Essay

Prophet der Disruption

Wer über Disruption reden will, kommt an Joseph Schumpeter nicht vorbei. Schon vor 100 Jahren erkannte der Ökonom, dass Innovation ohne schöpferische Zerstörung nicht möglich ist und Unternehmer die wahren Helden des Fortschritts sind. Sein Grundgesetz des Kapitalismus prägt unsere Ökonomie bis heute – und ist aktueller denn je. Ein würdigender Essay.

 

Text Nils Aus Dem Moore Foto Harvard University Archives
(Schumpeter); Nils aus dem Moore (Porträt)

Ein Leitbegriff beherrscht die Wirtschaft. Disruption, so das allgemeine Mantra, gilt neuerdings als Schlüssel, um die gewaltige Kraft der digitalen Revolution zu verstehen. Um die technologischen Innovationssprünge der vergangenen Jahre zu erklären. Und um als Unternehmer überhaupt noch eine Chance zu haben im beschleunigten Digital-kapitalismus des 21. Jahrhunderts.

Eine gute Idee reicht demnach aus. Sie zerbröselt jahrelang erfolgreiche Geschäftsmodelle, zerlegt eben noch erfolgreiche Firmen, vertilgt ganze Branchen. Übrig bleiben die Eroberer mit ihrer Idee. Unternehmen wie Airbnb, Netflix, Uber, Alibaba oder Apple. Eine Zeit lang streichen sie die Gewinne ihrer Vormachtstellung ein. Dann entsteht eine neue Idee, neue Eroberer treten an und alles beginnt von vorn. So funktioniert Disruption.

Seit einiger Zeit tobt sie überall. Bücherläden werden von ihr erfasst, Zeitungen, Fernsehsender, Reisebüros, Taxiunternehmer, Hoteliers und bald womöglich auch die Kneipe oder der Supermarkt um die Ecke. Unzählige Analysen und Diagnosen befassen sich mit ihr. Und doch finden sie alle am Ende einen gemeinsamen analytischen Fixpunkt bei einem Österreicher, der im hohen Alter geprahlt haben soll, dass er als junger Mann der größte Ökonom der Welt, der erste Reiter Österreichs und der beste Liebhaber Wiens werden wollte – und nur die Sache mit den Pferden habe aufgrund eines schlechten Sattels leider nicht geklappt.

Urvater des Wandels

Die Rede ist von Joseph Alois Schumpeter: geboren 1883 im damals österreichisch-ungarischen Triesch in Mähren, Nationalökonom, Politiker und der Erfinder von Begriffen wie Innovation, Wagniskapital und Firmenstrategie. Bis heute gilt er als Urvater der Disruption. Jede Analyse über Innovationen, jede Vorlesung über technologischen Fortschritt, jede Präsentation über technologische Moonshots fußt im Fundament auf ihm. Und dabei schlägt die volle Wirkkraft seiner Ideen erst jetzt richtig durch.

Es hat einige Zeit und Umwege gebraucht, bis Schumpeters Ideen in der Wissenschaft der große Durchbruch gelang. Zum ersten Mal sorgte der junge Ökonom 1911 für Furore. Damals erkor er die Unternehmerfunktion zum „eigentlichen Grundphänomen der wirtschaftlichen Entwicklung“. Zuvor hatte die Ökonomie das Wirtschaftsleben stets als statischen Kreislauf in ewig unveränderten Bahnen beschrieben. Schumpeter dagegen brachte zum ersten Mal die Begriffe Dynamik und Wandel ins Spiel. Er fasste als Erster in -Worte, dass die reale Wirtschaft ganz anders funktioniert, als sie vorangehende Theoretiker beschrieben hatten. Statt im Kreislauf der ewig gleichen Bahnen zu verlaufen, sei die zentrale Dynamik des Wandels Innovation: Sie sorge dafür, dass immer wieder verbesserte und gänzlich neue Produkte in den Geschäften auftauchten, fortschrittlichere Fabriken auf schnellere Weise und zu geringeren Kosten produzierten und ein breiteres Angebot immer besserer Produkte entstehe. Etablierte Firmen, so Schumpeter, würden so permanent durch neue Wettbewerber herausgefordert. Als Urheber dieses Wandels erkannte Schumpeter die Unternehmer selbst. Sie sorgten für die Durchsetzung der neuen Methoden und rangen darum, wem als Erstes mit einem neuen Produkt der Durchbruch gelang.

Zunächst schien es, als ob Schumpeters Ideen ein rascher Durchbruch gelänge. Noch 1911 wurde er an der Universität Graz zum jüngsten Professor der Donaumonarchie ernannt. Die Columbia University in New York verlieh ihm die Ehrendoktorwürde. In einer außergewöhnlichen Synthese aus ökonomischer Modellvorstellung, soziologischer Beobachtung und psychologischer Analyse hatte Schumpeter so schon vor mehr als 100 Jahren die zentrale Bedeutung des von ihm als Entrepreneur bezeichneten Unternehmertypus erkannt. Während im heutigen Silicon Valley noch Schafe gezüchtet wurden, schrieb Schumpeter davon, wie Entrepreneure Innovationen unerschrocken als „neue Kombinationen von Dingen und Kräften“ vorantrieben und leidenschaftlich darum kämpften, sie gegen alle Widrigkeiten am Markt durchzusetzen.

„Positive Helden des Wandels, ausgestattet mit unbändiger Energie“

Helden des Fortschritts

Schumpeter lieferte auch gleich die Erklärung für diesen Pioniergeist mit. Die Triebfeder der neuen Entrepreneure sei demnach gerade nicht das pure Gewinnstreben. Eine solche rein ökonomische Motivation erkannte Schumpeter allenfalls bei Kapitalisten und Arbitrage-Unternehmern, die lediglich Preis- oder Zinsunterschiede für ihre Gewinnmaximierung nutzen. Von diesen Investoren und Spekulanten grenzte er seine Entrepreneure ganz bewusst ab. Stattdessen seien die Motive des Entrepreneurs nicht vorrangig monetärer, sondern vor allem psychologischer Natur. Sie nährten sich erstens aus dem „Traum und Willen, ein privates Reich zu gründen“, und zweitens daraus, „das wirtschaftliche Handeln als Sport“ zu betrachten. Drittens treibe den Entrepreneur „die Freude am Gestalten und am Tun“ an.

Schumpeters schöpferische Unternehmer grenzen sich damit überdeutlich vom Typus des ausbeutenden und unterdrückenden Unternehmers ab, wie Karl Marx ihn beschrieben hatte. Vielmehr agieren sie als positive Helden des Wandels, ausgestattet mit unbändiger Energie und Willenskraft, angetrieben vom Wunsch nach Unabhängigkeit und Freiheit. Die Herausforderungen des Wettbewerbs und die fortwährende Suche nach neuen Chancen bereitet ihnen schlicht: Spaß.

Wandel und Wachstum

Gleichzeitig beschrieb Schumpeter den ökonomischen Anreiz des Wandels. Wer bei der „Neukombination von Dingen und Kräften“ erfolgreich sei und sich durch, wie man heute sagen würde, Produkt-, Prozess- oder Organisationsinnovationen von seinen Wettbewerbern absetzen könne, dem winke als Lohn der hohe Unternehmergewinn des Quasimonopolisten. Zumindest so lange, bis Nachahmer auf den Plan treten, den Innovator imitieren und ihn schließlich „niederkonkurrieren“ würden. Diesen Prozess, der heute in jedem Lexikoneintrag über Disruption stehen könnte, hatte Schumpeter schon 1911 beschrieben. Das Wording als „kreative“ oder „schöpferische“ Zerstörung verpasste er ihm erst 1942, als er die Creative Destruction als zentralen Wesenskern jeder Marktwirtschaft erkannte.

So einleuchtend, weitsichtig und klar Schumpeters Worte heute erscheinen, so wenig Resonanz fanden sie zu seiner Zeit in der akademischen Volkswirtschaftslehre. Auch Schumpeter persönlich wandte sich nach seiner akademischen Blitzkarriere zunächst anderen Interessen zu. 1919 wurde er für kurze Zeit zum parteilosen Finanzminister Österreichs berufen. Später leitete er eine Privatbank und lebte seine hedonistische Seite im ausschweifenden Großstadttreiben der Wiener Gesellschaft aus.

Erst die Weltwirtschaftskrise trieb Schumpeter zurück in die Wissenschaft. Der Ruf auf eine Professur in Bonn ermöglichte ihm 1925 ein Comeback. Sieben Jahre später führte ihn der Wechsel nach Harvard auf den akademischen Olymp. 1948 wählten ihn die Mitglieder der American Economic Association zum Präsidenten der weltweit einflussreichsten Gelehrtengesellschaft seines Fachs. Seine Idee der kreativen Zerstörung aber fristete innerhalb der Volkswirtschaftslehre weiterhin ein Schattendasein. Daran änderte sich auch nach Schumpeters Tod im Jahr 1950 erst einmal nichts. Dass jene Idee, mit der er später berühmt werden sollte, zu seinen Lebzeiten kaum beachtet wurde, hatte Schumpeter ironischerweise selbst befördert. Als Akademiker forderte er immer wieder, ökonomische Zusammenhänge in mathematischen Gleichungen zu formulieren, um sie so präzise analysierbar zu machen. Dabei lag doch sein eigener komparativer Vorteil gerade nicht in der Formalisierung, sondern in breiten, interdisziplinär inspirierten Analysen.

Die ökonomische Forschung jedenfalls folgte der Formalisierung – und ließ Schumpeters verbal formulierte Erkenntnisse zum segensreichen Wirken der Entrepreneure erst einmal links liegen. Mathematische Modelle beherrschten über mehrere Jahrzehnte die Wachstumstheorie und ignorierten die Unternehmerpersönlichkeit als entscheidenden Faktor zunächst komplett. Sie konnten zwar zeigen, wie das Wachstum durch höhere Ersparnis und dadurch ermöglichte Investitionen kurzfristig gesteigert werden kann. Aber der technische Fortschritt als wichtigster Treiber der langfristigen Wirtschaftsentwicklung blieb ohne überzeugende Erklärung.

Kreative Zerstörung 2.0

Erst das französisch-kanadische Ökonomenduo Philippe Aghion und Peter Howitt rückte Schumpeter im Jahr 1992 wieder ins Zentrum der modernen Wachstumsökonomik. Ihr Kniff: Sie übersetzten Schumpeters zentrale Einsichten in die mathematische Modellwelt und machten sie dadurch anschlussfähig für den Mainstream der Disziplin. Das Grundmodell von Aghion und Howitt beschreibt in wenigen Gleichungen, wie Unternehmer immer wieder aufs Neue miteinander konkurrieren. Dabei müssen sie in jeder Runde entscheiden, ob sie auf bewährte Prozesse setzen und so einen sicheren Umsatz generieren – oder ob sie das Wagnis eingehen, (mehr) in Forschung und Entwicklung zu investieren, und so mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine Innovation hervorbringen, um zumindest für eine gewisse Zeit deutlich höhere Monopolgewinne einfahren zu können.

Insbesondere Philippe Aghion, Professor an der London School of Economics und zugleich an der Spitze des französischen Wissenschaftssystems, dem Collège de France in Paris, hat seitdem die Leistungsfähigkeit des schumpeterschen Paradigmas immer wieder unter Beweis gestellt. Seine Forschung gibt dabei spannende Antworten auf die Frage nach den optimalen Rahmenbedingungen für Innovation: Wie lange sollten Innovationen durch Patente geschützt werden? Führt eine hohe oder eher geringere Wettbewerbsintensität zu mehr technischem Fortschritt? Soll der Staat eine aktive Industriepolitik betreiben und einzelne Sektoren oder gar individuelle Unternehmen gezielt fördern? Warum muss das Bildungs- und Forschungssystem in technologisch führenden Ländern anders strukturiert sein als in jenen Volkswirtschaften, deren Unternehmen ihren Erfolg vor allem in der kostengünstigen Nachahmung suchen?

Auch für aktuelle Herausforderungen, die zu Schumpeters Zeiten noch gar keine Rolle spielten, lassen sich mithilfe der von ihm inspirierten Modelle wichtige Erkenntnisse gewinnen. Aghion und Co. zeigen, wie sich die Richtung technologischen Wandels durch Ökosteuern so lenken ließe, dass die Wirtschaft zu einer ökologisch nachhaltigen Green Economy umschwenken würde. In diesem Ansatz des sogenannten Directed Technical Change gibt der Staat zwar beispielsweise durch Einführung einer CO2-Steuer die Richtung vor, muss aber nicht vorhersehen oder gar bestimmen, welche Technologie letztlich erfolgreich sein wird.

The Age of Schumpeter

Bei Fragen zu Fortschritt und Entwicklung, Innovation und Wettbewerb, Patentschutz und Wachstumsfinanzierung führt heute kaum ein Weg an Schumpeters Perspektive vorbei. Gerade für hoch entwickelte Industrieländer, die sich an der technologischen Grenze bewegen, werden die Erkenntnisse der sogenannten neoschumpeterianischen Modelle immer wichtiger.

Bereits im Jahr 1984 hatte Herbert Giersch, damals Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, argumentiert, dass nach der zu Ende gegangenen Ära des Keynesianismus nun eine durch ökonomische Liberalisierung und Fortschritte der Computertechnik geprägte Epoche anstehe. Mit Schumpeter als intellektueller Galionsfigur, so mutmaßte Giersch, lasse sich diese vielleicht am besten verstehen und gestalten. Weder der Fall der Mauer und der Untergang der Sowjetunion noch die Dynamik der anschließenden Globalisierung und die Digitalisierung waren damals absehbar. Giersch versah seine Thesen vom beginnenden „Age of Schumpeter“ deswegen noch mit einem Frage-zeichen. Heute, im Jahr 2019, sind wir mittendrin.


Dr. Nils aus dem moore

leitet im Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) die  Forschungsgruppe „Nachhaltigkeit und Governance“. Zudem  ist er stellvertretender Leiter des Berliner Büros.