Interview

"Innovation braucht Menschen"

Innovation wird immer Menschen benötigen, behauptet Chris Boos, einer der gefragtesten deutschen Experten für künstliche Intelligenz (KI). Im Interview erklärt er, warum das Verschwinden vieler Jobs eine riesige Chance ist – und helfen könnte, die wirklich wichtigen Probleme zu lösen.

Interview Thomas Schmelzer  Fotos Lottermann und Fuentes

Herr Boos, Ihr Geschäft ist Automatisierung mithilfe künstlicher Intelligenz. Wie beruhigen Sie eigentlich Ihre eigenen Mitarbeiter, dass diese auch in fünf Jahren noch einen Job haben werden?

Das müssen wir überhaupt nicht. Gerade Unternehmen, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen, fragen sich ständig, wie man es seinen Mitarbeitern so angenehm wie möglich machen kann. Wir sind auf unsere Mitarbeiter angewiesen, denn wir wissen genau, wann künstliche Intelligenz ans Limit kommt.

Nämlich?

Künstliche Intelligenz versagt vollkommen, wenn es um die Entwicklung neuer Ideen geht. Das können nur wir Menschen. Leider aber auch nicht auf Abruf. Man kann seinem Mitarbeiter nicht sagen: Montag, 8.30 Uhr, bitte eine Idee abliefern! Wir können nur ein Umfeld schaffen, in dem sich die Menschen wohlfühlen – und dann darauf hoffen, dass sie dort das tun, worin sie immer noch unschlagbar sind.

Und was genau wäre das?

Ich teile es mal in zwei große Felder ein: Kreativität und soziale Interaktion. Kreativ sein bedeutet, dass man auch einmal gegen den Strom schwimmt, dass man so lange tüftelt, bis etwas funktioniert, und dass man ein Risiko eingeht, um die Lorbeeren als Pionier einzuheimsen, wenn es denn klappt. Das kann keine KI der Welt. Ohne Menschen gibt es also keine Innovation. Im Sozialen schneiden die Maschinen noch schlechter ab. Niemand will im Restaurant von einem gefühllosen Roboter bedient werden.

Nicht wenige Forscher arbeiten längst an ziemlich empathischen Maschinen.

Natürlich kann ich einer Maschine ein Stück Freundlichkeit einprogrammieren. Aber das ist bloße Simulation. An echte Menschen kommen Maschinen nicht heran. Das merkt jeder, der einmal bei einer automatischen Hotline anrufen musste. Maschinen haben andere Stärken.

Eher lineare, sich wiederholende Aufgaben, heißt es.

Ich denke, dass das im Großen und Ganzen auch stimmt. Sehr vereinfacht würde ich sagen: Alles, was Menschen schwerfällt, fällt Maschinen leicht. Und umgekehrt.

Daraus resultiert die berühmte These, dass uns künstliche Intelligenz in Zukunft die langweiligen Aufgaben vom Leibe halten wird – und wir uns im Job endlich auf die spannenden und kreativen Dinge stürzen können.

Das ist die große Hoffnung. Und ich glaube, dass wir die auch größtenteils erfüllen können. -Nehmen Sie den IT-Bereich: Da gibt es viele komplizierte Abläufe, und deswegen werden die Administratoren mit User-Anfragen überhäuft. Dabei wäre ihr eigentlicher Job, die Systeme so sicher und stabil wie möglich zu machen. An der Stelle kommt zum Beispiel unsere KI ins Spiel. Sie übernimmt Routineaufgaben und räumt den Administratoren Zeit für ihre echte Aufgabe frei.

Mit dem Ergebnis, dass es bald nicht mehr zwanzig, sondern nur noch fünf Administratoren in dem Unternehmen gibt.

Genau das ist bei uns so gut wie nie passiert. Von unseren Kunden hat nur einer Jobs abgebaut. Alle anderen haben ihren Service verbessert oder mit der gleichen Mannschaft mehr Kunden gewonnen und bedient. Fragen Sie mal einen IT-Admin, wie viel Spaß es ihm macht, jeden Tag stundenlang Passwörter zurückzusetzen. Das passiert im Alltag ständig. Und in jedem System gibt es dafür eine andere Prozedur. Für so eine Aufgabe braucht man mit Sicherheit keinen super ausgebildeten und dementsprechend teuren IT-Experten. Die KI macht das schon heute viel besser, schneller und günstiger. Insgesamt also effizienter. Und der Administrator ist die lästige Aufgabe endlich los.

Trotzdem zittern die Leute um ihren Job.

Lassen Sie uns nicht drum-herumreden: In Zukunft werden viele Jobs aussterben. Ich würde sagen: bis zu 80 Prozent. Aber gleichzeitig entstehen neue Aufgaben – eine riesige Chance.

Eine Nachricht, die noch mehr Menschen beunruhigen wird.

Weil sie die Chancen nicht sehen. Eine Branche, über die in den nächsten Jahren die Disruption hinwegfegen wird, ist zum Beispiel das Banking. Dort sind unfassbar viele Leute mit internen Abläufen beschäftigt. Stinklangweilige, immer ähnliche Aufgaben – und damit ideal geeignet für KI. Maschinen werden hier immer mehr Prozesse übernehmen. Wenn die Banken schlau sind, setzen sie die frei -gewordenen Ressourcen für ihre Kunden-betreuung ein – die vernachlässigen sie seit vielen Jahren.

Und was ist mit denen, die Spaß am internen Controlling haben?

Das sind die besten Experten, um den Übergang zur Automatisierung zu managen. Sie kennen die Abläufe im Schlaf und können die KI dadurch perfekt einstellen, trainieren und weiterentwickeln. Statt einfach monoton Dinge auszuführen, werden sie jetzt kreativ tätig und können mit ihrem Wissen Dinge verbessern. Das ist übrigens kein neuer Vorgang. Als Filme mit Tonspur die Stummfilme ablösten, waren plötzlich jede Menge Kinoorgelspieler, die bisher live im Kino Filme begleitet haben, ohne Job. Die haben dann die Filmmusik erfunden – und wurden in dem neuen Bereich zu Pionieren.

„Was menschen schwerfällt, fällt maschinen leicht.“

Allerdings benötigt man viel weniger Musikproduzenten als Kinoorgelspieler.

Das stimmt. Und es bringt auch absolut nichts zu behaupten, mit den Maschinen werde alles ausschließlich besser. Da lügt man sich in die Tasche. Außer Frage steht aber auch, dass wir immer Menschen brauchen werden. Ich glaube, dass viele Leute Angst haben, dass sie nicht mehr gebraucht werden oder wieder ganz von vorn anfangen müssen. Aber das wird überhaupt nicht so sein.

Was passiert also mit den modernen Kinoorgelspielern, die sich nicht als Musikproduzenten neu erfinden wollen?

Sie werden ihre Aufgabe höchstwahrscheinlich im Kundenkontakt finden. Je mehr Entscheidungen von Maschinen getroffen werden, desto wichtiger wird der Service.

Sie sitzen seit Kurzem im Digitalrat der deutschen Bundes-regierung. Was sagt Angela Merkel zu Ihren Tipps?

Na ja, wir sind ja kein Programmrat, der eine Agenda entwickelt und die Bundesregierung dann mit Forderungen konfrontiert. Aber mir fällt schon auf, wie sehr alle zuhören und an unserer Meinung interessiert sind.

Vom Zuhören bis zur Tat ist es ein langer Weg. Was sollten Regierungen in den kommenden Jahren zuallererst angehen?

Wir brauchen endlich echte Veränderung. Unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft sind noch viel zu sehr aufs Optimieren ausgelegt. Bislang haben wir die Mechanismen der Industrialisierung immer weiter perfektioniert. Prozesse in kleine Schritte aufteilen, Skaleneffekte nutzen, Effizienzen bergen: Darin sind wir wahre Meister geworden. Aber echte Innovation fehlt.

Sind die intelligenten Maschinen, über die wir die ganze Zeit gesprochen haben, keine Innovation?

Doch, aber vieles, was heute als KI verkauft wird, ist leider pures Marketing. Alter Wein in neuen Schläuchen. Oft ist es einfach nur eine Optimierung, weil künstliche Intelligenz im Optimieren einfach unschlagbar ist. Aber ein Systemwechsel ist das nicht. Je mehr ich mich mit künstlicher Intelligenz beschäftige, desto klarer wird mir, wie wenig wir bisher eigentlich wissen und können. Von einem echten Nachbau des Menschen haben wir ungefähr so viel Ahnung wie die Steinzeitmenschen von der Funktionsweise eines Smartphones.

Ist das Internet auch so eine Pseudo-Innovation?

Im Prinzip ja. Kommunikationsnetzwerke gab es schon vor 1.000 Jahren. Wir haben sie lediglich -ultimativ beschleunigt. Erst gab es die Botenpferde, dann Telegrafen, dann Telefone, und jetzt gibt es eben das Internet und Facebook.

Viele Leute begreifen Facebook schon als Umbruch in der Kommunikation.

Facebook sind Gerüchte. Die kennen wir schon aus der Antike. Nur jetzt verbreiten sie sich eben rasend schnell. Aber klar, es hat sich vieles verändert. Die Systematiken sind aber die gleichen geblieben. Kein Vergleich zu dem Umbruch von der Handarbeit zur Dampfmaschine.

Was wäre Ihrer Meinung nach ein echter Durchbruch?

Die Kernfusion würde uns enorm weiterbringen.

Und KI hilft uns, dabei endlich voranzukommen?

Nur indirekt. Künstliche Intelligenz kann helfen, die Köpfe der Menschen frei zu bekommen und ihnen die Zeit zu verschaffen, sich mit den wirklich wichtigen Fragen unserer Zeit zu beschäftigen. Zum Beispiel mit der Erzeugung sauberer Energie. Oder mit Lösungen für den Klimawandel.

Also bleibt die Arbeit doch wieder an uns Menschen hängen?

Ich befürchte schon. Wenn das mal keine schöne Nachricht ist.