VISION

Retter aus Stahl

Um Opfer zu bergen, begeben sich Retter nach Katastrophen oft selbst in große Gefahr. Agile Rettungsroboter sollen ihnen die gefährlichsten Einsätze abnehmen.

Foto T Brand Studio for Texas A&M University

Die Lage nach dem Erdbeben ist unübersichtlich. Menschen liegen unter Trümmern gefangen, es herrscht Chaos. Nachbeben sind ausgeschlossen, aber weitere Gebäude drohen einzustürzen. Keine leichte Situation für die Rettungsteams: Sie graben nach Verschütteten, versorgen Verletzte und sind immer in Gefahr, selbst verschüttet zu werden. Jetzt wäre es hilfreich, wenn Roboter die gefährlichsten Arbeiten übernehmen könnten. Und das können sie auch. Genau solche Hightechgeräte sind bereits im Einsatz – und werden immer intelligenter.

Der erste Einsatz solcher Rettungsroboter liegt 18 Jahre zurück. Nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 wühlten sie sich im Großeinsatz durch die Trümmer. Vor Ort war damals auch Dr. Robin Murphy mit ihrem Team des Center for Robot-­Assisted Search and Rescue. Sie steuerten die Rettungshelfer durch die Ruinen und versorgten die Bergungsteams mit Livebildern der Roboter. Genau die Informationen, die nötig waren, um richtige Entscheidungen aus sicherer Entfernung zu treffen.

Murphy forscht seit über 20 Jahren an den Robotern. Sie ist eine der Pionierinnen auf dem Gebiet. Das erste Mal sinnierte sie 1995 über Retter aus Kunststoff und Stahl. Damals erschütterte der Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City die USA. Einer von Murphys Studenten half als Retter vor Ort und berichtete Murphy, wie hilfreich kleine, wendige Roboter gewesen wären.

Für Murphy war das die Initialzündung. Zusammen mit Satoshi Tadokoro rollte sie in den folgenden Jahren das neue Forschungsfeld Rettungsroboter auf. Inzwischen hat sie bei mehr als 25 Rettungseinsätzen auf der ganzen Welt mitgeholfen. „Die Roboter selbst sind gar nicht so besonders“, erklärt sie. „Aber ihre Anwendung ist es schon.“ Weil die Umgebung bei Katastrophen meist vollkommen zerstört ist, müssen Experten die Aufgaben der Roboter vor Ort jedes Mal neu definieren. Murphy hat für ihre Einsätze inzwischen drei Robotertypen im Repertoire: Luft-, Wasser- und Bodenhelfer.

Der wichtigste Bestandteil der Roboter ist ihre Software: die künstliche Intelligenz. Weil sich bei Katastropheneinsätzen schnell Hunderte Stunden Videomaterial anhäufen, durchforsten kluge und lernende Algorithmen die Daten und senden sie vorsortiert an die Rettungsteams. So können die Teams die Bilder schneller auswerten und bessere Entscheidungen treffen.

Ohne menschliche Hilfe kommen die Roboter bislang aber noch nicht aus. Sie werden ferngesteuert und liefern die Daten ihrer Sensoren an die Retter. Die Situationen bei Katastrophen sind für autonome Roboter schlicht noch zu unübersichtlich. Wegen der besonderen Umstände bei Katastrophen sind die Roboter zudem sehr klein. „Die müssen hinten auf einen Geländewagen passen, weil in Katastrophengebieten oft alles zerstört ist“, berichtet Murphy. „Alles, was groß und schwer ist, ist nicht praktikabel.“

Für die weitere Entwicklung ihrer Robo-Retter hat Murphy ambitionierte Ziele. Sie will die enormen Fortschritte bei Sensoren, Computerchips und künstlicher Intelligenz nutzen, um die Rettungsteams noch gezielter zu unterstützen. Die richtige Information soll zum richtigen Zeitpunkt bei der richtigen Person landen, damit sie die richtige Entscheidung treffen kann. „Mein Ziel ist, dass die Roboter bis 2030 bei Rettungseinsätzen routiniert eingesetzt werden“, sagt sie.