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Reportage

In nächster Nähe

Als sie Ende 20 ist, fliegt Beth Healey ans Ende der Welt. In der Antarktis lebt sie neun Monate mit zwölf Fremden auf engstem Raum in völliger Isolation auf einer Forschungsstation. Was hat das mit ihr gemacht?

Text Jenni Roth  
Illustration Julian Rentzsch Fotos ESA/IPEV/PNRA-B. Healey (Cover, Kolonne Traktor, B. Healy, Flugzeug, Polarlichter, Wartung Antenne, Laborproben, Schnee, Basketball) ESA/IPEV/PNRA–C. Possnig (Sauna, Bibliothek)

N ach der Abschiedsparty in der Ice Bar in London sitzt Beth Healey auf ihrem Bett. Sie streichelt ihre Katze, spürt, wie das weiche Fell durch ihre Finger streift. Es ist der letzte Abend vor ihrer Reise. Der letzte Abend, an dem sie ihre Freunde, ihre Familie und ihre Katze für lange Zeit in ihrer Nähe hat. Ein Jahr lang wird Beth keine Katze sehen, und auch sonst kein Tier. Keine Pflanze, keinen Fluss, keinen See. Ein mulmiges Gefühl steigt in ihr auf: wegen der Einsamkeit, wegen der Isolation, weil es keinen Ausweg geben wird. Was, wenn ihr alles zu eng und zu nah wird? Was, wenn sie Heimweh bekommt? Die Reise, die Beth am nächsten Morgen antreten wird, führt an einen Ort, der weiter von London entfernt ist als die Internationale Raumstation.

Der letzte Stopp vor ihrem Ziel ist Christchurch in Neuseeland. Die letzte Chance, etwas einzukaufen, das letzte Mal Zivilisation. Beth wählt Flip-Flops, der beste Schuh für die Forschungsstation. Dann steigt sie in einen kleinen Flieger neben dem Piloten ins Cockpit, blickt auf das Meer und beobachtet, wie es unter ihr immer mehr einer endlosen Eisfläche weicht.

Die Antarktis ist mit der größten Eisplatte der der Erde überzogen, der Kontinent ist die letzte große Wildnis unseres Planeten. Sie ist größer als Europa, so lebensfeindlich, dass kaum ein Mensch auf ihrem Gebiet lebt. Sie speichert fast zwei Drittel aller Süßwasservorräte. Wie ein gigantischer Reflektor wirft sie das Licht und die Energie der Sonne zurück ins All. Ohne die Antarktis wäre es auf unserer Erde wesentlich heißer. Fast ein Jahr lang wird die 29-jährige Beth an diesem Ort die Effekte extremer Bedingungen auf den menschlichen Körper und die Psyche untersuchen. Sie wird festhalten, welche Prozesse dauerhaft sauerstoffarme Luft im menschlichen Organismus auslösen kann. Wie sich Menschen verhalten, wenn sie monatelang von der Außenwelt abgeschnitten sind. Was mit einer Gruppe 13 einander fremden Menschen passiert, die über Wochen auf wenigen Dutzend Quadratmetern eingeschlossen sind.

Als der Pilot zum Landeanflug ansetzt, denkt Beth kurz an eine Notlandung. Dann wird ihr klar, dass es hier natürlich keine Landebahn gibt, keine Straßen, keine Landschaft. Nur Eis. In Grönland hatte Beth bereits zuvor mehrere Monate gelebt, aber das hier ist etwas anderes. Als die Tür des Flugzeugs aufspringt, ziehen sich ihre Lungen beim Versuch zu atmen zusammen, ihre Tränenflüssigkeit kristallisiert und die Härchen in der Nase gefrieren. „Weißer Mars“ nennen die Wissenschaftler diesen Ort; da passt es, dass die Gestalten, die nun auf sie zukommen, Raumanzüge tragen. Zumindest sieht es so aus.

 

 

Neun monate keine fluchtmöglichkeit

Beth ist klein, schmal, sie hat ein feines Gesicht. Für ihre langen dunkelblonden Haare hat sie einen Fön eingepackt, außerdem ein Abendkleid, High Heels, Make-up – ein Stück Normalität. Schon als Fünfjährige nahm ihr Vater sie mit auf Expeditionen. Er übernachtete in Berghütten mit ihr, morgens gab es Rührei vom Campingkocher. Beth wusste früh, dass sie Forscherin werden will. Und dass sie die Herausforderung liebt.

Die Forschungsstation Concordia sieht aus wie zwei Silos, die auf Stelzen ins Eis gerammt sind. Sie liegt auf 123 Grad östlicher Länge und 75 Grad südlicher Breite, die nächste Küste ist 950 Kilometer entfernt. Über einen Gang können die Forscher von einem Silo ins andere gehen, ohne raus in die brutale Kälte von bis zu minus 80 Grad Celsius zu müssen. Wenn man bei solchen Temperaturen ein Ei in die Pfanne schlägt, gefriert es, noch bevor es zerlaufen ist.

Als Beth an der Concordia ankommt, ist es Sommer. Noch ist viel los. Forscherteams aus aller Welt sind vor Ort, bei minus 30 Grad Celsius und endloser Sonne tragen sie Rugby-Matches aus. Nur Fußballspielen funktioniert nicht, die Kälte zieht die Sprungkraft aus dem Ball. Als vier Monate später der letzte Flieger mit den Sommergästen abhebt, wird es still. Beth geht in ihr Zimmer, starrt auf den Kalender über ihrem Bett: endlose Tage bis zum nächsten Flug. Neun Monate gibt es jetzt keine Fluchtmöglichkeit mehr, weil bei minus 80 Grad Celsius kein Helikopter oder Flugzeug landen oder abfliegen kann, auch im Notfall nicht.

Der Winter engt das Leben auf der Concordia ein. Weil die Temperaturen immer weiter fallen und die Sonne bald gar nicht mehr aufgeht, zurrt sich das Leben auf insgesamt 700 Quadratmeter Wohnfläche in den beiden dreistöckigen Türmen zusammen. Beth beobachtet, wie alte Hie­rarchien verschwinden – und neue entstehen: Der technische Manager steigt nach kurzer Zeit zu einer Art Gruppenanführer auf. Selbst innerhalb der kleinen Forschungsteams bilden sich Chefs, je nach Persönlichkeit und Funktion.

 

Sechs Franzosen überwintern zusammen auf der Station, fünf Italiener, ein Schweizer und Beth, die Britin, die sich daran gewöhnen muss, dass es nichts heißen muss, wenn sich die Italiener auch mal anbrüllen. Einsam ist es jedenfalls nicht in der Isolation: „Man sitzt aufeinander, man kann nicht davonlaufen, Persönlichkeitsmerkmale werden extremer“, erzählt Beth. Sie merkt, dass sie bei Konflikten, die oft schon durch Kleinigkeiten entstehen, eher still wird und der Konfrontation aus dem Weg geht. „Damit fördert sie das Miteinander der Gruppe“, sagt Hanns-Christian Gunga, Universitätsprofessor für Weltraummedizin und extreme Umwelten an der Charité in Berlin. Bei seinen Forschungsarbeiten hat er herausgefunden, dass einige Persönlichkeitsmerkmale bei gruppendynamischen Prozessen in Extremsituationen förderlich sind, während andere Spannungen erzeugen. Problematisch seien etwa narzisstische Strukturen, Rigidität, die Unfähigkeit zu Kompromissen und Wut oder gar Aggression bei Meinungsverschiedenheiten.

Beth schafft es sogar, ruhig zu bleiben, als ein Teammitglied immer wieder ihre Mütze und Handschuhe versteckt. „Offen Konflikte auszutragen, ist in so einer Umgebung schwer“, sagt Beth. „Da läuft viel subtil.“ Die Forscherin reagiert gar nicht auf die Provokation. „Dann langweilt sich der andere mit seinem Spielchen“, sagt sie. Wo es keine Fluchtmöglichkeit gebe, versuche man, toleranter und nachsichtiger zu sein.

Extreme Nähe, extreme Auswirkungen

In der extremen Nähe entstehen Freundschaften und Antipathien wie im Zeitraffer. Alles geht schneller, wenn man so nah aufeinander lebt. Auch aus purer Notwendigkeit gibt sich Beth in der Ex­tremsituation mehr Mühe. „Selbst mit Leuten, mit denen es sonst vielleicht nicht funktioniert hätte“, sagt sie. Gleichzeitig freundet sich Beth mit zwei Crewmitgliedern enger an. „Neun Monate auf der Concordia sind wie neun Jahre im Alltag.“ Aber auch hier gibt es Unterschiede: Die einen tauschen nach ein paar Tagen privateste Geschichten aus, während einer aus dem Team eine Trennung von seiner Partnerin durchmacht, aber mit keinem darüber spricht.

 

 

Je länger Beth auf der Concordia ist, desto unsicherer wird ihr Umgang mit den anderen, weil es immer dieselben Menschen sind, die sie um sich hat. Und weil sie sich ständig beobachtet fühlt. Als sie von einem Teammitglied eine Portion blaue M&M’s geschenkt bekommt – sie hatte ihm von ihrer Vorliebe für die blauen Schokolinsen erzählt –, brodelt sofort die Gerüchteküche. Oft verhalten sich die Männer extra unterkühlt, damit solcher Gossip erst gar nicht entsteht.

Dramenanfällige Affären sind keine gute Idee in so einer Konstellation. „Wenn man sich in dieser Isolation seiner Gefühle nicht absolut sicher ist, sollte man es bleiben lassen“, sagt Beth. Sie selbst kommt erst gar nicht in Versuchung. Einerseits weil zufällig keiner in der Runde ist, der für sie infrage käme. Andererseits sagt sie sich: „Ich habe hier eine Aufgabe. Alles andere blende ich aus.“

Für die ESA soll Beth herausfinden, wie die Isolation auf die Gruppendynamik wirkt. Dafür tragen alle im Team eine Uhr, die nicht nur Aktivitätslevel, Herzfrequenz und Schlafmuster aufzeichnet, sondern auch, wo sich wer wann und wie lange mit wem aufhält. So erzählen die Aufzeichnungen etwas über Gewohnheiten und wie sich diese ändern: Ob die Nähe eher zur Isolation der Teammitglieder führt, ob sie sich aufraffen, in den Fitnessraum zu gehen, oder stattdessen Schokolade essen. Aktuell werden die Untersuchungen ausgewertet. Vor allem die ewige Nacht des Winters wirkt sich auf die Stimmung im Team aus. An einem Tag im März beobachtet die Gruppe, wie die Sonne zum letzten Mal für vier Monate auf- und untergeht. „105 Tage Dunkelheit sind brutal“, sagt Beth. Die ersten vier Tage und Nächte schläft sie gar nicht. Stattdessen tigert sie durch die Station. Vor dem Fenster nur Dunkelheit. Keine Straßenlampen, keine Autos. „Man fühlt sich von der Welt abgetrennt. In der Einsamkeit merkt man erst, wie sehr einen die Sonne mit der Welt verbindet.“ Nur wenn die Polarlichter am Himmel aufleuchten, kommt ein Stück Motivation zurück.

 

Vor allem die ewige Nacht des Winters wirkt sich auf die Stimmung im Team aus. An einem Tag im März beobachtet die Gruppe, wie die Sonne zum letzten Mal für vier Monate auf- und untergeht. „105 Tage Dunkelheit sind brutal“, sagt Beth. Die ersten vier Tage und Nächte schläft sie gar nicht. Stattdessen tigert sie durch die Station. Vor dem Fenster nur Dunkelheit. Keine Straßenlampen, keine Autos. „Man fühlt sich von der Welt abgetrennt. In der Einsamkeit merkt man erst, wie sehr einen die Sonne mit der Welt verbindet.“ Nur wenn die Polarlichter am Himmel aufleuchten, kommt ein Stück Motivation zurück. Trotzdem fühlt sich das Leben auf der Station wie eine Dauernachtschicht an. Der Lichtentzug ist ebenfalls Teil ihrer Forschungen; die ESA will wissen, wie der Lichtentzug den Schlafrhythmus beeinflusst und wie spezielle Lichtverhältnisse ein normales Schlafverhalten während der sonnenarmen Wintermonate oder später bei Nachtarbeitern oder Astronauten fördern könnten.

 

„man blickt wie vom All auf die Welt“

Beth merkt, wie sie immer lethargischer wird. Das Essen fällt ihr schwer. „Es fühlt sich an, als müsste man nachts um drei Pasta essen.“ Aber auch der italienische Koch der Crew kann nichts daran ändern, dass es hier am Ende der Welt kein frisches Obst und Gemüse gibt. Mit jedem Tag Winter verstärkt sich bei Beth das Gefühl, Probandin ihrer eigenen Experimente zu sein – auch zur Frage, wie das menschliche Immunsystem auf solche extremen Bedingungen reagiert. Dafür nimmt sie Blut-, Urin- und Speichelproben und gleicht sie mit Ergebnissen von Belastungstests ab. Äußerlich sind die Auswirkungen bei der ganzen Crew kaum zu übersehen. Das Team wird zunehmend blass. Beth hat, wie die anderen auch, Mühe, ihr Gewicht zu halten. Allein die Lage auf über 3.000 Meter Höhe und die Bewegung draußen, dick eingepackt bei minus 80 Grad Celsius, fressen Energie. „Ich hatte das Gefühl, dass mein Körper auseinanderfällt.“

Aber Beth bleibt gesund. Selbst das „Dreiviertel-Quarter-Syndrom“ übersteht sie einigermaßen unbeschadet. Damit bezeichnen Forscher wie Hanns-Christian Gunga depressive Verstimmungen, die im dritten Quartal einer solchen Überwinterung vermehrt auftreten: „Bis zur Halbzeit kann man sich noch mit der Perspektive auf das Bergfest aufbauen. Aber wenn man das dann geschafft hat, fallen viele in ein Erschöpfungsloch – man hat ja noch die ganze lange Hälfte vor sich.“

 

So was wie Alltag

So was wie Alltag

Im Sommer spielen die Forscher der Concordia Basketball, im Winter zurrt sich das Leben auf die Innenräume der Station zusammen. „Neun Monate auf der Concordia sind wie neun Jahre im Alltag“, sagt Beth.

Damit das Heimweh nicht zu stark wird, versucht Beth, nicht jeden Tag mit Freunden oder der Familie zu skypen. Manchmal habe es zwar gutgetan, sich für ein paar Momente mental von diesem Ort zu verabschieden, aber anders wäre es wohl nicht gegangen, glaubt sie. „Wenn man sich nicht komplett auf das Leben auf der Station einstellt und ganz präsent ist, hält man es hier schwer aus.“ Als Single hat Beth immerhin keine Beziehung, um die sie kämpfen muss. Was sie vermisst, sind die spontanen Treffen in Cafés oder der Einkauf im Supermarkt nach Feierabend.

Als ihre verbleibende Zeit auf der Concordia immer kürzer wird, merkt Beth, wie sehr sie sich an das Zusammensein auf engem Raum gewöhnt hat. „Man verändert sich in so einem Jahr“, sagt sie. Ihre Zeit auf dem Weißen Mars vergleicht sie rückblickend mit einer Art Retreat. „Man tritt einen Schritt zurück, ein bisschen, wie wenn man aus dem Weltall auf die Erde schaut vielleicht. Es macht auf jeden Fall die Sicht auf die Dinge klarer, auf das, was man will.“

Und Beth Healey weiß genau, was sie will: ins All. Wenn sie mit den Crewmitgliedern spricht, mit denen sie bis heute eine besondere Freundschaft verbindet, weiß sie, dass sie ihre Träume verstehen. Bis es irgendwann ins All geht, wohnt sie aber weiter mit zwei Freunden in einer Londoner WG. „Ich könnte niemals allein leben“, sagt sie. Mit der Concordia habe das allerdings wenig zu tun. „So eine große Nähe könnte man in England oder Frankreich wohl nie simulieren.“

 

winter is coming

winter is coming

Der Winter der Antarktis ist kalt und lang. Für sechs Monate herrscht am Südpol Nacht, das Thermometer fällt auf bis zu Minus 80 Grad Celsius.