INTERVIEW

Vertrauen als Schlüsselbegriff

Wir müssen Risiken bewusst begegnen, um Technologien vertrauen zu können, sagt TÜV SÜD-Chef Axel Stepken. Der Anspruch des Unternehmens: in klassischen Feldern ebenso für Sicherheit zu sorgen wie in neuen digitalen Anwendungen.

Interview  Jörg Riedle  Foto  Thomas Dashuber

Herr Stepken, nicht erst seit dem Jahr 2016, als TÜV SÜD sein Firmenjubiläum unter dem Motto „150 Jahre Vertrauen schaffen“ feierte, steht der Begriff Vertrauen im Mittelpunkt der Unternehmensphilosophie. Warum ist er so bedeutend?

Weil Vertrauen der Kitt ist, der unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft zusammenhält. Ohne Vertrauen funktionieren keine Beziehungen – das ist im persönlichen Bereich nicht anders als im Geschäftsleben: Als Endkunde muss ich mich darauf verlassen können, dass ein Produkt hält, was der Hersteller oder Händler verspricht – zum Beispiel zur Qualität und Sicherheit. Ebenso muss jedes Unternehmen, das Geschäfte mit anderen Firmen macht, darauf setzen können, dass Vereinbarungen eingehalten werden. Und bei allen technischen Einrichtungen muss gewährleistet sein, dass sie sicher sind und das erfüllen, weswegen sie angeschafft wurden. 

Ist dies der Grund, warum der Unternehmensclaim von TÜV SÜD im vergangenen Jahr aktualisiert wurde? Er lautet nun: Mehr Wert. Mehr Vertrauen.

Ja. Wir rücken damit den Schlüsselbegriff unserer Arbeit in den Mittelpunkt – so, wie es übrigens auch von der überwiegenden Mehrheit unserer Kunden gesehen wird: Das Vertrauen in unsere Neutralität und in das Wissen unserer Experten ist die Basis all dessen, was wir machen. Und wir schaffen Vertrauen, beispielsweise indem wir bei unseren Kunden für Sicherheit sorgen, ihnen Marktzugänge ermöglichen und sie in puncto Nachhaltigkeit unterstützen. „Mehr Vertrauen.“ geht damit über das bisherige „Mehr Sicherheit.“ deutlich hinaus. Wir verabschieden uns nicht von unserem Bekenntnis zur Sicherheit, sondern stärken es vielmehr, indem wir klar herausstellen, dass die Sicherheit dazu dient, mehr Vertrauen in Technologien, Prozesse oder Partner zu schaffen. Dieses Vertrauen müssen wir uns auch immer wieder bei unseren Kunden neu verdienen. Daher müssen wir beständig an der Exzellenz unserer Services und unserer Mitarbeiter arbeiten. Im Rahmen unserer Strategie 2025 setzen wir genau darauf einen großen Fokus.

Was bedeutet Vertrauen dann konkret in einer modernen Welt, in der Fortschritt sehr stark von Software und digitalen Technologien geprägt ist?

Die Digitalisierung ist der große Treiber für Innovationen. Wir müssen uns aber immer klarmachen: Jede Innovation bringt Risiken mit sich, die es in irgendeiner Form zu kontrollieren gilt. Die Sicherheit im digitalen Zeitalter zu gewährleisten, ist daher ein ganz zentraler Aspekt der Digitalisierung. Ohne Sicherheit rund um IT-Systeme und -Anwendungen wird das Vertrauen in digitale Prozesse und Technologien dauerhaft nicht zu halten sein.

Was bedeutet dies für Unternehmen wie TÜV SÜD?

Wir bauen seit Jahren gezielt Kompetenzen im digitalen Umfeld auf. Einerseits reichern wir bestehende Dienstleistungen mit digitalen Mehrwertleistungen an, etwa wenn wir die Entwicklung automatischer Bilderkennung bei Schadengutachten vorantreiben. Wir gehen aber auch in ganz neue Technologien, zum Beispiel Additive Manufacturing oder hochautomatisiertes Fahren. Seit geraumer Zeit bauen wir zudem eine eigene Cybersecurity--Einheit mit entsprechenden Fachleuten auf: Unsere Business Unit Cyber Security Services zählt mittlerweile fast 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und verfügt über Aktivitäten in Deutschland, Asien und den USA. Ich bin mir sicher: Es wird künftig keine Dienstleistung bei uns geben, die nicht von der Digitalisierung betroffen ist. Diesen Kulturwandel, der für das ganze Unternehmen TÜV SÜD von zentraler Bedeutung ist, fassen wir intern etwas plakativ unter dem Schlagwort „from steam to cloud“ zusammen. 

Seit vergangenem Sommer engagiert sich TÜV SÜD auch in der „Charter of Trust“ – der Begriff Vertrauen steckt hier schon im Namen. Was verbirgt sich dahinter?

Eine branchenübergreifende Initiative mit 15 starken internationalen Partnern, die vor gut einem Jahr auf von Siemens und der Münchner Sicherheitskonferenz gegründet wurde. Was die Partner der „Charter of Trust“ dabei auszeichnet, ist, dass sie erkannt haben: Ohne Cybersicherheit wird es langfristig kein Vertrauen in die Digital Economy geben. Dazu brauchen wir dringend Regeln – und wo es diese noch nicht gibt, müssen wir sie mitgestalten. Deshalb engagieren wir uns. 

Was sind konkrete Ziele der „Charter of Trust"?
Die Initiative hat zehn konkrete Prinzipien entwickelt, die dazu beitragen sollen, dass Cybersicherheit ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaft und Wirtschaft wird. Unter anderem halten wir es für absolut notwendig, Verantwortung in der digitalen Lieferkette zu übernehmen und haben grundsätzliche Anforderungen für die Cybersicherheit digitaler Lieferketten erarbeitet. Diese Anforderungen betreffen technische Merkmale und organisatorische Maßnahmen, die für Produkte und Dienstleistungen und ebenso für die entsprechende IT-Infrastruktur relevant sind. Ein Fokus liegt aktuell auch darauf, Cybersicherheit zu einem festen Teil der Ausbildung an Universitäten und bei der beruflichen Weiterbildung zu machen. Dafür werben wir und dafür setzen sich die Mitglieder der "Charter of Trust" ein

Das Vertrauen der Öffentlichkeit in unabhängige technische Prüfungen ist in diesem Jahr erschüttert worden. Ende Januar kam es in Brasilien zu einem Unglück durch den Bruch des Staudammes einer Eisenerzmine in Brumadinho. TÜV SÜD hatte an diesem Damm in Brasilien Prüfungen vorgenommen.

Der Dammbruch ist eine menschliche und ökologische Tragödie und wir alle trauern mit den Hinterbliebenen der Opfer. Was letztlich zum Kollaps des Damms geführt hat, müssen die Untersuchungen der Ermittlungsbehörden zeigen, die aufgrund des komplexen technischen Sachverhalts bestimmt noch einige Zeit in Anspruch nehmen werden.  

Was macht TÜV SÜD konkret, um möglicherweise verlorenes Vertrauen wiederherzustellen?

Unsere über 24.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf der ganzen Welt machen tagtäglich einen hervorragenden Job. Um dies sicherzustellen, setzen wir in unserem Konzern seit vielen Jahren umfangreiche Compliance- und Kontrollmechanismen um, die dafür sorgen, dass die Unabhängigkeit, Neutralität und hohe Qualität unserer Dienstleistungen gewährleistet sind. Dazu gehört auch eine umfassende Transparenz. Im Fall von Brasilien war daher von Anfang an klar, dass wir vollumfänglich mit den Ermittlungsbehörden zusammenarbeiten. Zudem führen wir mit der Unterstützung eigener und externer Experten eine Untersuchung interner Prozesse sowie möglicher Ursachen für den Dammbruch in Brumadinho durch. Seit Ende Februar gibt es bei uns auch eine wissenschaftliche Expertengruppe aus externen Geotechnik- und Bergbauingenieuren, die wir zur Klärung technischer Fragestellungen hinzugezogen haben. Wir tun alles, um den Sachverhalt von unserer Seite lückenlos aufzuklären – und um dem Vertrauen, das die Menschen uns entgegenbringen, gerecht zu werden.


Prof. Dr.-Ing. Axel Stepken ist seit 2007 Vorstandsvorsitzender der TÜV SÜD AG. Zuvor arbeitete er in verschiedenen leitenden Funktionen bei ABB im Segment Stromübertragung und -verteilung in Deutschland und Indonesien. Axel Stepken wurde in Essen geboren, studierte Elektrotechnik an der RWTH Aachen und promovierte anschließend im Bereich Hochspannungstechnik zum Dr.-Ing. Seit 2015 ist er Honorarprofessor der TU München.