INTERVIEW

„Der Wandel ist so alt wie die Menschheit“

Superschlaue Computer, humanoide Roboter, Designerbabys aus dem Labor: Technologische Umbrüche machen vielen Menschen Angst. Im Interview erklärt der Technikhistoriker Wolfgang König, warum das Quatsch ist – und die Menschheit ohne Veränderung gar nicht auskommen kann.

Text  Thomas Schmelzer  Foto Unsplash/Frenjamin Benklin, Hahn und Hartung

Herr König, Sie haben sich Ihr ganzes Leben lang mit technologischem Wandel beschäftigt und auch selbst große Umbrüche miterlebt. Waren Sie mal an dem Punkt, an dem Sie die Nase voll hatten von der permanenten Veränderung?

Nein, das würde ich nicht sagen. Denn man hat ja immer die Möglichkeit, den Wandel auch zu gestalten. Manchmal hat es aber genervt, dass es viele technologische Neuerungen gab, die im Prinzip niemand haben wollte.

Trotzdem haben aktuell viele Menschen das Gefühl, dass sie der technologische Wandel überrollt. Sie fürchten um ihre Jobs und sehen alte Gewissheiten in Gefahr.

Na klar, Veränderungen sind für den Einzelnen immer eine Herausforderung. Das war schon immer so. Vor allem wenn technologische Neuerungen Gewinner und Verlierer hervorbringen. In der Vergangenheit hat es dann oft geknallt. Denken Sie nur an die Luddismus-Bewegung Anfang des 19. Jahrhunderts. Englische Textilarbeiter sahen wegen neu entwickelter Maschinen ihre Lebensgrundlage bedroht. Als Reaktion schreckten sie nicht mal davor zurück, die neuen Maschinen zu zertrümmern, ihre Arbeitsstätte in Brand zu setzen oder gar die Fabrikbesitzer umzubringen. Das zeigt, wie groß die Wut und die Angst damals waren.

Auf die Revolte folgte eine nie zuvor dagewesene Wohlstandsexplosion.

Ja, am Ende hat sich der Fortschritt durchgesetzt und den Fabrikeigentümern ungeheure Reichtümer beschert. Für viele Arbeiter sah es trotzdem mies aus. Insgesamt hat die Gesellschaft aber gewonnen. Von manchen Entwicklungen der damaligen Zeit profitieren wir noch heute. Zum Beispiel wurde die Eisenbahn entwickelt, die wir heutzutage als extrem fortschrittlich ansehen, die damals aber sehr kritisch beäugt wurde.

Sehen Sie Parallelen zwischen der Situation damals und heute?

Beim Arbeitsmarkt gibt es durchaus Ähnlichkeiten. Auch heute haben viele Leute Angst, dass ihnen neue Technologien den Arbeitsplatz wegnehmen. Allerdings geht es nicht mehr primär um körperliche, sondern um geistige Arbeit. Und ich sehe auch nicht, dass bald Revolten drohen. Zur Zeit der Luddisten gab es noch keine Gewerkschaften oder Parteien, die deren Interessen institutionell vertreten konnten. Das ist mittlerweile vollkommen anders. Ganz aufhalten wird man den Wandel aber auch heute nicht können.

Das sehen manche Kritiker anders.

Mag sein, aber da liegen sie falsch. Der Mensch hat schon immer nach Fortschritt gestrebt, das liegt in seiner Natur. Wir sind kreative Wesen und erfinden uns und unsere Umwelt permanent neu. Die Suche nach dem Neuen und Unbekannten treibt uns an – auch weil sich damit ziemlich viel Geld verdienen lässt. Es wird also immer Innovationen und technologische Umbrüche geben. Und diese Neuerungen wirken sich dann zwangsläufig auf Kunst, Politik und Gesellschaft aus. Der Wandel ist so alt wie die Menschheit selbst.

 

 

Also treibt der technologische Fortschritt den gesellschaftlichen Wandel an?

Einerseits. Oft ist es aber auch der gesellschaftliche Wandel, der als Motor für technische Fortschritte dient. Auch das konnte man während der industriellen Revolution beobachten. Erst als die Menschen massenhaft in die Städte drängten, wurde der Straßenbau entwickelt. Erst als neue Produktionsverfahren schnelle Warenlieferungen verlangten, kam die Eisenbahn hinzu. Die gesamte Infrastruktur, auf der gegenwärtig unsere Mobilität fußt, ist letztlich eine Reaktion auf Entwicklungen Anfang des 19. Jahrhunderts.

 

Wenn die Menschheit im Großen und Ganzen vom Wandel profitiert – warum löst er bei vielen Menschen dann immer wieder Unbehagen aus?

Wie gesagt: Große Veränderungen sind für den Einzelnen immer unbequem. Es gibt wenige Leute, die es gut finden, ihren Arbeitsplatz zu verlieren und sich dann noch mal ganz neu orientieren zu müssen. Wir streben zwar nach dem Neuen. Aber wir sind auch extreme Gewohnheitstiere. Wir lieben Routinen. Und wenn die in Gefahr sind, verteidigen wir sie erst einmal. Aber es hilft nichts: Wir werden auch in Zukunft gezwungen sein, uns wieder und wieder umzustellen.

„Wir werden auch in Zukunft gezwungen sein, uns wieder und wieder umzustellen.“

 

Manche Ihrer Kollegen behaupten, dass sich dieser Veränderungsprozess in den vergangenen 200 Jahren extrem beschleunigt hat, und suchen darin die Ursache für viele heutige Probleme.

Da bin ich skeptisch. Seit Beginn der Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts findet sicherlich eine Dynamisierung der Gesellschaft statt. Aber ob es diese enorme Beschleunigung tatsächlich gibt, ist schwer zu sagen. Auch in früheren Perioden der Weltgeschichte hat es immense Veränderungen gegeben, oft in sehr kurzer Zeit. Außerdem gibt es gar keine passende Variable, mit der man Veränderung tatsächlich verlässlich messen könnte.

Die Befürchtung, der technologische Wandel könnte sich einmal so sehr beschleunigen, dass er uns entgleitet, teilen Sie also nicht.

Wandel ist immer gestaltbar. Sobald die Mehrzahl der Menschen eine Veränderung nicht mitträgt, verliert sie automatisch an Schwung. Es ist ja nicht so, dass irgendeine Gottheit der Menschheit eine Technologie aufpfropft, mit der sie dann klarkommen muss. Vielmehr treiben sich Technologie und Gesellschaft im Wechselspiel voran. Nur wenn gesellschaftliche Wünsche und entsprechende technologische Lösungen zusammenpassen, findet Wandel statt.

Der Mensch als Gestalter des Wandels.

Im Prinzip ist das so. Schauen Sie sich nur den Konsumbereich an. Damit sich eine Technologie durchsetzen kann, muss sie gekauft werden. Wenn die Käufer aber fernbleiben, wird die Entwicklung irgendwann eingestellt. So was gibt es ja immer wieder. Über manche Technologien diskutieren wir seit Jahren, aber weil die Nachfrage ausbleibt, setzen sie sich schlicht nicht durch.

Ein Beispiel, bitte!

Ich glaube, dass die Vorstellung vom Smart­home immer eine kühne Idee bleiben wird. Die geistert durch die Welt, seitdem ich mich mit dem Thema beschäftige. Aber wer will denn am Ende einen sprechenden Kühlschrank wirklich haben? Ich kenne da wenige Menschen.

Gleichzeitig setzen sich aber Dutzende andere Entwicklungen durch.

Tatsächlich geht viel mehr schief, als man denkt. Die Zahl der gescheiterten Innovationen ist viel höher als die Zahl der erfolgreichen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zum Beispiel mal die Vorstellung, einen Hubschrauber-Personenverkehr zwischen benachbarten Städten aufzubauen. Das ist ziemlich schnell eingestampft worden, weil es einfach zu teuer war. Allerdings gehört dieses Scheitern auch untrennbar zum Fortschritt dazu. Wenn man das Scheitern nicht zulässt, wird es nie Fortschritt geben.

Andere Technologien wurden komplett unterschätzt.

Genau. Das Internet und die E-Mail beispielsweise wurden noch vor 30 Jahren als Entwicklung für ­Freaks angesehen. Es gibt also beides: Mal wird eine Innovation unterschätzt, mal ein Entwicklungsfortschritt überschätzt. Das zeigt letztlich nur, wie unmöglich es ist, den Erfolg einer Idee wirklich abzuschätzen.

Und in der Retrospektive: Was entscheidet über den Erfolg neuer Technologien?

Am Ende sind es die Menschen selbst. ­Jedes Mal, wenn eine neue Technologie in die Breite drängt, findet ein Aushandlungsprozess statt. Die Gesellschaft diskutiert, ob für sie die Vorteile oder die Nachteile der Neuerung überwiegen. Und erst wenn es einen gewissen gesellschaftlichen Konsens gibt, setzt sich der Trend wirklich durch.

In Japan hat sich die Gesellschaft entschieden, dass man Robotern das Jawort geben kann.

Ja, die Robotik ist eines der zentralen Themen unserer Zeit. Es geht dabei um grundlegende Fragen: Wie gehen wir in Zukunft mit Robotern, insbesondere den humanoiden Robotern, um? Können wir sie bestrafen? Welches Verhältnis entwickeln wir zu ihnen? Meine Vermutung ist, dass es eher ein distanziertes Verhältnis sein wird.

Es gibt Experten, die das völlig anders sehen. Die prognostizieren, dass uns humanoide Roboter bald das Wasser abgraben.

Es ist schwer, in die Zukunft zu blicken. Es kann also schon sein, dass die Grenze zwischen Mensch und Maschine immer mehr verschwimmt. Ausschließen kann man das nicht. Die Akzeptanz neuer Technologien ist auch immer ein Gewöhnungsprozess: Was heute noch exotisch erscheint, kann morgen schon normal sein. Man kann das gut beim autonomen Fahren beobachten. Das fing klein mit automatischem Einparken an. Bald wird die Parkplatzsuche im Parkhaus folgen, und schwupp, schon ist man beim Kolonnenfahren im Stau.

Die Vorstellung von Disruption, die wie ein ­Gewitterschauer über einen hereinbricht, ist also Unsinn?

Innovation ist nie etwas komplett Neues. Eigentlich enthält sie sogar immer sehr viel Altes und nur sehr wenig Neues. Ein schönes Beispiel dafür ist das Auto. Als Daimler und Maybach das Automobil entwickelten, erfanden sie eigentlich nur einen Motor, den die Leute in ihre Kutschen einsetzen sollten. Das erste Automobil war also kaum mehr als eine motorisierte Kutsche. Oft kommt der Wandel in so kleinen Schritten daher, dass man ihn erst sehr spät bemerkt.

Welche Technologie hat aktuell das größte Veränderungspotenzial?

Die Biotechnologie. Forscher werden den Menschen in der Zukunft verändern und gestalten können. Da drängen sich natürlich viele ethische Fragen auf: Wie weit wird man gehen? Wie weit wollen wir gehen? Und: Was wollen wir auf keinen Fall? Das gilt nicht nur für den Menschen, sondern für alle Lebewesen. Wir werden bald in der Lage sein, uns eine vollkommen künstliche Umgebung zu designen. Die Technologie mit all ihren Konsequenzen wird gleichzeitig die größte Chance und ­Herausforderung für die nächsten Jahrzehnte sein.

 

 


Zur Person

Wolfgang König ist Professor emeritus für Technikgeschichte an der Technischen Universität Berlin. Als Gastprofessor arbeitete er an der Technischen Universität Wien und der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Beijing. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Alltags- und Konsumgeschichte sowie die Geschichte von Technik und Industrie.