon lange verfolge. Zuletzt 2016, als ich einen Fahrrad-Weltrekord aufstellte, indem ich 11.000 Kilometer von Kairo bis Kapstadt in nur 35 Tagen fuhr. Mir geht es darum zu sehen, wie weit ich meine eigenen Grenzen hinausschieben kann. 

Die Öffentlichkeit wird mich dann als Einzelkämpfer sehen, als jemanden, der scheinbar sich selbst überlassen ist. Kaum jemand aber sieht den komplexen Plan hinter solch einem Projekt. Ohne Willen geht nichts – ohne Planung aber ebenso wenig. Zwei Jahre habe ich zusammen mit zehn ehrenamtlichen Helfern die Tour geplant.

Die Navigation ist eine Herausforderung: 14 Länder durchquere ich, es gibt viele Regeln zu beachten. Mal kann ich etwa auf Highways fahren, mal ist es verboten. Ein Team aus Österreich koordiniert daher meine Route – damit meine vier Betreuer und ich uns vor Ort auf das Fahren konzentrieren können. Das ist auch wichtig für mein Timing. Es ist geplant, dass ich Nordamerika auf der Nordhalbkugel zum Ende des Sommers verlasse und Patagonien auf der Südhalbkugel zum Frühlingsbeginn erreiche. Höchstleistungen kann ich vor allem bei warmen Temperaturen abrufen. 

Meine Tagesabläufe sind dabei genauso getaktet wie flexibel. An einem optimalen Tag schaffe ich 400 Kilometer. Doch Unwägbarkeiten kann ich kaum kalkulieren. Es kann weniger Gegenwind geben und gute Straßen – dann kann ich mehr fahren. Wenn es mir schlecht geht, muss ich früher Pausen einlegen. Straßensperren sind unvorhersehbar, außerdem fahre ich mitten durch die Hurrikansaison. Ich kann mich also noch so gut vorbereiten: Wenn ein Hurrikan daherkommt, bin ich machtlos. Es ist daher immer der Mix aus Strategie und Flexibilität, der den Erfolg ausmacht.

Schon jetzt freue ich mich auf die letzten Meter. Ich träume davon, wie ich einen neuen Weltrekord aufstelle, wie sich in den finalen Momenten der Tour all die Strapazen lohnen werden. Bis dahin ist es zwar ein weiter Weg, aber ich bin optimistisch: Ich könnte kaum besser vorbereitet sein.


 

Michael Strasser, 35 Jahre,
ist ein professioneller Extremsportler aus Wien und vor allem im Radsport und Triathlon aktiv. Er ist zudem Buchautor und Vortragsredner.