Interview

„Keine Sorge, das ist keine Achterbahn“

Henk Hesselink, Ingenieur und Projektleiter beim Niederländischen Luft- und Raumfahrtzentrum, hat eine Vision: In Zukunft sollen Drohnen sowie Personenflugzeuge auf einer kreisrunden Bahn abheben und landen. In der Theorie ist das machbar – die Realität hingegen wirft viele Fragen auf.

Text Jörg Riedle

Herr Hesselink, in der Luftfahrt haben sich im Laufe der Geschichte viele Parameter weiterentwickelt: die Flugzeuge, biometrische Sicherheitschecks, die Logistik. Nur die Flugzeuge starten und landen wie eh und je. Warum?

Wenn ich das wüsste. Wahrscheinlich, weil wir es schon immer so gemacht haben und es ja auch funktioniert. Und: Die gesamte Fluginfrastruktur, all die Erfahrungen der Piloten, sind auf schnurgerade Start- und Landebahnen ausgerichtet.

 

Trotzdem wollen Sie kreisrunde Start- und Landebahnen einführen. Weshalb?

Unser Projekt wurde von der Europäischen Kommission gefördert und hatte ein Ziel: Das Aufzeigen neuer Transportwege in der Luft. Wir optimieren schon seit Jahrzehnten die Kapazitäten von startenden und landenden Flugzeugen. Irgendwann werden die Schritte kleiner und man kann nicht mehr optimieren. Wir brauchen neue Lösungen, um den steigenden Anforderungen in der Zukunft gerecht zu werden.

 

Aber warum nicht die bestehenden Start- und Landebahnen weiterentwickeln?

Manchmal kommt es eben erst durch radikale Änderungen zum Fortschritt. Wir haben mit unseren runden Start- und Landebahnen Simulationen anhand eines sehr umtriebigen Tages am Pariser Flughafen Charles de Gaulle durchgeführt. Wir konnten problemlos das aktuelle Aufkommen abfertigen. Vier Flugzeuge können gleichzeitig landen und starten. Dazu kommen kürzere Wege: Allein in Amsterdam-Schiphol gibt es etwa eine Startbahn, die ist acht Kilometer von einem Gate entfernt. Es dauert, bis man überhaupt abheben kann. Die Wege vom Gate zum Abflug sind bei einer runden Bahn viel kürzer, unser Simulations-Flughafen hat gerade mal einen Durchmessers von dreieinhalb Kilometern. Die Taktung der Starts und Landungen kann bei einer runden Form gesteigert werden.

 

Foto: The Endless Runway

 

Mehr Starts und Landungen bedeutet auch eine höhere Belastung für die Umwelt.

Nicht zwingend, denn durch die runde Form müssen Flugzeuge keine Runden mehr drehen, um auf eine Landebahn zuzufliegen, wie es heute oft der Fall ist. Sie können von jeder Seite anfliegen. Das kommt der Umwelt zugute. Außerdem ist die runde Variante sicherer – gefährliche Seitenwinde würden verhindert werden, weil es bei einer runden Form immer zwei Anflugkorridore gibt, in denen keine Seitenwinde vorherrschen.

 

Eigentlich gut für Piloten.

Es gab bereits Tests in den USA vor 50 Jahren. Die Piloten sagten, beim ersten Mal sei es gewöhnungsbedürftig gewesen zu landen. Beim zweiten und dritten Mal allerdings gewöhnten sie sich daran. Heute wird dieses Verfahren wieder in verschiedenen Simulatoren erprobt. Die Landung ist im Grunde vergleichbar mit der traditionellen Verfahrensweise: Man fliegt gerade an und erst kurz vor der Landung dreht der Pilot auf die runde Form ein. Die wirkenden G-Kräfte sind dabei zu vergleichen mit einer Kurve auf der Autobahn oder im Zug. Das ist überschaubar.

 

Trotz der theoretischen Vorteile: In der Praxis, sagen andere Experten, sei ein runder Airport nicht umsetzbar.

Die Flugindustrie ist sehr strikt. Man kann nicht einfach etwas über Nacht ändern. Alles muss verständlicherweise getestet werden. Alles ist auf gerade Bahnen ausgerichtet. Es müssten runde Start- und Landebahnen gebaut werden, es gibt keinerlei Infrastruktur dafür. Das würde natürlich enorme Kosten verursachen.

 

Also wird sich nichts ändern?

Ich bin überzeugt von den runden Bahnen, ganz klar. Vielleicht, wenn die Vorteile des Konzepts bewiesen und akzeptiert sind, werden in ferner Zukunft runde Start- und Landebahnen gebaut und die geraden Varianten verschwinden. Aber ich sehe keinen Wandel in der näheren Zukunft. Die finanziellen Investitionen wären einfach zu hoch. Außerdem gibt es bei vielen schlicht keine Kapazitätsprobleme beziehungsweise gefährliche Seitenwinde. Die brauchen gar keine runden Bahnen.

Also bleibt ihre Vision eine unerfüllte?

Nicht unbedingt. Wir sammeln gerade finanzielle Mittel, um die Nutzbarkeit eines alternativen Einsatzbereichs zu entwickeln: Runde Start- und Landebahnen für Transportdrohnen. Wir sehen, dass Drohnen immer bedeutender werden und dass sie einen kommerziellen Zweck bedienen können. Unser Fokus liege auf Drohnen, die Hunderte Kilo schwere Cargo-Container transportieren können.

 

Wozu benötigen Transportdrohnen einen Flughafen?

Weil der Verkehr zunehmen wird und es eine eigene Infrastruktur braucht. Bestehende Flughäfen können das vielleicht zu einem kleinen Teil leisten. Nimmt die Menge aber, wie zu erwarten ist, zu, gelangen wir schnell an Grenzen. Schauen Sie nur auf den Onlinehandel, dieser Bereich nimmt sehr stark zu.

 

Also Infrastrukturen für den Bedarf on-demand?

Wenn wir etwas bestellen, wollen wir es eigentlich sofort haben. In den nahegelegenen Distributionszentren aber sind Produkte manchmal nicht erhältlich. Wenn eine schnelle Auslieferung notwendig ist (heute gekauft – heute geliefert), könnten Drohnen diese Produkte zwischen verschiedenen Orten und Distributionszentren transportieren. Die Idee ist, Infrastrukturen nahe von Industriearealen zu bauen, die dann angeflogen werden können.

 

Wie sehen diese Infrastrukturen aus?

Es sind keine Flughäfen im traditionellen Sinne. Wir brauchen keine Verwaltungsgebäude, Check-in-Areas etc. Die ganze Infrastruktur wäre vom Durchmesser kaum größer als 400 Meter. Wir brauchen die Start- und Landebahn, Transportwege sowie Lade- und Entladebereiche. Von dort könnten beispielsweise kleinere Drohnen die Auslieferung übernehmen

Im niederländischen Valkenburg soll dazu ein Testgelände entstehen.

Es ist ein alter, stillgelegter Flughafen. Er wird gerade neu gedacht: Es soll auch ein großes Forschungszentrum entstehen, unter anderem für die Nutzung von Drohnen. Warum also nicht dort an Infrastrukturen arbeiten? Momentan sind wir da aber noch in der Planungsphase

Also ist die Nutzung auch hier noch weit entfernt?

Wir müssen viel Arbeit investieren. In ein paar Jahren werden wir real testen können. Dann dauert es noch mal ein paar Jahre, bis solch eine Infrastruktur großflächig ausgerollt werden könnte. Also: Innerhalb der kommenden zehn Jahre wird es da keinen ganz großen Durchbruch geben. In der Luftfahrtindustrie dauert es eben manchmal etwas länger.