kolumne

 

Herr Koxa, 
was denken Sie über …

Kontrolle? 

Illustration Joe Waldron  Foto privat

E s war November und das Wasser war kalt. In meinem Neoprenanzug wartete ich draußen auf offenem Meer vor Nazaré an der portugiesischen Küste auf die eine Chance. Und sie kam. Hinter mir baute sich eine monströse Welle auf, über 24 Meter hoch. In diesem Moment strömte Glück durch meinen Körper. Ich wusste: Wenn ich diese Welle bezwingen kann, komme ich meinem Ziel ein gutes Stück näher.

Ich wollte schon immer der beste Surfer der Welt sein. Riesige Wellen faszinieren mich. Schon mit acht Jahren fing ich an zu surfen und lernte, mich auf dem Brett zu bewegen. Ich verstand schnell, dass Kontrolle das A und O ist, um nicht von den Wassermassen verschlungen zu werden. Auch Angst hat beim Surfen keinen Platz. Wer Angst hat, macht Fehler und bezahlt im schlimmsten Fall mit seinem Leben. Mit 15 Jahren entschied ich mich, professioneller Extremsportler zu werden. Danach konnte ich mir keine Fehler mehr leisten.

Ich liebe die Natur und die magische Verbindung zu ihr, die ich beim Surfen spüre. Die großen Wasserungetüme machen mir keine Angst mehr. Doch das war nicht immer so. Als ich 2014 das zweite Jahr in Folge nach Portugal fuhr, bin ich beim Surfen nur knapp dem Tod entflohen. Damals habe ich gelernt, wie unverzichtbar es ist, die Kontrolle zu behalten und der brechenden Welle rechtzeitig zu entkommen. Nachdem ich meine Welle bezwungen hatte, konnte mein Team mich aber noch immer nicht aus den eisigen Fluten bergen und ich musste zwischen Felsen ausharren, bis das Wasser sich beruhigte. Hätte die Strömung mich mitgerissen oder gegen die spitzen Felsen geschleudert, wäre ich heute nicht mehr hier.

Zum Glück kam es anders. Doch ich musste lange Zeit mit den Erinnerungen an dieses traumatische Erlebnis kämpfen. Ich hatte zu viel Angst, die Kontrolle erneut zu verlieren. Aber ich stellte mich wieder auf das Board, erlangte das Vertrauen in mein Können wieder zurück und setzte mich erneut der Gefahr aus. Und letztes Jahr wurde mein Traum dann endlich wahr. Ich stellte einen neuen Weltrekord auf.

Mit dem Blick auf die Welle gerichtet, surfte ich so nah wie möglich entlang ihrer Energiequelle und konnte nur durch meine kontrollierte Bewegung auf dem Surfboard aus ihrer Macht ungeschoren auftauchen.

Auch dieses Jahr fahre ich im November wieder nach Nazaré. Mein Team wird mich wie immer mit dem Jetski raus auf das offene Meer fahren und alleine in der ungezügelten Natur aussetzen. Auch dann werde ich achtsam abwarten und bedacht und kontrolliert auf mein Board steigen, um die größten Wellen dieser Welt zu bezwingen.


 

Rodrigo Koxa, 39,
ist ein professioneller Extremsportler aus Brasilien und hält den Guinness World Record der größten gesurften Welle. Zudem ist er Motivationsredner und bringt anderen das Surfen von Riesen­wellen bei.