REPORTAGE

Auf die sichere Nummer

Drei Sicherheitsschleusen, eine eigene 
Stromversorgung, Wände aus Stahl: Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen 
forschen Laboranten mitten in Hamburg an den gefährlichsten Krankheits-
erregern der Welt. Über die Arbeit zwischen Ebola und Peressigsäure.

Text  Lena Schulte  Fotos Roman Pawlowski

Es gibt diesen speziellen Traum. Jeder Mitarbeiter des Hochsicherheitslabors wird ihn irgendwann träumen. Erst wenn man diesen einen speziellen Traum geträumt habe, gehöre man richtig dazu, erzählt Lilly Schneider*. Dieser Traum ist ein Albtraum und er geht so: Es ist ein Arbeitstag wie alle anderen. Man geht durch die drei Sicherheitsschleusen ins Hochsicherheitslabor. Man forscht an den gefährlichsten Krankheitserregern der Welt. Und wie immer will man nach drei Stunden wieder raus, weil man ja nicht länger am Stück dort arbeiten darf. Also geht man zu den Schleusen, und als man gerade die Peressigsäurendusche anfordert, fällt einem auf, dass man keinen Schutzanzug trägt. Panik keimt auf.

„Und der Punkt ist, dass die Panik nicht aufkeimt, weil du gerade ohne Schutzanzug mit dem Ebolavirus gearbeitet hast“, sagt Lilly. „Das Problem ist, dass du keinen Anzug anhast und gleich durch die Peressigsäure musst. Und die ist ätzend.“ Sie lacht. „Wenn man mehr Angst vor allem anderen hat als vor dem Virus, dann ist man richtig im Labor angekommen.“

Lilly ist 32 Jahre alt und arbeitet seit fünf Jahren als Biologielaborantin im Hochsicherheitslabor des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin in Hamburg. Es ist eines von nur vier Laboren in Deutschland, die alle Auflagen an die höchste Sicherheitsstufe S4 erfüllen. Ein Labor, das seine Mitarbeiter liebevoll U-Boot nennen, weil es eine eigene Einheit bildet, ein autarkes Gebäude im Gebäude, komplett getrennt von den es umgebenden Räumen, mit selbstständiger Strom- und Atemluftversorgung. So wollen es die internationalen Standards. Ein Labor, etwa 120 Quadratmeter groß, das ganz in Silber erstrahlt. Wände, Tische, Schränke, alles ist aus Edelstahl. Die silbernen Türen haben runde Fenster, wie Bullaugen. Überall hängen knallblaue Schläuche für die Atemluft von den Decken herab.

Nur in solchen Laboren dürfen hochansteckende Krankheitserreger wie Ebola-, Lassa- und Marburgviren erforscht werden. Eine Infektion kann in wenigen Tagen zu lebensgefährlichen Blutungen und Organversagen führen. Es sind einige der tödlichsten Viren der Welt. Die Mitarbeiter hier drinnen müssen darauf vertrauen, dass jede Schutzmaßnahme wirkt. Und die Bevölkerung draußen darauf, dass keine Viren entweichen. Dass die Schleusen dicht halten und alles funktioniert.

 

 

„Wenn man mehr Angst vor allem anderen hat als vor dem Virus, ist man richtig angekommen.“

Lilly

 

Zwei der drei Räume des Labors bilden klassische Laborzellen. Weiße Brutschränke stehen hier, sie halten die Temperatur für die gefährlichen Viren auf konstant 37 Grad. Hier führen die Wissenschaftler ihre Experimente durch. Sie arbeiten an Sicherheitswerkbänken, die sie durch eine Glasscheibe und einen sterilen Luftstrom von den Viren trennen. Auf den Tischen Bildschirme und Mikroskope. Notizen schicken die Forscher noch per Fax ins Büro. Denn hinausnehmen dürfen sie Blätter nur einmal im Jahr, wenn das ganze Labor sterilisiert und gewartet wird. Selbst normalen Abfall müssen sie so behandeln, dass alle Keime absterben, bevor er draußen als Labormüll entsorgt werden darf. Damit das Labor sauber bleibt, wechseln sich die Mitarbeiter mit Putzdiensten ab, schließlich dürfen Reinigungskräfte nicht ins Labor. Im dritten Raum warten die Versuchstiere. Vor allem normale Labormäuse, aber auch die Natal-Vielzitzenmaus: eine afrikanische Ratte, die als Wirt des Lassavirus bekannt wurde. Jeden Morgen schaut Lilly nach den Tieren. Sie führt auch die Versuche mit ihnen durch.

Bevor Lilly das Labor betreten darf, muss sie ihren Schutzanzug anlegen und drei Schleusen passieren. Hinter jeder Schleusentür sinkt der Druck, damit im Notfall keine kontaminierte Luft entweichen kann. Fünf Personen dürfen gleichzeitig hinein. Hinaus geht es nur durch die vierminütige Dekontaminationsdusche aus Peressigsäure und Wasser, dann ist der Schutzanzug erregerfrei. Lilly ist Teil eines Teams, das zum Lassavirus forscht. Lassa ist in Westafrika verbreitet und löst im Körper vermutlich eine Überreaktion des Immunsystems aus. Nach grippeähnlichen Symptomen kann ein Multiorganversagen mit Blutungen eintreten. Weil es bislang keine wirksame Therapie gibt, erliegt dem Lassa-Fieber selbst im Krankenhaus etwa jeder fünfte Patient. Neben der Suche nach Medikamenten versuchen die Wissenschaftler zu verstehen, wie genau das Virus funktioniert.

Denn so exotisch sich die Viren, die im Labor erforscht werden, auch anhören mögen: Unmöglich, dass sie auch in Deutschland auftreten, ist es nicht. Das Marburgvirus etwa trat zum ersten Mal 1967 bei Laborangestellten in Marburg auf. Als mehrere Menschen hohes Fieber und Magen-Darm-Symp­tome entwickelten und an den Folgen starben, wurde die gesamte Stadt in den Ausnahmezustand versetzt. Auch das Lassavirus wird in seltenen Fällen noch immer nach Deutschland eingeschleppt. Und im August 2014 wurde zum ersten Mal ein Ebolapatient in Deutschland behandelt.

Das Hochsicherheitslabor liegt mitten in St. Pauli, zwischen Reeperbahn und Landungsbrücken. Wo im Institut das Hochsicherheitslabor liegt, ist geheim. Jeder, der es betritt, wird zuvor vom Verfassungsschutz überprüft. Um in ihren Sicherheitsanzug zu steigen, zieht Lilly ihren grauen Rock und den weißen Pulli aus und dafür vorschriftsgemäß eine weiße Hose und ein blaues Shirt an. „Im Anzug wird es warm“, sagt sie. „Wenn schon schwitzen, dann wenigstens nicht in meinen privaten Klamotten.“ Als Nächstes steckt sie das Funkgerät an den Hosenbund. Es verfügt über einen sogenannten Totmannsender. Er löst einen Alarm aus, falls das Gerät längere Zeit waagerecht am Boden liegt. So können die Mitarbeiter darauf vertrauen, dass ihnen sofort geholfen wird, sollten sie umkippen. Die beiden Aufsichtspersonen, die die Arbeit der Kollegen im Sicherheitslabor durchgehend überwachen und mit ihnen per Funk in Kontakt sind, würden dann sofort verständigt. Sie würden gegebenenfalls die Evakuierung einleiten.

Lilly stülpt sich orange Handschuhe über, das erste von drei Paaren, die alle Mitarbeiter übereinander tragen müssen. Dann fixiert sie ihr Headset mit einer Bandana. Nun ist der Anzug dran. „Der besteht aus absolut reißfestem Material“, erklärt sie. Komplett gefertigt aus weißem PVC. „Damit könnte man sogar in Tschernobyl durch verseuchtes Wasser laufen.“ Der Schutzanzug ist die Lebensversicherung der Mitarbeiter des Hochsicherheitslabors. Ihm vertraut Lilly ihre Sicherheit an. Über blaue Schläuche strömt gefilterte Luft in ihn ein. Im Anzug selbst herrscht im Gegensatz zum restlichen Labor Überdruck. So würden ausgetretene Viren von ihm abgestoßen. Als Lilly ihren Anzug aufgepumpt hat, sieht sie aus wie eine Astronautin. Langsam geht sie ein paar Schritte auf und ab. Der Gang schwerfällig. In einer Hand hält sie den blauen Schlauch, der sie mit gefilterter Luft versorgt. Sobald sie ihn abschnallt, beschlägt der durchsichtige Gesichtsschutz über ihrem Kopf nach ein paar Minuten. Dann erröten ihre Wangen. Es wird warm. Im Labor haben die Mitarbeiter die Regel aufgestellt, dass jeder nach drei Stunden eine Pause machen muss. Länger können sie sich unter solchen Bedingungen sowieso nicht konzentrieren.

Was andere als Last empfinden könnten, ist für Lilly auch ein Reiz. „Alles ist anders in dem Anzug, vor allem die Sinneswahrnehmungen“, sagt sie. „Man fühlt anders durch die drei Paar Handschuhe. Man hört anders, die ganze Zeit ist da das Rauschen der Luftzufuhr, hin und wieder piept etwas.“ Lilly muss im Schutzanzug anders kommunizieren, meistens mit dem Funkgerät, manchmal mit den Händen per Zeichensprache. Vor allem muss sie die ganze Zeit absolut konzentriert und wachsam sein. Diese körperliche Komponente der Arbeit im Labor werde oft unterschätzt, sagt sie. Nach ihren ersten Einsätzen, als auch die Anspannung noch viel größer war, fühlte sich Lilly vollkommen erschöpft. Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder an die normale Realität gewöhnt hatte. Musik hören konnte sie für Stunden nicht. Mittlerweile hört sie sogar in ihrem Anzug Reggae.

Neue Mitarbeiter müssen deswegen ein strenges, mehrstufiges Training durchlaufen. Bevor jemand alleine im Labor mit einem Virus arbeiten darf, muss er mindestens 20 Mal in Begleitung dort gearbeitet haben. „Jeder wird sehr langsam herangeführt“, sagt Lilly. „Ich versuche, den Neuen schon immer möglichst viel außerhalb des Labors beizubringen.“ Den Doktoranden, den sie zuletzt einarbeiten musste, ließ sie in seinem normalen Labor drei Handschuhpaare übereinander tragen. So konnte er schon dort wahrnehmen, wie sich längst selbstverständlich gewordene Gegenstände wie Pipetten oder Spritzen durch die Gummischichten anfühlen. Besonders wichtig findet Lilly, die Neuen mit möglichen Störfällen vertraut zu machen. „Im Labor kann es immer mal passieren, dass auf einmal ein Alarm angeht, weil eine Gefrierschranktür zu lange geöffnet war“, sagt Lilly. Oder das Verhalten im Falle eines Feuers im Labor wird in Abstimmung mit der Feuerwehr trainiert." Wer öfter im Labor arbeite, wisse mit diesen Situationen umzugehen, erzählt Lilly. „Aber jemand, der erst seit Kurzem dabei ist und so etwas noch nie mitbekommen hat, erschreckt sich dann natürlich.“

Durch die unzähligen Wiederholungen, durch das langsame Automatisieren der Bewegungsabläufe und durch das genaue technische Wissen um die Sicherheitsvorkehrungen entsteht bei den Mitarbeitern so nach und nach ein Gefühl von Kontrolle über den eigenen Arbeitsalltag. Vertrauen in die Schutzvorkehrungen und in das eigene Können bildet sich aus. Trotzdem: Ein Restrisiko bleibt. Im Jahr 2009 stach sich eine Wissenschaftlerin des Bernhard-Nocht-Instituts im Hochsicherheitslabor bei ihrer Arbeit mit dem Ebolavirus mit einer Kanüle leicht durch ihre Schutzhandschuhe. Vorher hatte sie mit derselben Spritze noch Mäusen das Ebolavirus injiziert. Rückstände des tödlichen Virus hätten in ihre Blutbahn dringen können. Die Wissenschaftlerin wurde sofort auf eine Isolierstation gebracht, es wäre damals Deutschlands erster Ebolafall gewesen. Es dauerte Tage, bis es Entwarnung gab und sie das Krankenhaus gesund verlassen durfte.

Dass die enormen Sicherheitsstandards, die in Deutschland für Hochsicherheitslabore und den Umgang mit Notfällen gelten, nicht die Regel, sondern eher eine Ausnahme sind, erlebt Lilly ein- bis zweimal im Jahr am eigenen Leib. Dann fliegt sie mit ihrem Team nach Nigeria. Meist zwischen Dezember und März, wenn Trockenzeit herrscht und die Ratten, die die Lassaviren übertragen, in die Häuser klettern. Das Lassafieber bricht in dieser Zeit besonders häufig aus. Es sind harte vier Wochen, in denen es vorkommen kann, dass Lilly zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche durcharbeitet. In einem Universitäts-Krankenhaus in der Nähe von Benin-City erforscht sie das Lassavirus. Manchmal, wenn sie eine Probe bekommt, sieht sie, dass es sich bei dem Patienten um ein drei Monate altes Baby handelt, manchmal erfährt sie, dass eine ganze Familie vom Virus ausgelöscht wurde.

Sie wird nachdenklich, als sie davon erzählt. Sagt: „Wenn du in Afrika bist und du siehst Patienten, und du siehst auch Angehörige und du hörst Geschichten, dann wird dir auf einmal klar, was diese Krankheit eigentlich ist.“ Lilly findet, dass jeder, der mit solchen Viren arbeitet, hin und wieder in ein Ausbruchsgebiet fahren sollte, um das nicht zu vergessen. „Auf einmal siehst du, warum du diese Arbeit machst.“ Nach einem Ausbruch brauchen die Mitarbeiter aus Hamburg 72 Stunden, um mit ihrem mobilen Labor vor Ort zu sein und Diagnostik durchzuführen. Für Forschungsprojekte fahren die Wissenschaftler ohne das mobile Labor: Erst vor Kurzem sind Kollegen von Lilly nach Nigeria aufgebrochen, um Blutzellen zu analysieren und die Immunreaktion auf das Lassavirus besser zu verstehen.

Bei der Feldarbeit komme der Respekt vor den Viren zurück, sagt Lilly. Ein so kontrolliertes, vertrautes Arbeiten wie in Hamburg gibt es in Nigeria und einigen anderen Ländern nicht. Natürlich trägt Lilly vor Ort Schutzkleidung und achtet penibel auf Sauberkeit, aber die Viren sind überall. Schon zwei Mal pochte Lilly nach dem Rückflug der Kopf, sie fühlte sich nicht wohl. Symptome, die auch bei einer Lassa-Infektion auftreten können. Hätte sie noch dazu Fieber bekommen, hätte sie sich testen lassen müssen. Bisher ist alles glimpflich verlaufen.