Technik

Familie Roßmy fährt in die Zukunft

Als Norbert Seibt vor 17 Jahren bei TÜV SÜD Auto Service einstieg, waren Elektroautos eine ferne Vision. Heute verwandeln Bastler wie die Familie Roßmy Benziner auf eigene Faust in Elektrowagen. In Niederbayern und dem Chiemgau nimmt Seibt solche Umbauprojekte ab – und verwirklicht nebenbei seinen ganz eigenen Traum.


Text Thomas Schmelzer Fotos Konstantin Eckert

Wenn Norbert Seibt über Elektroautos spricht, sprudeln die Fachwörter und seine Begeisterung nur so aus ihm heraus. Seibt redet dann über Adapterplatten und Motorhalterungen über EMV-Nachweise und Unterdruckpumpen. Vor allem aber beschreibt er das Gefühl, mit so einem Elektroauto über die Straßen seiner bayerischen Heimat zu gleiten. „Man schwebt fast über den Asphalt“, schwärmt er. „Wer das einmal erlebt hat, will nie wieder zu einem Benziner zurück.“

Seibt, 57, hat seine Leidenschaft gefunden – und lebt sie in seinem Beruf aus. Für TÜV SÜD Auto Service prüft der Sachverständige und gelernte Kfz-Mechaniker in Niederbayern neben anderen Fahrzeugen immer mehr Elektro­autos von Bastlern für die Erstzulassung. Als er 2001 bei TÜV SÜD anfing, rollten Elektroautos allerdings nur in Science-­Fiction-Filmen über die Straßen. „Dass ich irgendwann fast jede Woche so ein Auto am TSC in Eggenfelden abnehmen würde, hätte ich nie gedacht“, sagt Seibt.

Die Dinge änderten sich, als ein Tüftler aus der Region anfing, ausgediente Liebhaberwagen in Elektrowagen zu verwandeln. Erst einen alten Fiat 500, später einen Käfer. Die einzige Vorlage: ein TÜV SÜD-Datenblatt. Nachdem die Projekte fertiggebaut waren, fehlte nur noch die Abnahme. Das erste Elektroauto rollte bei Norbert Seibt an die Prüf­stelle. „Ich habe mich damals sofort in das ­Thema verliebt“, erinnert sich Seibt.

 

 

Eines der fast 100 Elektro-Autos, die Norbert Seibt geprüft hat, ist der E-Cooper von Familie Roßmy. 

immer mehr elektromobile

Seibt belegte Fortbildungen, wühlte sich durch Fachbeiträge – und inspizierte kurze Zeit später die ersten Elektro-Umbauten. Damals, vor zehn Jahren, rollten im Jahr höchstens drei bis vier Autos in seine Werkstatt. Heute sind es genauso viele – pro Monat. „Wenn ein Elektroauto ins TSC kommt, ist das jedes Mal aufs Neue ein spannendes Gefühl“, sagt Seibt. Er gehört mittlerweile zu einem kleinen Kreis von Fachleuten, die sich besonders gut mit umgebauten Elektromobilen auskennen. Aus ganz Deutschland pilgern die Bastler zu ihm.

Ein Projekt, an das sich Seibt noch genau erinnern kann, surrt an einem der letzten Spätsommertage des Jahres in Bad Endorf am Chiemsee den kleinen Hügel zu Familie Roßmy hinauf. Kaum ein Geräusch, nur der Kiesel unter den Reifen knarzt. Vor dem hölzernen Garagentor stoppt der Wagen und Paulinus Roßmy steigt aus. Der 20-Jährige kommt gerade von der Arbeit aus dem nahe gelegenen Rosenheim.

Mit seinem Bruder und seinem Vater hat Paulinus vor drei Jahren aus einem gebrauchten Mini Cooper einen Elektrowagen gebaut. E-Cooper nennen die Roßmys ihr Projekt: 30 zusammengeschaltete Batterieblöcke, Dutzende Kabel, eigene Halterungen, 16 Kilowattstunden Leistung, locker 100 Kilometer Reichweite.

Wer nichts riskiert, lernt auch nichts dazu.

Als Paulinus zusammen mit seiner Familie vor dreieinhalb Jahren beim Abendessen die Idee entwickelte, sich das eigene Elektroauto zu bauen, war die Umsetzung noch in weiter Ferne. Doch als der alte Benzinmotor aus dem Cooper ausgebaut worden war, gab es kein Zurück mehr. Während seine Freunde im Sommer an den See ausschwärmten, schraubte Paulinus mit seinem Vater und Bruder Vinzenz in der Garage am eigenen Projekt herum. Ein Jahr und 200 Arbeitsstunden später schnurrte der E-Cooper aus der Einfahrt der Roßmys heraus.

Jetzt galt es nur noch eine Hürde zu nehmen: die Erstzulassung. Weil die Roßmys von Seibts Fachkenntnis gehört hatten, kamen sie zu ihm. „Bei dem Auto hat man direkt gesehen, dass sich die Familie richtig ins Thema reingekniet und mit dem Projekt identifiziert hat“, erinnert sich Norbert Seibt. An diesem Sommertag ist er zu Besuch bei den Roßmys, um sich auszutauschen und das alte Projekt noch einmal Revue passieren zu lassen. Vor dem hölzernen Garagentor der Roßmys öffnet er die Motorhaube des Elektroflitzers. Wie schon vor drei Jahren ist Seibt zufrieden. Alle Kabel sind sauber verlegt, keine Schraube locker. Im Fahrerhaus weisen große Aufkleber auf den wichtigen Notausschalter hin.

 

 

Seibt fordert sicherheit ein

Nicht alle Bastler arbeiten so sorgfältig. Bei den fast 100 Elektroautos, die Seibt geprüft hat, hat er viele Fehler gesehen. „Beim Bauen bekommen die Leute Scheuklappen und vergessen Dinge einfach“, sagt Seibt. Viele Tüftler schickt Seibt zum Nachbessern wieder nach Hause. „Ich habe natürlich hohe Anforderungen, damit ich die Sicherheit immer gewährleisten kann“, so der Experte.

Damit er selbst nicht die Übersicht verliert, hat er aus seiner Erfahrung einen Prüfkatalog für die Zulassung destilliert: Sechs Seiten, auf denen er – angefangen beim Namen des Kunden über Batterietyp bis Einbauorte – alles notiert. Dazu praktische Tipps für die Bastler und die notwendigen Vorschriften.
Mit diesem geballten Wissen erfüllt sich Seibt den eigenen Traum: Zu Hause verwandelt er einen Audi A2 mit Motorschaden in einen klimafreundlichen Elektro­wagen. „Ich wusste sofort, dass das mein Auto werden wird“, sagt Seibt.

Inzwischen hat Seibt Dutzende Tesla-Batterien verbaut. Das reicht für fast 200 Kilometer und hat Seibt eine gute Stange Geld gekostet. Aber für ihn ist das Projekt jeden Cent wert – auch weil er sich so nebenbei immer mehr Detailwissen aneignet. „Wenn man nichts riskiert und ausprobiert, dann lernt man auch nichts mehr dazu“, sagt er. Doch genau darauf komme es in seinem Job nun einmal an. „Ich will ja auf Augenhöhe mit meinen Kunden reden“, sagt Seibt. „Nur so kann ich schließlich für sie da sein.“