Reportage

Ziemlich beste Helfer?

Der Pflegeberuf gilt als kräftezehrend und schlecht bezahlt, während der Bedarf an Fachkräften vor allem in Industriestaaten steigt. Können Roboter den drohenden Pflegenotstand abwenden? Ein Besuch in einer Kieler Demenz-WG – zusammen mit Pflegeroboter Emma. 

Text Christoph Wöhrle  Fotos Heinrich Holtgreve

Während Emma über ihre Lautsprecher Freddy Quinn abspielt und sich ruckelnd bewegt, wird aus Vergessen Erinnern. Die Demenz ist für einen Moment weit weg und die Jugendzeit kehrt kurz zurück. Gertrud M. schaukelt auf ihrem Stuhl hin und her und haucht ganz leise ein „La Paloma ohe, einmal muss es vorbei sein ...“ in den Raum. Sie macht ein zufriedenes Gesicht und streicht mit der Hand über ihren Gehstock, der an der Lehne steht, als wäre er ein geliebtes Haustier.

Andere Bewohner der Demenz-WG in Kiel streicheln Roboter Emma, der sie da gerade unterhält, direkt über den Plastik-kopf. Emma ist da, um den WG-Bewohnern ein wenig Unterhaltung zu bieten. Sie kommt seit anderthalb Jahren einmal die Woche mit Hannes Eilers, einem Labor-ingenieur von der Fachhochschule Kiel. Er hat Emma programmiert. „Es ist ein riesiger Motivationsschub, wenn man die Menschen hier lachen und singen sieht, weil Emma da ist“, sagt Eilers.

Der demografische Wandel bringt vielen Ländern einen Pflegenotstand ein. In Deutschland zum Beispiel sind derzeit mehr als 5,5 Millionen Menschen 80 Jahre oder älter. Bis Mitte des Jahrhunderts werden es doppelt so viele sein. Schon heute fehlen Pflegekräfte im Land. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln waren 2017 pro Monat im Schnitt mehr als 22.000 Stellen unbesetzt. Aktuell kommen auf je 100 offene Stellen für Altenpfleger gerade einmal 22 arbeitslose Fachkräfte. Bis 2035 wird der Bedarf an Fachkräften für die Pflege noch einmal um 150.000 Personen ansteigen. Einige Forscher hoffen, dass Roboter in naher Zukunft in diese Lücke stoßen und so zur Lösung des Problems beitragen könnten. Mensch oder Maschine? Viele halten das für eine entscheidende Frage – auch mit ethisch weitreichenden Konsequenzen.

Emma lernt mit der Zeit dazu

In Kiel sitzen die Bewohner im Stuhlkreis, in der Mitte dreht sich Roboter Emma und fordert die Bewohner zum Tanzen auf: „Na klar kann ich tanzen. Such dir was auf meinem Bildschirm aus“, sagt Emma. Zum Gesang des Schneewalzers stehen die alten Damen auf, suchen sich eine Tanzpartnerin, egal ob Pflegerin oder Mitbewohnerin, drehen und wippen im Dreivierteltakt auf der Tanzfläche. Der -Roboter bedankt sich nach der Tanzstunde brav. Heimbewohnerin Gertrud M. genießt die Abwechslung: „Ich finde es gut, wenn Emma kommt. Das bringt uns Freude“, sagt sie.

Emma heißt eigentlich Pepper. Das japanische Unternehmen SoftBank stellt den Roboter – Anschaffungspreis rund 17.000 Euro – her. Dazu kommen Kosten für Software und Wartung. „30.000 bis 40.000 Euro könnte Emma den Kunden in Summe kosten“, sagt Hannes Eilers, der Laboringenieur von der Fachhochschule Kiel. Besondere Sicherheitstests habe der Roboter nicht durchlaufen müssen, weil er als Elektronikgerät zugelassen sei.

Eilers und seine Informatikstudenten sind Emmas Erzieher. Sie schreiben die Software, bringen dem Roboter seine Fertigkeiten bei. Mit der Zeit lernt der Roboter selbstständig dazu. Dafür sorgt im Hintergrund eine künstliche Intelligenz. 
So kann Emma einzelnen Gesichtsausdrücken Emotionen zuordnen und auf sie reagieren. Die denkbare Zukunft der Pflege beginnt in Kiel mit einer Plastikfigur, die viele Chips im Körper trägt und an der Stelle des Herzens eine Festplatte hat.

„nicht alle waren sofort angetan“

Eilers ist nicht der Einzige, der große Hoffnungen in Roboter setzt. Auch an der Universität Siegen erforschen Wissenschaftler die Einsatzmöglichkeiten von Pepper und bringen ihn regelmäßig in ein Altenheim mit. Dort führt der Siegener Roboter sogar Tai-Chi-Übungen vor. Eilers nimmt Emma im Norden in mehrere soziale Einrichtungen mit und demonstriert, was sein 120 Zentimeter großer Roboter mit einem Tablet um den Hals so kann. Was Emma schließlich genau machen soll, bespricht Eilers mit den Pflegern und Bewohnern vorab. Welche Lieder, welche Spiele – das alles habe man zuvor lange diskutiert. Mit jedem Besuch lernen Emma und sein Mentor Eilers dazu. Die Bewohner in Kiel störten sich zum Beispiel am Anfang da-ran, dass Emma zu leicht bekleidet durch ihre Wohnung fuhr. Seitdem trägt sie zusätzlich zum Tablet einen Schal um den Hals.

Ingrid Fritsch von der Diakonie Altholstein leitet die Demenz-WG in Kiel. „Die Mitarbeiter waren am Anfang nicht uneingeschränkt angetan von Emma“, berichtet sie. Mittlerweile sähen sie Emma als willkommene Unterstützung. Während Emma die Bewohner unterhält, können die Pfleger andere Aufgaben erledigen. So gesehen, könne man durchaus von einer Entlastung sprechen, sagt Fritsch. In der Kieler WG hat Emma die Bewohner inzwischen in ein Spiel verwickelt. Es geht darum, animierte Hasen auf dem Display des Tablets zu erkennen und schnell per Fingerdruck zu fangen. Gertrud M. spielt das Spiel jede Woche. „Sie wird immer besser“, sagen die Altenpflegerinnen. Die Hasen tauchen immer schneller auf dem Display auf. Gertrud M. lässt kaum einen entwischen. „Super gemacht“, sagt Emma. „Du hast 226 Hasen geschnappt.“ Laut Experten kann so ein einfaches Hasenspiel tatsächlich das Selbstbewusstsein der Demenzpatienten stärken und ihr kognitives Vermögen sowie die Fähigkeit zur Konzentration fördern. „Bei Personen mit Demenz funktioniert unser Konzept für Emma besonders gut, weil sie überhaupt keine Berührungsängste mit der Technik haben“, sagt Eilers. Dass Emma den Menschen in der Pflege je ersetzen kann, glaubt er aber nicht.

ES WINKT EIN RIESIGER MARKT

Tatsächlich geraten Pflegeroboter noch immer schnell an ihre Grenzen. Sie beherrschen vor allem das, was man bei Menschen unter Soft Skills fassen würde: Höflichkeit, Unterhaltung, vorprogrammierte Dialoge und Spiele. Echte eigenständige Tätigkeiten überfordern sie. „Bisher sind Roboter nur sehr eingeschränkt einsetzbar“, gibt Eilers zu. Allerdings arbeiten Forscher auf der ganzen Welt daran, das zu ändern. Es winkt ein riesiger Markt. In Japan teilen Roboter in Kliniken schon jetzt Medikamente aus. Als Erfüllungsgehilfe fürs Erinnern an die Medikamenteneinnahme oder das Holen von Gegenständen bieten sich der Transport-roboter Helpmate oder der Care-O-bot 4 vom Fraunhofer-Institut für Produktions-technik und Automatisierung an. Auch wenn viele der Roboter gerade mal die Prototypreife haben: Sie machen schon heute seltener Fehler als der Mensch.

Hans-Joachim Böhme, Professor für Künstliche Intelligenz an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden, entwickelt selber Pflegeroboter und unterscheidet grob zwischen zwei Arten von Robotern. Eine Art ist für Arbeiten wie etwa die Nachtwächteraufgabe geeignet. Die anderen können Therapiekonzepte unterstützen. Die erste Gruppe könnte zum Beispiel die personelle Unterbesetzung in Nachtschichten ausgleichen und Patienten verlässlich überwachen. Roboter der zweiten Gruppe könnten Therapeuten nachhaltig unterstützen.

Böhme selbst nutzt die MAKS-Therapie, die von Prof. Elmar Gräßel am Universitätsklinikum Erlangen entwickelt wurde, um diese zusammen mit weiteren Partnern voranzutreiben und um Roboterassistenz zu erweitern. Dabei geht sein Roboter methodisch, alltagspraktisch, kognitiv und sozial mit Demenzkranken um. Sechsmal die Woche begleitet der Roboter Therapeuten, stellt den Patienten Aufgaben, trainiert sie, regt sie an, leistet echtes „Empowerment“, wie Böhme sagt. Böhme glaubt 
daher fest daran, dass Roboter mehr können, als bloß zu unterhalten.

Bis die Visionen von Therapie- oder unermüdlichen Nachtwächterrobotern Wirklichkeit werden, könnten allerdings noch Jahre vergehen. „Ich bin mir sicher, dass Emma uns niemals ersetzen können wird“, sagt Jens Kahl in Kiel. Der soziale Betreuer bereitet gerade das Essen zu, heute gibt es Hackbraten, Karotten und Salzkartoffeln. Die Bewohner spielen währenddessen mit Emma Memory. „Siehst du eine Katze?“, fragt der Roboter. Gertrud M. drückt zielsicher auf das Tier, das auf dem Bildschirm zu sehen ist. „Richtig! Du bist sehr schlau!“, sagt Emma. Es ist eine befremdliche Szene. Aber Gertrud M. lächelt. Sie freut sich über das Lob.

In Japan sind Roboter vom Typ Pepper längst Teil des Alltags. Sie begrüßen Menschen in der Hotellobby, beraten Käufer im Laden oder holen Getränke in einer Bar. Auch in Altenheimen kommen sie dort in größerem Maße zum Einsatz – Japan kämpft mit den gleichen demografischen Tendenzen wie Deutschland. Doch in dem asiatischen Land liegt der Fokus auf den Vorteilen der Technologie, und der Staat spendiert seinen Universitäten großzügige Forschungssummen.

MEHR ALS NUR EIN KOSTENSENKER

An der Technischen Universität Toyohashi erforschen Wissenschaftler die Automatisierung von Arbeitsprozessen. Sie arbeiten an Robotern, die beim Gehen assistieren oder Patienten anheben und umbetten können. Vor allem beim Heben und Drehen eines Menschen tun sie sich jedoch schwer. Bislang hat in diesem Feld noch kein Prototyp die Serienreife erreicht. Der brusthohe Roboter Terapio ist ein weiteres Projekt. Er soll automatisch die Krankenakte eines Patienten anzeigen, wenn der Arzt mit ihm zur Visite geht. Terapio redet mit den Patienten und zeigt zuvor die Ergebnisse von EKG, Urin- und Blutprobe an. Die Gespräche zwischen Arzt und Patient kann der Roboter aufzeichnen. Noch ist Terapio allerdings ein reines Forschungsobjekt.

Auch in Europa nimmt das Thema immer mehr Tempo auf. In der Schweizer Altenresidenz „Am Schärme“ in Sarnen kennen sich die Bewohner inzwischen bestens mit Robotern aus. Pepper war hier, und auch die Roboterrobbe Paro, die wie ein Kuscheltier aussieht, aber mit den Bewohnern interagiert. Paro kann quieken, sich freuen und lässt sich geduldig herzen.

Der Umgang mit Pflegerobotern wirft auch ethische Frage auf. Der französische Forscher Jérôme Monceaux hat die Pepper-Generation mitentwickelt und ist überzeugt, dass ein Roboter mehr leisten muss, „als Kosten zu sparen und den Profit zu steigern“. Deshalb will Monceaux eine völlig neue Art von künstlicher Intelligenz kreieren. Seine neuen Roboter sollen emotionaler und natürlicher sein als die heutigen Modelle. „Die Interaktion zwischen Mensch und Maschine muss den menschlichen Beziehungen dienen“, fordert er. Anders ausgedrückt: Die Technik muss sich an den Menschen anpassen, nicht der Mensch an die Technik.

In Kiel spielt Emma zum Schluss Klaus und Klaus ab. „An der Nordseeküste. Am plattdeutschen Strand. Sind die Fische im Wasser. Und selten an Land.“ Die Bewohner halten sich an den Schultern, klatschen und singen noch lauter als bei Freddy Quinn. Die Polonaise zieht durch das Esszimmer, an der Kochzeile vorbei, zurück ins Wohnzimmer. Es ist ein kleines Stück Lebensfreude, das Roboter Emma mit dem Lied auslöst. Als die Musik aus dem Roboter verstummt, sinken die WG-Bewohner in ihre Sessel. Sie sehen sehr zufrieden aus.