Interview

"Und Zack,
da ist man Weltmeister"

Warum ist Fußball der weltweit beliebteste Sport? Weil er das Drama des Lebens nachstellt – sagt der Philosoph Paul Hoyningen-Huene. Im Interview spricht er über diesen Vergleich und warum ohne ein klares Regelsystem nichts funktioniert.

Interview Jörg Riedle & Tino Scholz Foto Conny Mirbach

Professor Hoyningen-Huene, Sie sind Wissenschaftsphilosoph, beschäftigen sich aber auch mit den philosophischen Zusammenhängen zwischen Fußball und Gesellschaft. Wie kam es dazu?

2002, es lief gerade die WM in Japan und Südkorea, kam ich spätabends sehr müde nach Hause. Mein damals zehnjähriger Sohn wollte aber unbedingt noch die Wiederholung eines Spiels schauen. In meiner Müdigkeit habe ich mich gefragt, was so faszinierend daran ist, dass ein Ball über eine auf den Rasen gemalte Linie rollt und warum dies bei so vielen Menschen große Emotionen hervorruft.

 

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Jeder Fußballfan weiß, wie wichtig neben dem Können der Zufall beim Fußball ist. Dies macht ein Ergebnis unvorhersehbar. Dieses Glück und Unglück in Kombination mit Können oder Unfähigkeit ist auch kennzeichnend für das „Drama unseres Lebens“, also das, was uns im Alltag passiert.  

 

Was meinen Sie damit genau?

Unser Leben ist nicht komplett planbar. Wenn wir etwas umsetzen wollen, gibt es immer Umstände, die das Ergebnis im Positiven oder Negativen beeinflussen können. Wer auf sein bisheriges Leben zurückblickt, erkennt unzweifelhaft, dass viele entscheidende Weichenstellungen vom Zufall geprägt waren – zum Beispiel, weil man bestimmte Menschen getroffen hat oder zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Das nenne ich das „Drama des Lebens“.  

 

Und dies findet verdichtet auch auf dem Fußballplatz statt?

Ja, denn auch hier spielen Zufälle immer eine Rolle. Wenn Sie sich die beiden Mannschaften vor einem Spiel genau ansehen, werden Sie oft sagen können, welche wahrscheinlich gewinnen wird. Sicher ist dies aber nicht – gerade bei Veranstaltungen wie der Weltmeisterschaft erleben wir immer wieder, wie ein vermeintlich Schwächerer einen Stärkeren besiegt. Diese Dramatik finden Sie in dieser Intensität in kaum einer anderen Sportart.

Das Drama des Lebens dauert ein Leben lang – das des Fußballs ist begrenzt auf 90 Minuten.

Warum?

Es beginnt damit, dass man beim Fußball den Ball nur mit Fuß, Kopf oder Brust führen darf. Dadurch kommt ein starkes Zufallselement herein. Außerdem gibt es wenig Tore, sodass ein Zufallstor stärker zählt. Meine Grundthese ist: Im Fußball ist die Mischung von Können und Zufall, die das Drama des Lebens ausmacht, auf eine einzigartige Weise realisiert.

 

Keine Sportart ist weltweit so erfolgreich wie Fußball, das Finale der vergangenen WM haben sich angeblich über eine Milliarde Menschen angesehen.

Die Begeisterung ist historisch beispiellos, weltumspannend und unabhängig von sozialen Schichten oder vom Alter. In der Tat gibt es nur zwei „Kontinente“, die nicht durchdrungen worden sind. 

 

Nämlich?

Die Antarktis – und die Frauen. 

 

Frauen?

In der Tat interessieren sich viel mehr Männer für Fußball als Frauen. Warum das so ist, lässt sich abschließend wohl nicht beantworten. Vielleicht liegt es daran, dass Fußball ein kämpferischer Wettbewerb ist – was viele Frauen vielleicht weniger anspricht. Wir erleben aber hier einen gewissen Aufschwung, und zwar in dem Maße, wie der Fußball immer mehr einen Eventcharakter bekommt.

Zur Person

Zur Person

„Ich freue mich auf perfekt gespielten Fußball, schaue aber auch immer wieder, wann und wie genau das Element Zufall den Spielverlauf ändert“, sagt Prof. Paul Hoyningen-Huene über die am 14. Juni 2018 beginnende Fußball-WM in Russland. Hoyningen-Huene, geboren 1946 im bayerischen Pfronten und wohnhaft in Zürich, ist ein deutscher Philosoph, der sich insbesondere mit Fragen der theoretischen Wissenschaftsphilosophie und der Wissenschaftsethik befasst. Schwerpunkte sind die Philosophie Thomas S. Kuhns und die Frage, was Wissenschaftlichkeit eigentlich ist, sowie die Verantwortung von Wissenschaftlern und Ingenieuren. Hoyningen-Huene befasst sich zudem regelmäßig mit dem Thema Fußball. 2006 erschien dazu sein erster Fachartikel „Das Drama des Lebens. Warum Fußball fasziniert“.

Nun gibt es aber nicht nur die Konfrontation, sondern auch ein sehr klares Regelsystem, das eine Rolle spielt.

Richtig. Ein fundamentaler Unterschied zwischen dem Drama des Lebens und dem Drama des Fußballs besteht in der Zeitregelung. Das Drama eines Fußballspiels ist meist nach 90 Minuten beendet, jedenfalls auf dem Platz. Das Drama des Lebens hat dagegen keine klare zeitliche Begrenzung. Das ist der Vorteil des Fußballs: Jedes Wochenende, jede Saison oder bei jedem internationalen Wettbewerb kann ein neues Fußballdrama starten – und enden.  

 

Noch einmal zu den Regeln…

Das Drama des Lebens und das Drama des Fußballs finden innerhalb von Regelsystemen statt. Ohne diese würden beide nicht funktionieren. In unserem Alltag sind dies Gesetze und nicht kodifizierte Verhaltensregeln. Und so, wie es sanktioniert wird, wenn jemand stiehlt, gibt es im Fußball Strafen für nicht regelgerechtes Verhalten. Ein Fußballspiel wird nur akzeptiert, wenn es faire Regeln gibt und der Zuschauer davon ausgehen kann, dass derjenige gewinnt, der mehr reguläre Tore erzielt hat. Die Idee des Spiels ist es, faire Ausgangsbedingungen zu haben, in deren Rahmen sich das Drama des Spiels entfaltet. Zufall und Können gehen dabei eine Mischung ein, bei der eben niemand weiß, was am Ende herauskommt, und das macht das Spiel so spannend.

Einer für alle – alle für einen: "Der Fußball findet weltweit eine unvergleichliche Beachtung", sagt Prof. Hoyningen-Huene.

Bei der aktuellen WM wird erstmals der Videobeweis eingesetzt. Eine richtige Entscheidung?

Ich halte die Entscheidung für unvermeidlich. Als Joseph Blatter noch Präsident des Weltverbandes Fifa war, sagte er, dass man dem Sport dadurch ein fundamentales Spannungselement nehmen würde. Und es stimmt ja: Noch heute spricht man über das Wembley-Tor 1966 oder die „Hand Gottes“ 1986 von Diego Maradona. Doch im Vergleich zu heute gibt es einen großen Unterschied.

 

Und der wäre?

Früher waren die Entscheidungen des Referees unumstößlich, das ging nicht anders. Jetzt gibt es gerechtere Möglichkeiten und es ist sinnvoll, sie zu nutzen. Nur wenn die Gleichheit der Chancen gegeben ist, funktioniert auch das Drama des Spiels. Um neue Technologien werden wir also nicht herumkommen.  

 

Innovation ist aber nicht nur auf dem Rasen gefragt, sondern auch in der Wirtschaft. Ist nur derjenige erfolgreich, der sich weiterentwickelt und sich ständig neu erfindet?

Das ist sehr unterschiedlich, denn es ist nicht so, dass der Innovativste auch immer der Erfolgreichste ist. Manchmal ist es besser, der Zweite im Feld zu sein, der aus den Fehlern des Innovators lernt. Ähnlich im Fußball: Nehmen wir Griechenland bei der Europameisterschaft 2004. Damals galt ihre Spielweise mit Dreierkette sowie Libero als völlig veraltet. Und trotzdem haben sie gewonnen.

Man muss im Fussball wie in der Wirtschaft nicht immer der Innovator sein. Manchmal ist es besser, Als Zweiter aus den Fehlern des Innovators zu lernen.

Dennoch versucht jeder, der Erste zu sein. Ist es notwendig, sein Tun ständig zu hinterfragen?

Hinterfragen schon. Ein Jupp Heynckes oder ein Pep Guardiola machen das ja auch. Jeder noch so einfach anmutende Gegner wird genau analysiert und nicht auf die leichte Schulter genommen. Das sind absolute Perfektionisten, die es braucht, um erfolgreich zu sein.

 

Schaut man dabei lieber auf sich selbst oder auf die Konkurrenz?

Beides selbstverständlich. Da gibt es auch wieder die Parallelen zum echten Leben und zur Wirtschaft: Kleine Firmen oder große Konzerne müssen sich ständig hinterfragen, die Konkurrenz und den Markt im Auge behalten, um agieren oder auf neue Anforderungen reagieren zu können. Es reicht dabei nicht, nur auf sich selbst zu schauen und zu vertrauen, dass schon alles gut gehen wird.

Wer am Ende gewinnt? Oft entscheide der Zufall, das mache den Reiz des Fußballs aus, sagt Prof. Hoyningen-Huene.

Wenn wir das Drama des Lebens und damit auch das Drama des Fußballs als Basis nehmen, wer wird dann Weltmeister?

Man kann zumindest sagen, dass es eine Gruppe gibt, aus der der Weltmeister vermutlich nicht kommen wird, und dazu gehören zum Beispiel Saudi-Arabien, Marokko, Senegal, Island oder Costa Rica. In diesen Mannschaften ist das Können nicht so stark ausgeprägt, dass es durch Glück über den gesamten Wettbewerb hinweg aufgewogen werden könnte. Also wäre ich extrem überrascht, sollte der Weltmeister aus dieser Gruppe kommen. Die Gruppe der potenziellen Weltmeister kann man auch leicht bestimmen, das sind die üblichen Verdächtigen.  

 

Also wird das Fünkchen Glück entscheiden?

Es kann natürlich immer eine haushoch überlegene Mannschaft geben, die alles in Grund und Boden spielt. Wenn man in die Vergangenheit blickt, gab es so etwas aber nicht allzu häufig. Und selbst wenn es eine solche Mannschaft gab, ist sie am Ende nicht zwingend Weltmeister geworden – nehmen Sie zum Beispiel die WM 1954, als Deutschland und nicht Ungarn gewann. Im Fußball kann alles Unglaubliche passieren, manchmal ist es ein versprungener Ball in der letzten Minute, der über Sieg oder Niederlage entscheidet. Und zack, da ist man Weltmeister.