Vision

Aus der Luft gegriffen

Der Luft CO2 entziehen, anstatt sie damit zu belasten? Der Forscher David Keith will mit dieser Idee den Klimawandel bekämpfen – und hat nun erstmals ein günstiges und effizientes Verfahren dafür entdeckt.

Foto Jan Steinhauer

Die Indizien häufen sich: An der Erd- und Wasseroberfläche ist die Mitteltemperatur in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, Temperaturrekorde treten immer öfter auf, Gletscher verschwinden, der Meeresspiegel steigt. Der Klimawandel ist kein Zukunftsszenario mehr, sondern ein weltweites Problem, das Umweltaktivisten, Politiker und die Industrie auf Trab hält. Ein entscheidender Faktor ist der CO₂-Ausstoß, der in die Atmosphäre gelangt. Neben nachhaltigeren Mobilitätskonzepten gibt es nun einen weiteren Ansatzpunkt, um den Schadstoffausstoß zu verringern: Biosprit.  Statt Benzin oder Diesel zu verbrennen, können Verbrennungsmotoren auch umweltfreundlichere Stoffe in Energie verwandeln. Bislang werden etwa nachwachsende Rohstoffe in synthetische Kraftstoffe umgewandelt. Doch dafür werden riesige Anbauflächen benutzt. Nun wollen Wissenschaftler stattdessen das schädliche Kohlenstoffdioxid aus der Luft ziehen und als Kraftstoff wiederverwerten. Verfahren für so eine CO₂-Extraktion gibt es zwar schon, etwa in Industrie, Raumfahrt und bei U-Booten, doch trotz vieler Vorteile wie unendlicher Verfügbarkeit und ausgeglichener CO₂-Bilanz haftet dem Verfahren ein großer Nachteil an: der Preis. Die Produktion ist schlicht zu teuer. Mit den niedrigen Rohölpreisen kann sie nicht mithalten. Was aber wäre, wenn der Sprit aus CO₂ viel einfacher produziert werden könnte und plötzlich für jeden erschwinglich wäre? Das Unternehmen Carbon Engineering arbeitet seit zehn Jahren an dieser Aufgabe – und steht nach eigenen Angaben nun vor dem Durchbruch. Der Gründer des Unternehmens und ­Harvard-Professor für Angewandte Physik, David Keith, verkündete 2018 den Erfolg. Endlich sei es ihm gelungen, ein effizientes und kostengünstiges Verfahren zu entwickeln. Während die Umwandlung einer Tonne CO₂ aus der Luft bislang etwa 600 Euro kostet, will Keith die gleiche Menge für 94 Dollar produzieren. Gemeinsam mit seinem Team testet er gerade den großflächigen Einsatz der „Direct Air Capture“-­Technologie. Mit dem neuen Verfahren wird das abgetrennte CO₂ in gereinigter Form zur Verwendung und Speicherung aufbereitet. Mithilfe von Wasser und Energie soll dann komprimiertes CO₂ produziert werden, aus dem wiederum Kraftstoff erzeugt werden kann. „Die Energie, die wir für die Produktion des Wasserstoffs benötigen, gewinnen wir durch Wasserkraft in unserer Projektfabrik“, erklärt Keith. Da das Verfahren sehr energieaufwendig ist, wird nur bei Nutzung regenerativer Energiequellen eine neutrale Klimabilanz erreicht. Zwar gibt der CO₂-Kraftstoff bei seiner Verbrennung auch CO₂ ab, aber nur so viel, wie für seine Herstellung aus der Luft gezogen worden ist. Seine CO₂-Bilanz ist also neutral. Die neue Technik hat bereits Investoren wie Bill Gates oder Murray Edwards angezogen, die außer Carbon Engineering auch ähnliche Unternehmen wie Global Thermostat oder Climeworks unterstützten. Bis die neue Technik serienreif ist, müssen jedoch noch einige Hürden genommen werden. „Bisher findet alles nur in unserer Projektfabrik statt“, sagt Keith. Im kommenden Jahr soll eine neue Fabrik hinzukommen, die pro Tag immerhin 200 Barrel Kraftstoff produzieren kann. Zum Vergleich: Jeden Tag werden 95 Millionen Barrel Erdöl gefördert. „Es gibt bei unserer Methode noch einige Wenn und Aber, doch wenn die gemeistert werden, kann unser Verfahren dazu beitragen, die Klimaerwärmung zu mindern“, sagt Keith.