Illustration: Joe Waldron

kolumne

 

Frau Lauritzen, was denken Sie über ...

Präzision? 

Amalie Hegland Lauritzen aus Norwegen, über Windtunnelfliegen.

Illustration Joe Waldron  

Luft mit bis zu 300 Stundenkilometer strömt in einem vertikalen Windtunnel von unten nach oben. Wenn ich vor dem Eingang eines solchen Tunnels stehe, den Wind schon durch meine Handschuhe fühle und die Musik beginnt, blende ich alles andere um mich herum aus. Es gibt nur den Moment und mich. Jeden einzelnen Schritt meiner Performance, jede Bewegung gehe ich im Kopf durch. Schon die kleinste Veränderung meines Körpers hat sichtbare Folgen. Ich hüpfe hinein, lasse mich vom Wind tragen, mache Saltos vorwärts und rückwärts. Ich schwebe in einer Spirale von oben nach unten den Tunnel hinab, fast schwerelos kreise ich umher.

Für die Zuschauer sehen meine Bewegungen mühelos aus, ganz simpel. Aber im Windtunnel muss ich gegen gewaltigen Druck ankommen. Artistische Bewegungen aller Art sind möglich, doch sie fordern viel Kontrolle, Balance und Kraft. Ich muss mir meines Körpers ununterbrochen bewusst sein, ihn fühlen und kontrollieren, um unversehrt wieder hinauszukommen. Denn ich kann mich an nichts festhalten. Zur Sicherheit trage ich einen Schutzanzug und einen Helm.

Der Platz im Windtunnel ist begrenzt. Damit meine Vorführung gelingt, behalte ich meine Umgebung immer im Blick. Wenn ich zu nahe an der Scheibe bin oder zu weit unten im Tunnel, passe ich meine Bewegung minimal an – und gelange zurück in meine gewünschte Position. Oft reicht es aus, die Brust nach vorne zu drücken. Schon ergreift mich weniger Luft, und ich sinke nach unten.

Nachdem ich die European Indoor Skydiving Championship im Solo Freestyle dieses Jahr gewonnen habe, steht für mich im Oktober der World Cup in Bahrain an. Nächstes Jahr will ich den Weltmeistertitel der World Championship in Frankreich erreichen. Nur wenn ich meine Choreografie auf den Zentimeter genau durchführe, habe ich gegen die internationale Konkurrenz eine Chance. Kreative, neue Bewegungen sind der Schlüssel dafür, aus der Masse herauszustechen.

Mindestens einmal in der Woche übe ich im Windkanal, wenn ein Wettkampf bevorsteht sogar jeden Tag. Ich fliege maximal 15 Minuten am Stück. Dann lässt die Konzentration nach. Auch außerhalb des Tunnels trainiere ich täglich. Zum Beispiel hänge ich mich in Gummibänder, um mich zu dehnen, meine Kraft aufzubauen, und meine Körpermitte zu stärken. Die lange Vorbereitung und das häufige Training helfen mir, meinen Fokus zu behalten, meine Ziele zu erreichen und mich während meiner Performance sicher zu fühlen.


 

Amalie Hegland Lauritzen, 19 Jahre,
ist eine professionelle Windtunnelfliegerin aus Norwegen. Dem Sport geht sie seit fünf Jahren nach, erst drei davon professionell, und hat schon jetzt die diesjährige European Indoor Skydiving Championship im Solo Freestyle gewonnen.