Interview

"Heute erfinden wir die Stadt von morgen"

Wie sieht die Stadt von morgen aus? Im persönlichen Gespräch findet Carlo Ratti, MIT-Professor und Gründer des Designbüros CRA, darauf spannende Antworten und erklärt, wie moderne Technologien die vorhandenen Strukturen sprengen und unsere Gewohnheiten verändern könnten.

Interview Tanita Hecking  Foto Sara Magni

Herr Ratti, brauchen wir Smart Cities überhaupt

Ja. Wir wollen sie vielleicht nicht, aber wir brauchen sie. Unsere Städte haben in allen Bereichen Mängel, die sich deutlich am Verkehr und an der Verschmutzung zeigen. Wir streben immer nach einer besseren Lebensqualität. Nur mit Technologie und Fortschritt können wir das erreichen. Allerdings gibt es viele Konzepte, wie Technologie die Stadt verbessern kann. Singapur macht viel im Hinblick auf Mobilität, Boston dagegen für die Beteiligung der Bürger, Kopenhagen wiederum im Bereich Nachhaltigkeit. Fest steht, unsere Städte müssen besser werden und damit meine ich vor allem umweltverträglicher.

 

Und wie genau können wir die Stadt von morgen gestalten, damit sie nachhaltiger wird? 

Wir sollten sie nicht so bauen wie im 20. Jahrhundert. Damals wurden viele Ressourcen verschwendet. Die Stadt wurde nicht optimal und nützlich geplant. Vielmehr lag der Fokus darauf, den Platz zu verdichten und für jeden einen eigenen Wohnraum zu schaffen. Das führte dazu, dass vieles nicht so effektiv genutzt wurde, wie es möglich wäre. Ein Beispiel sind unsere Wohnungen, die den Großteil der Zeit leer stehen. Technologie wie Real Time Data, also in Echtzeit übertragene Daten, könnte eine effizientere Nutzung aller Lebensbereiche ermöglichen.

 

Bei Nachhaltigkeit geht es also um Effizienz?

Nicht nur. Im 20. Jahrhundert füllten die Menschen die Landschaft mit Städten. Heute ist es genau andersherum. Wir möchten die Natur zurück in die Stadt bringen. Mit meinem Designbüro gestaltete ich zuletzt einen Pavillon zur Eröffnung der diesjährigen Design Week in Mailand. Er stand auf der Piazza del Duomo, hatte in der Mitte einen Garten und spiegelte alle vier Jahreszeiten wider.

Nachhaltig und smart: Die Stadt der Zukunft spiegelt die Natur wider – wird im Inneren aber von Algorithmen getrieben.

Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Aspekt für die Zukunft, doch manche Veränderungen sind nicht sofort sichtbar. Werden wir den technologischen Wandel an der Art und Weise sehen, wie wir Häuser bauen?
Technologie wird unser Leben weiterhin stark verändern, allerdings nicht die Architektur selbst. Die Gebäude werden immer interaktiver. Doch die fundamentalen Elemente wie Decken, die Fassade, das Dach und Fenster bleiben erhalten. Sie schützen uns vor der Umwelt, lassen Licht hinein und ermöglichen den Blick nach draußen. Ich nenne die Stadt der Zukunft gerne „senseable City“, denn Technologie wird uns ermöglichen, die Stadt von morgen zu fühlen.

In welchem Bereich werden wir den Wandel noch spüren?
Ich hoffe, dass Abläufe, in denen wir Technologie benutzen, natürlicher werden. Beispielsweise ist das Tippen auf einem Smartphone oder Computer sehr unnatürlich. Möglich wäre, dass wir stattdessen mit unseren Gedanken googeln. Das Internet könnte eine Erweiterung unseres Gehirns werden, aber das liegt noch in weiter Zukunft. Im Bereich der Mobilität sieht man schon heute deutliche Veränderungen. Wir nutzen Apps und Sharing-Systeme, um uns fortzubewegen. In den kommenden Jahren wird sich das autonome Fahren zusätzlich auf unsere Mobilität auswirken.

Wie genau?
Es wird unser Stadtbild drastisch verändern. Durch selbstfahrende Autos könnten wir die Gesamtanzahl der Autos in Städten stark reduzieren. Circa 95 Prozent der Fahrzeuge stehen den Großteil der Zeit still. Wir bräuchten nur knapp die Hälfte der Autos, um eine reibungslose Mobilität zu gewährleisten. Das heißt: weniger Parkplätze und weniger parkende Autos. Die nötige Anzahl an Autos ließe sich beispielsweise durch Big Data generieren.

Der technologische Wandel wird nicht nur unsere Fortbewegung verändern. Die Automatisierung von Jobs durch künstliche Intelligenz (KI) ist ein viel diskutiertes Thema. Welche Fähigkeiten brauchen wir Menschen in der Zukunft?
Bisher ist KI nur in wiederkehrenden Aufgaben wie bei der Fließbandarbeit nützlich. Dennoch werden in 20 Jahren rund 50 Prozent der heutigen Jobs verschwunden sein. Wir müssen uns Wege überlegen, wie wir Menschen umschulen und ihnen die in Zukunft relevanten Fähigkeiten wie Kreativität beibringen. Kreative Tätigkeiten kann KI bislang nicht zuverlässig übernehmen. Auch Jobs, bei denen der Kontakt zu Menschen notwendig ist, wie zum Beispiel in der Krankenpflege, werden andere Berufsbereiche überdauern. Ein Freund von mir sagt immer, dass die älteste Profession der Welt auch die sein wird, die alle anderen überlebt. Das ist das Haarschneiden.

Auch wenn manche Berufe vor der Automatisierung gefeit sind, müssen wir uns anpassen. Können wir mit dem technologischen Wandel überhaupt mithalten

Ich glaube, bisher hatten wir kein Problem mitzuhalten, aber jetzt beschleunigt sich der technologische Wandel so rasant, dass auch wir dringend unsere Geschwindigkeit anpassen müssen. Dabei müssen wir uns vor Augen führen, dass wir Menschen unser Wissen und Können nicht in kürzester Zeit schlagartig verbessern können. Deshalb müssen wir den Wandel gut organisieren, damit er uns nicht davonrennt. 

Welche Schwierigkeiten müssen wir dabei noch aus dem Weg räumen?

Die größten Schwierigkeiten sind mit der Gesellschaft verbunden. Besonders in Europa sind viele Menschen eher passiv und verhalten gegenüber neuen Technologien. Das ist ein großes Risiko, denn sie werden einen immer größeren Teil in unserem Leben einnehmen. Wer den Wandel managen will, muss ihn auch verstehen.

Benutzen Sie selbst moderne Technologie im Alltag? 

Ja, ich führe gerne Experimente an mir selbst durch. Vor drei Jahren habe ich zum Beispiel mein Auto abgeschafft. Seitdem nutze ich nur noch das Fahrrad, öffentliche Verkehrsmittel oder Uber. Ich vermisse nichts. Wie viele andere benutze ich Sprachassistenten wie Siri und Alexa, zum Beispiel, um zu Hause die Musik zu steuern. Für mich ist es wichtig, Technologie auszuprobieren, um zu wissen, ob sie funktioniert. Neue Technologien haben es in den USA und Asien übrigens leichter. Dort sind die Menschen eher begeistert und versuchen, sie zu perfektionieren.

Wir sitzen gerade an der Poolbar des Kempinski Hotels auf San Clemente, einer kleinen Insel, die zu Venedig gehört, und mussten ein Wassertaxi nehmen, um die Insel zu erreichen. Die Sonne scheint, ein angenehmer Wind weht. Stellen Sie sich vor, wir treffen uns in 20 Jahren hier wieder. Was wird sich verändert haben? Wie wird die Umgebung aussehen?

Das kann ich kaum vorhersagen. Am 24. Dezember 1900 hat die Zeitung „The Boston Globe“ einen großen Artikel darüber geschrieben, wie das Leben im Jahr 2000 aussehen wird. Sie dachten an bewegbare Gehwege und Luftschiffe, haben sich jedoch viele essenzielle Sachen wie das Internet und Uber nicht vorstellen können. Allerdings hoffe ich, dass wir uns an einem so schönen Platz wiedertreffen und der Klimawandel das Wetter noch nicht zu sehr verändert hat. Ich schätze, der physische Raum wird ähnlich aussehen, aber unsere Lebensweise wird ganz anders sein. Mit mehr Informationen werden wir uns vielleicht auch hier in Venedig besser von Ort zu Ort bewegen können. 

Aber möchte man diesen Wandel überhaupt? Die Art und Weise, wie man sich in Venedig fortbewegt, ist charakteristisch für die Stadt. Zerstört Technologie in diesem Fall nicht die Romantik? 

Ja, das stimmt. Das romantische Bild, sich in einer Stadt zu verlieren und in der Umgebung treiben zu lassen, haben wir schon jetzt ein Stück weit verloren. Mit GPS haben wir eine Welt entwickelt, in der wir uns immer orientieren können. Vor ein paar Wochen war ich in den Bergen Kasachstans wandern und wusste selbst dort genau, wo ich mich auf der Welt befand. Aber es wird uns immer möglich sein, die Technologie abzuschalten. Wir leben in einer sehr spannenden Zeit, die von Veränderungen geprägt ist. Allein wir entscheiden, wie wir die Zukunft gestalten.