KOLUMNE

 

Herr Schweisfurth, was denken Sie über ...  

Glaubwürdigkeit?

Illustration  Anje Jager

Biolebensmittel werden traditionell sehr kritisch beäugt. Deswegen müssen ihre Produzenten permanent um Glaubwürdigkeit kämpfen. Das ging uns am Anfang nicht anders, als mein Vater von der herkömmlichen Wurstproduktion auf Biolandwirtschaft umgestiegen ist. Wir wollten zur Herkunft und Herstellung unserer Lebensmittel nicht mehr lügen müssen, sondern sie mit gutem Gewissen vorzeigen können. Viele Verbraucher sind verunsichert. Sie glauben oft nicht, dass ein Stück Fleisch, ein Ei oder Gemüse, das als bio deklariert ist, wirklich die Qualitätskriterien erfüllt, die sie wünschen.

Dabei sind die Siegel für Bioqualität viel verlässlicher, als es in manchen Berichten dargestellt wird. Wenn ein Unternehmen Lebensmittel fälschlich als bio oder öko kennzeichnet, ist das eine Straftat. Die Einhaltung der Bestimmungen wird regelmäßig kontrolliert. Das ist also ein ziemlich sicheres System. Als Biolandwirt kann ich deswegen für meine ganze Branche sagen: Wo Bio draufsteht, ist auch Bio drin.

Uns liegt es am Herzen, dass unsere Kunden allen Lebensmitteln, die wir anbieten, auch wirklich vertrauen können. Denn nur dann sind sie auch bereit, einen Preis zu zahlen, der bei Bioprodukten wegen der aufwendigeren Herstellung oft ein bisschen höher liegt als bei anderen Nahrungsmitteln. Wir verlassen uns deswegen nicht nur auf Bio-Siegel, sondern tun noch viel mehr, um unsere Glaubwürdigkeit als Erzeuger von ökologisch und handwerklich produzierten Lebensmitteln zu garantieren. Auf unseren Zutatenlisten deklarieren wir zum Beispiel wirklich alles, was im Produkt drinsteckt, selbst wenn ein Zusatz unterhalb der vorgeschriebenen Grenzwerte liegt. So weiß der Käufer genau, was er bekommt.

Außerdem setzen wir auf Transparenz. Unsere Kunden können überall hinter die Kulissen schauen. Wir bieten Führungen durch unsere Landwirtschaft, Bäckerei, Metzgerei, Käserei, Brauerei und Kaffee­rösterei an. Jeder Kunde kann sich vor Ort selbst überzeugen, ob wir unsere Tiere artgerecht halten, unsere Äcker schonend bewirtschaften und unsere Lebensmittel naturbelassen verarbeiten. Das schafft Glaubwürdigkeit. Die Besucher können sogar bei einer Schlachtung zusehen, die wir so schonend wie möglich gestalten. Trotzdem ist die Tötung eines Tieres natürlich kein schöner Anblick. Aber ich empfehle jedem, der Fleisch isst, einmal bei einer Schlachtung dabei zu sein. Damit er weiß, was das bedeutet.

Unsere Kunden sollen uns auch als Menschen kennenlernen. Denn Biosiegel sind zwar verlässlich und notwendig, aber Glaubwürdigkeit bildet sich noch stärker durch den Kontakt zu Menschen, denen man vertraut. Und noch etwas: Am Ende muss der Kunde auf Bioqualität nicht nur vertrauen können. Er muss sie auch schmecken.


Karl Schweisfurth, 59, ist Biolandwirt aus Bayern. Mit seiner Familie betreibt er die Herrmannsdorfer Landwerkstätten in zweiter und dritter Generation. Sein Vater Karl Ludwig Schweisfurth war Chef von Herta, Europas größter Wurstproduktion. Er verkaufte das Unternehmen in den 1980er-Jahren und wurde zum Vorreiter der Herstellung von Bio­lebensmitteln.