INTERVIEW

„Der Wandel ist so alt wie die Menschheit“

Superschlaue Computer, humanoide Roboter, Designerbabys aus dem Labor: Technologische Umbrüche machen vielen Menschen Angst. Im Interview erklärt der Technikhistoriker Wolfgang König, warum das Quatsch ist – und die Menschheit ohne Veränderung gar nicht auskommen kann.

Text  Thomas Schmelzer  Foto Unsplash/Frenjamin Benklin, Hahn und Hartung

Yet there are dozens of other developments that are gaining ground.

In actuality, there’s a lot more that goes wrong than you think. The number of failed innovations is much higher than the number of successful ones. After the Second World War, for instance, there was the idea of setting up helicopter passenger service between neighboring cities. But it was abandoned fairly quickly because it was simply too expensive. Nevertheless, this failure is inextricably linked to progress. If you don’t allow failure to happen, there will never be progress.

There are other technologies that have been completely underestimated.

Exactly. Internet and email, for example, were viewed as a development for computer freaks thirty years ago. It works both ways: sometimes an innovation is underappreciated, sometimes developmental progress is overestimated. What this ultimately shows is how impossible it is to really gauge the success of an idea beforehand.

And in retrospect, what determines the success of new technologies?

In the end, it’s the people. Every time a new technology becomes widespread, there’s a negotiation process that takes place. Society discusses whether the advantages of the innovation outweigh the disadvantages. It isn’t until there’s a certain social consensus that a trend really takes hold.

Japanese society has decided to say “I do” to robots.

Yes, robotics is one of the very central themes of our era. This is about fundamental questions: How will we deal with robots in the future, particularly humanoid robots? Can we punish them? What relationship will we develop with them? My guess is that it will be more of a distant relationship.

There are experts who hold the completely opposite view. They predict that humanoid robots will be pulling the rug out from under us.

It’s difficult to see into the future. It is thus possible that the borders between humans and machines will become more blurred with time. You cannot exclude people. The acceptance of new technologies is also always a process of habituation. What seems exotic today may be normal by tomorrow. A good example of this is autonomous driving. It started small, with automated parking. This will soon be followed by cars searching for their own parking spaces in a parking garage, and then, boom, now you’re in an automated convoy, stuck in traffic.

So the idea of disruption that breaks over you like a thundershower is nonsense?

Innovation is never something completely new. Actually, it usually contains a whole lot of old things and just a little bit of new. A nice example of this is the car. When Daimler and Maybach developed the automobile, they actually just invented an engine for people to put into their carriages. The first auto was barely more than just a motorized carriage. Sometimes change comes in such small steps that you don’t even notice it until much later.

Which technology currently has the greatest potential for change?

Biotechnology. Researchers will be able to change and design people in the future. This brings up many ethical questions: How far will we go? How far do we want to go? And: What will we never want, no matter what? This isn’t just true for humans, but for all living things. We will soon be able to design completely artificial surroundings. Technology, with all its consequences, will be both the greatest opportunity and the greatest challenge of the next decades.

 

 

 

Also treibt der technologische Fortschritt den gesellschaftlichen Wandel an?

Einerseits. Oft ist es aber auch der gesellschaftliche Wandel, der als Motor für technische Fortschritte dient. Auch das konnte man während der industriellen Revolution beobachten. Erst als die Menschen massenhaft in die Städte drängten, wurde der Straßenbau entwickelt. Erst als neue Produktionsverfahren schnelle Warenlieferungen verlangten, kam die Eisenbahn hinzu. Die gesamte Infrastruktur, auf der gegenwärtig unsere Mobilität fußt, ist letztlich eine Reaktion auf Entwicklungen Anfang des 19. Jahrhunderts.

 

Wenn die Menschheit im Großen und Ganzen vom Wandel profitiert – warum löst er bei vielen Menschen dann immer wieder Unbehagen aus?

Wie gesagt: Große Veränderungen sind für den Einzelnen immer unbequem. Es gibt wenige Leute, die es gut finden, ihren Arbeitsplatz zu verlieren und sich dann noch mal ganz neu orientieren zu müssen. Wir streben zwar nach dem Neuen. Aber wir sind auch extreme Gewohnheitstiere. Wir lieben Routinen. Und wenn die in Gefahr sind, verteidigen wir sie erst einmal. Aber es hilft nichts: Wir werden auch in Zukunft gezwungen sein, uns wieder und wieder umzustellen.

„Wir werden auch in Zukunft gezwungen sein, uns wieder und wieder umzustellen.“

 

Manche Ihrer Kollegen behaupten, dass sich dieser Veränderungsprozess in den vergangenen 200 Jahren extrem beschleunigt hat, und suchen darin die Ursache für viele heutige Probleme.

Da bin ich skeptisch. Seit Beginn der Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts findet sicherlich eine Dynamisierung der Gesellschaft statt. Aber ob es diese enorme Beschleunigung tatsächlich gibt, ist schwer zu sagen. Auch in früheren Perioden der Weltgeschichte hat es immense Veränderungen gegeben, oft in sehr kurzer Zeit. Außerdem gibt es gar keine passende Variable, mit der man Veränderung tatsächlich verlässlich messen könnte.

Die Befürchtung, der technologische Wandel könnte sich einmal so sehr beschleunigen, dass er uns entgleitet, teilen Sie also nicht.

Wandel ist immer gestaltbar. Sobald die Mehrzahl der Menschen eine Veränderung nicht mitträgt, verliert sie automatisch an Schwung. Es ist ja nicht so, dass irgendeine Gottheit der Menschheit eine Technologie aufpfropft, mit der sie dann klarkommen muss. Vielmehr treiben sich Technologie und Gesellschaft im Wechselspiel voran. Nur wenn gesellschaftliche Wünsche und entsprechende technologische Lösungen zusammenpassen, findet Wandel statt.

Der Mensch als Gestalter des Wandels.

Im Prinzip ist das so. Schauen Sie sich nur den Konsumbereich an. Damit sich eine Technologie durchsetzen kann, muss sie gekauft werden. Wenn die Käufer aber fernbleiben, wird die Entwicklung irgendwann eingestellt. So was gibt es ja immer wieder. Über manche Technologien diskutieren wir seit Jahren, aber weil die Nachfrage ausbleibt, setzen sie sich schlicht nicht durch.

Ein Beispiel, bitte!

Ich glaube, dass die Vorstellung vom Smart­home immer eine kühne Idee bleiben wird. Die geistert durch die Welt, seitdem ich mich mit dem Thema beschäftige. Aber wer will denn am Ende einen sprechenden Kühlschrank wirklich haben? Ich kenne da wenige Menschen.

Gleichzeitig setzen sich aber Dutzende andere Entwicklungen durch.

Tatsächlich geht viel mehr schief, als man denkt. Die Zahl der gescheiterten Innovationen ist viel höher als die Zahl der erfolgreichen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zum Beispiel mal die Vorstellung, einen Hubschrauber-Personenverkehr zwischen benachbarten Städten aufzubauen. Das ist ziemlich schnell eingestampft worden, weil es einfach zu teuer war. Allerdings gehört dieses Scheitern auch untrennbar zum Fortschritt dazu. Wenn man das Scheitern nicht zulässt, wird es nie Fortschritt geben.

Andere Technologien wurden komplett unterschätzt.

Genau. Das Internet und die E-Mail beispielsweise wurden noch vor 30 Jahren als Entwicklung für ­Freaks angesehen. Es gibt also beides: Mal wird eine Innovation unterschätzt, mal ein Entwicklungsfortschritt überschätzt. Das zeigt letztlich nur, wie unmöglich es ist, den Erfolg einer Idee wirklich abzuschätzen.

Und in der Retrospektive: Was entscheidet über den Erfolg neuer Technologien?

Am Ende sind es die Menschen selbst. ­Jedes Mal, wenn eine neue Technologie in die Breite drängt, findet ein Aushandlungsprozess statt. Die Gesellschaft diskutiert, ob für sie die Vorteile oder die Nachteile der Neuerung überwiegen. Und erst wenn es einen gewissen gesellschaftlichen Konsens gibt, setzt sich der Trend wirklich durch.

In Japan hat sich die Gesellschaft entschieden, dass man Robotern das Jawort geben kann.

Ja, die Robotik ist eines der zentralen Themen unserer Zeit. Es geht dabei um grundlegende Fragen: Wie gehen wir in Zukunft mit Robotern, insbesondere den humanoiden Robotern, um? Können wir sie bestrafen? Welches Verhältnis entwickeln wir zu ihnen? Meine Vermutung ist, dass es eher ein distanziertes Verhältnis sein wird.

Es gibt Experten, die das völlig anders sehen. Die prognostizieren, dass uns humanoide Roboter bald das Wasser abgraben.

Es ist schwer, in die Zukunft zu blicken. Es kann also schon sein, dass die Grenze zwischen Mensch und Maschine immer mehr verschwimmt. Ausschließen kann man das nicht. Die Akzeptanz neuer Technologien ist auch immer ein Gewöhnungsprozess: Was heute noch exotisch erscheint, kann morgen schon normal sein. Man kann das gut beim autonomen Fahren beobachten. Das fing klein mit automatischem Einparken an. Bald wird die Parkplatzsuche im Parkhaus folgen, und schwupp, schon ist man beim Kolonnenfahren im Stau.

Die Vorstellung von Disruption, die wie ein ­Gewitterschauer über einen hereinbricht, ist also Unsinn?

Innovation ist nie etwas komplett Neues. Eigentlich enthält sie sogar immer sehr viel Altes und nur sehr wenig Neues. Ein schönes Beispiel dafür ist das Auto. Als Daimler und Maybach das Automobil entwickelten, erfanden sie eigentlich nur einen Motor, den die Leute in ihre Kutschen einsetzen sollten. Das erste Automobil war also kaum mehr als eine motorisierte Kutsche. Oft kommt der Wandel in so kleinen Schritten daher, dass man ihn erst sehr spät bemerkt.

Welche Technologie hat aktuell das größte Veränderungspotenzial?

Die Biotechnologie. Forscher werden den Menschen in der Zukunft verändern und gestalten können. Da drängen sich natürlich viele ethische Fragen auf: Wie weit wird man gehen? Wie weit wollen wir gehen? Und: Was wollen wir auf keinen Fall? Das gilt nicht nur für den Menschen, sondern für alle Lebewesen. Wir werden bald in der Lage sein, uns eine vollkommen künstliche Umgebung zu designen. Die Technologie mit all ihren Konsequenzen wird gleichzeitig die größte Chance und ­Herausforderung für die nächsten Jahrzehnte sein.

 

 


Zur Person

Wolfgang König ist Professor emeritus für Technikgeschichte an der Technischen Universität Berlin. Als Gastprofessor arbeitete er an der Technischen Universität Wien und der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Beijing. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Alltags- und Konsumgeschichte sowie die Geschichte von Technik und Industrie.