REPORTAGE

Boom Boom City

Singapur macht Riesenschritte in eine digitale Zukunft. Die Löwenstadt ist jung, hungrig und wandelt sich rasend schnell. Eine Geschichte über eine Stadt, die nur eine Richtung kennt: vorwärts.

Text Verena Hoefert Bild Juliana Tan

Am Boat Quay in der Innenstadt Singapurs wuselt es. Touristen drängeln sich an dem Bootssteg, die mit roten Lampions beleuchteten Barkassen pflügen durch das Wasser des Singapore River. Sie legen hier an und ab. Früher waren an dieser Stelle die Kähne der chinesischen Händler vertäut, direkt am Ufer wurde in Garküchen Essen verkauft, das Wasser stank erbärmlich. Das war 1819. Damals war Singapur noch eine Ansammlung von Fischerdörfern an einem sich schlängelnden Fluss im Sumpfdelta. Das ist längst Vergangenheit: Der Sumpfboden samt Gestank ist glitzernden Skylines gewichen.

Wer einen ersten Eindruck über die imposante asiatische Metropole bekommen möchte, geht am besten direkt am Boat Quay an Bord eines solchen Schiffes. Von dort aus schippert man in den Abendstunden auf der alten Wasserlebensader entlang, die vorne in die Marina Bay mündet. Glitzernd und funkelnd erhebt sich das ikonische Marina Bay Hotel mit seinen drei Türmen und der weltberühmten Surfbrett-Terrasse wie ein Ufo, entsandt aus einer fernen Galaxie. Der leuchtend weiße Lotusblütenbau des ArtScience Museum strahlt am Wasser. Im Hintergrund recken sich die „Supertrees“ in den Horizont, meterhohe bewachsene Stahlkonstruktionen, die direkt dem Hollywoodblockbuster Avatar entsprungen zu sein scheinen. Gegenüber ragen die illuminierten Wolkenkratzer des Finanzviertels in schwindelerregende Höhen. Schnell fühlt sich der Besucher auf einem Trip in die Zukunft.

„SINGAPUR IST IMMER IN BEWEGUNG. DIE STADT ERFINDET SICH STÄNDIG NEU."

Holger Lindner, Leiter Division Product Service

Willkommen im Stadtstaat, der den Anspruch hat, einer der modernsten und digitalsten der Welt zu werden. Der junge Staat wurde erst 1965 gegründet. Die Erfolgsgeschichte, die er seitdem schreibt, ist beispiellos. Denn Singapur hatte damals eigentlich kein Startkapital: kaum Rohstoffe, kein Wasser, keine Industrie, keinen Tourismus. Singapurs Währung ist der Fortschritt und seine Innovationen. Sie sind von der Regierung gewünscht und werden strikt verfolgt, und zwar auf Basis eines strategischen Masterplans. Innerhalb weniger Jahrzehnte schaffte die Löwenstadt so den Sprung vom Entwicklungsland zur internationalen Banken- und Handelsmetropole, einem der wichtigsten Containerhäfen der Welt und avancierte zu einem der beliebtesten Touristenzielen Asiens. Unser Unternehmen hat das Potenzial der Metropole schnell erkannt. Bereits seit dem Jahr 1995 ist TÜV SÜD in Singapur vertreten, heute mit mehr als 600 Mitarbeitern.

 

„ICH BIN ÜBERZEUGT: SO SIEHT DIE ZUKUNFT DER ALTENPFLEGE AUS.”

Foo Soo Guan,

Leiter Smart Elderly Care Center 

MiniStaat, HightechRiese 

Singapur ist in Sachen Innovationen ein Pionier in ganz Asien. Dabei ist der kleine Staat mit 5,5 Millionen Einwohnern und einer Fläche von rund 700 Quadratkilometern nicht besonders groß. Von einem Ende der Stadt zum anderen schafft man es in 45 Minuten. Die relativ kleine Größe ist für Innovationen von großem Vorteil. „Wir sind ein kleiner Staat. Man kann hier im Kleinen Dinge sehr gut ausprobieren und und schnell erfolgreich umsetzen, und sie dann in anderen Ländern adaptieren“, erklärt Jackie Tan, Global Business Line Manager für Industry 4.0 an unserem Standort im Science Park im Westen der Stadt. Kommt man mit ­Singapurern oder einem der vielen Expats ins Gespräch, fallen immer wieder diese beiden Wörter: schnell und smart.

 Die Menschen hier haben gelernt, dass der digitale Wandel kommt. Und zwar schnell. Nicht morgen. Jetzt. Ein innovativer Spirit wird geradezu vorausgesetzt: „Singapur ist ein Spitzenreiter. Als Firma ziehst du mit, oder du bist weg“, bringt der Spezialist es auf den Punkt. Wer bei dem hohen Tempo nicht mithalten kann, hat es schwer. Gefördert und getrieben werden die Innovationen von der Regierung. „Ein Ziel wird gesetzt, und dann geht es los. Der Staat ist hier sehr pragmatisch“, meint er weiter. „Aber wenn du hier smart bist, kannst du viel erreichen.“ Er ist bei TÜV SÜD Experte für den Industry 4.0 - Smart Industry Readiness Index und arbeitet im Team von Dr. Andreas Hauser, der das Digital Service Centre of Excellence in Singapur leitet. Das Industry 4.0 Team ist innerhalb von einem Jahr von einem einzigen Mitarbeiter auf zehn Personen angewachsen. Mit dem Index können Firmen herausfinden, wie fit sie in ihren digitalen Prozessen schon sind. „Der Index ist für uns ein hervorragender Türöffner: Meine Kunden fragen mich immer wieder: Was kommt als Nächstes? Was machen wir jetzt? Können Sie uns Helfen?“ Zusätzlich zum Index hat die Regierung auch eine Industrial Transformation Map (ITM) erstellt, die dem Unternehmen zeigt, wie es sich verändern kann oder muss, um in einer digitalen Zukunft auch zukunftsfähig zu bleiben.

Doch nicht nur Firmen müssen hohen Ansprüchen genügen, auch Singapur selbst hat den Anspruch, ein Pionier zu sein, eine Smart Nation. Darum beflügelt diese smarte Nation auch wegweisende Technologien wie automatisiertes Fahren. Um das mit eigenen Augen zu sehen, muss man sich nur ins Innovationsviertel One North, zwei Bahnstationen von unserem Singapurer Standort, begeben. Dort sind selbstfahrende Autos keine Zukunftsvision. Man kann sie sich im Vorbeifahren auf der Straße ansehen. Hier befindet sich ein realer Testkorridor von CETRAN, einem Projekt, in dem TÜV SÜD mit dem örtlichen Verkehrsministerium und der Zulassungsbehörde zusammenarbeitet.

Oder man besucht das Smart Elderly Care Center, das als Teil des Digital Center of Excellence konzipiert wurde. Dort ist eine Seniorenwohnung nachgebaut, ausgestattet mit modernem Pflege-Equipment. Ein Pflegebett steht da, Pillendöschen und Medikamentenpläne liegen aus, ein Blutdruckmessgerät befindet sich auf dem Tisch, Bewegungs- und Akustiksensoren für die Privatsphäre und einen Telemedizin-Roboter gehören auch zum Inventar. Auf diesem Roboter ist ein iPad installiert und er kann in der „Wohnung“ herumfahren. Wird über einen Zeitraum von mehreren Stunden keine Bewegung registriert, könnte jemand gestürzt sein oder ein Notfall vorliegen – dann wird ein Alarm ausgelöst. Die Wohnung ist mit einer Meldezentrale verbunden, in der Pfleger oder Krankenschwestern von außen eingreifen könnten – sie kennen die Person und haben auch Einblick in Krankenakten und Medikation, deren Einwilligung natürlich vorausgesetzt.

technologien für senioren

Die Wohnung ist ein Showroom und zeigt, wie die Pflege von älteren Menschen künftig aussehen könnte – und das ein bisschen cleverer als heute. „Ich bin überzeugt, dass dies die Zukunft der häuslichen Altenpflege ist“, sagt Foo Soo Guan. Die Senioren könnten mit dem Pflegeroboter interagieren oder über das iPad kommunizieren. „Ältere Menschen in Singapur sind technikaffiner und aufgeschlossener. Man kann hier Senioren leichter fit machen für die Benutzung eines Tablets oder im Umgang mit einem Pflegeroboter – natürlich einfache Benutzeroberflächen vorausgesetzt“, erklärt Foo Soo Guan. Derzeit läuft eine Studie mit 65 Patienten im Praxistest. Ziel ist es, dass unser Unternehmen für solche Pflege-Umgebungen eine Zertifizierung anbieten kann, derzeit werden dafür Richtlinien erarbeitet. „Wir haben hier jede Woche Besuche von Interessierten: Ärzte, Pflegedienste, Organisationen wie das Rote Kreuz, Versicherungen oder Medizintechnikhersteller“, berichtet Foo Soo Guan. TÜV SÜD investiert nicht nur in smarte Krankenpflege, sondern in die Boomtown generell. Ein Stück Zukunft entsteht derzeit weiter im Westen der Stadt, im Jurong Lake District. Hier wird ein futuristisches Gewerbeimmobiliengebiet aus dem Boden gestampft. Eines der ersten Gebäude, die hier entstehen, ist die neue Asienzentrale von TÜV SÜD, in die das gesamte Team aus Singapur im Jahr 2020 einziehen soll. Hier sprechen alle nur von IBP 13, der Adresse: International Business Park 13. Wenn Projektmanager Gilbert Lau derzeit auf die Baustelle blickt, graben sich die Bagger eifrig ins Erdreich und Lastwagen donnern unermüdlich mit Erdreich voll beladen vorbei. Die tropische Sonne brennt mit 30 Grad gnadenlos herunter. Lau wischt sich unter dem Helm die Schweißtropfen von der Stirn. Er deutet auf die Fläche in dem International Business Park, auf der das neue Gebäude bald stehen wird. Ganze 126 Säulen mussten ins Erdreich gebohrt werden, um das Fundament zu stabilisieren. Fast täglich ist Lau auf der Baustelle, er hat hier im Containerpark sein Büro. Land ist ein knappes Gut in Singapur und es gibt kaum noch Bauland. Alles wächst daher in die Höhe – die Wolkenkratzer schnellen wie Pilze aus dem Boden.

 

„IN SINGAPUR WIRD DER PLATZ KNAPP.“

Gilbert Lau,

Projektmanager

Weit weg von der Baustelle ist das Gebäude in Virtual Reality schon Wirklichkeit. „Hier können wir ein exaktes 3D-Modell des Gebäudes jederzeit einsehen, das ist wirklich sehr beeindruckend. Jeder noch so kleine Baufortschritt ist sichtbar“, berichtet Lau. Die Methode heißt Building Modeling Information (BIM). Mit ihr wurde eine digitale Kopie von IBP 13 erschaffen. Dort ist bereits zu sehen, wie in einem modernen Arbeitsumfeld das Zusammenarbeiten neu gedacht wird. In Großraumbüros sollen Teams zusammenarbeiten, und zwar gemeinsam an ihren Projekten, nicht getrennt nach Divisionen oder Abteilungen. Die neue Asienzentrale von TÜV SÜD passt sich damit perfekt in die futuristische Kulisse der Löwenstadt ein, und nicht nur damit, sondern mit all ihren Zukunftsprojekten, an denen die Teams vor Ort arbeiten. Was mit einer Ansammlung von Fischerdörfern vor über 50 Jahren begann, ist längst eine Erfolgsgeschichte geworden. Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht.


Die Innovations­treiber

Sie gehören zu den innovativsten Städten weltweit und treiben die rasante Entwicklung im Bereich Technologie, Wirtschaft und Umwelt voran. Dabei setzen sie Maßstäbe für die Zukunft – jede in ihrem Bereich.

Tokio

Das größte Ballungsgebiet der Welt kann nicht nur mit seiner imposanten Einwohnerzahl von mehr als 37 Millionen Menschen protzen. Dank der Adaption von Zukunftslösung­­en wie zum Beispiel der Robotertechnik ­konn­ten die Japaner ihre ­Infrastruktur enorm ­verbessern. Im Trans­­portbereich setzt die Stadt deshalb ­regelmäßig Maßstäbe. Denn sie chauffiert jedes Jahr 2,3 Milliarden Menschen.

Hongkong

Die Metropole am südchinesischen Meer glänzt mit zahlreichen Investi­tionen in Forschung und Entwicklung sowie Innovationen im Bereich Städtebau. Die ­Megacity treibt wichtige Entwick­­lungen wie das ­ul­tra­schnelle ­5G-Internet ­voran. Dass Hongkong ein ­Hightech-Hub ist, zeigen auch die Exportzahlen: Rund 51 Prozent der jährlichen Exporte stammen allein aus dem Hightech-Sektor.

Portland

Mit dem Portland Innovation Quadrant rückt die Stadt an der Westküste der USA in die Riege der fortschrittlichsten Städte der Welt auf. In dem Netzwerk arbeiten Vertreter aus Wirtschaft, Bildung und Regierung branchenüber­greifend an smarten Lösungen für Gesundheit, Wis­­senschaft und Techno­logie. Dabei teilen sie effektiv ihre Ressourcen. So entsteht ein stabiles Umfeld für Innovation.