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Optische Täuschungen

Alles relativ

Optische Täuschungen tricksen unsere Wahrnehmung mit einfachsten Mitteln aus. Warum wir schnurgerade Linien als schief betrachten – und wie unser Gehirn noch ausgetrickst wird.

Text Katharina Montada Fotos Getty Images/Ray Massey (Möbiusschleife); flickr/Rikx (Gebäude); Getty Images/EyeEm/Anna Hernandez (Gleise); Wikimedia/Pbroks13 (Schachbrett) 

Sie sitzen im Zug, der gerade in den Bahnhof eingerollt ist. Während sie aus dem Fenster schauen, setzt sich der Zug schon wieder in Bewegung, obwohl noch gar nicht alle Passagiere ausgestiegen sind. Nach einigen Sekunden merken Sie, dass gar nicht der eigene Zug fährt, sondern der am Gleis gegenüber. Eine von vielen Wahrnehmungstäuschungen, die uns immer wieder im Alltag begegnen. Jeden Tag wird unser Gehirn mit Tausenden Sinnesreizen konfrontiert, die es verarbeiten und verständlich machen muss. Viele dieser Reize nehmen wir über unser Auge auf: Farben, Formen, Licht und Dunkelheit.

Wir interpretieren unsere Umwelt statisch, Objekte darin beweglich. Diese Wahrnehmung hat sich über Jahrtausende in unser Gehirn eingebrannt. Kommt etwas Unbekanntes hinzu, gleicht unser Gehirn es mit bereits bekannten Dingen ab. Die Konflikte, die dabei zwischen Reiz und Interpretation entstehen, nennen wir optische Täuschungen. Sie betreffen zum Beispiel unsere Wahrnehmung von Helligkeit, Farben, Größen und Perspektiven. Solche Täuschungen wurden mit der Zeit nicht nur von Wissenschaftlern entschlüsselt, sondern auch von Künstlern für faszinierende Foto- oder Bildmotive bewusst genutzt, um uns in die Irre zu führen.


RELATIVITÄT DER LINIEN – DIE CAFÉ WALL ILLUSION 

 

Im Jahr 1973 spazierte Steve Simpson, ein Mitarbeiter des Neuropsychologen Richard L. Gregory, durch das beschauliche Bristol. An der Außenfassade eines Cafés entdeckte er eine seltsame Anordnung von schwarzen und weißen Rechtecken, die durch graue, schräg erscheinende Linien voneinander getrennt waren. Gregory fand heraus, dass die Rechtecke lediglich trapezförmig aussehen. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um eine optische Wahrnehmungstäuschung. Eine einheitliche Erklärung, warum es zu dieser Täuschung kommt, gibt es bis heute nicht. Es wird unter anderem vermutet, dass die grauen Trennlinien zwischen schwarzen Feldern heller und zwischen weißen dunkler wahrgenommen werden. Die hellen Trennlinien verbindet unser Gehirn dann mit den Ecken der hellen Rechtecke, die dunklen mit denen der dunklen Rechtecke. So entsteht in unserem Gehirn der Eindruck von Neigung. Tatsächlich handelt es sich aber um verschobene schwarze und weiße Parallelreihen. Würde man diese wieder zusammenschieben, erhielte man ein sauberes Schachbrettmuster.


RELATIVITÄT DER GRÖSSE – DIE MÜLLER-LYER-TÄUSCHUNG

 

Viele von uns kennen die sogenannte Müller-­Lyer-Täuschung als eine Art Abbildung von Pfeilen. Die vom Psychiater Franz Müller-Lyer Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte Illusion besteht darin, dass eine horizontale Linie, die zwischen zwei Winkeln eingeschlossen ist, genau dann kürzer erscheint, wenn die Pfeilspitzen der Winkel nach außen zeigen (wie ein Pfeilmuster). Tatsächlich lässt sich dieses Phänomen aber auch wie hier im ersten Bild an Wänden erkennen. Beide durch Linien angedeuteten Wände sind gleich hoch. Eine genaue Erklärung gibt es für die Täuschung bislang nicht. Vermutet wird, dass es sich um eine mangelnde Abstimmung zwischen Hirn und Auge handelt. Andere beziehen sich auf das Emmertsche Gesetz, das einen Zusammenhang zwischen der Größe eines Objekts auf der Netzhaut, seiner Entfernung und der tatsächlich wahrgenommenen Größe beschreibt.
Eine andere Größenverschiebung lässt sich auch an der sogenannten Ponzo-Täuschung oder auch Railway Lines Illusion erkennen, zu sehen im zweiten Bild mit den Bahnschienen. Zwischen zwei parallele Linien, die wie Bahnschienen verlaufen, werden zwei gleich große, waagerechte Striche gelegt. Durch das Prinzip der Größenkonstanz erscheint der hintere Balken länger. Der Grund dafür: Die Abbildung der Bahnschienen wird räumlich wahrgenommen, der obere Balken befindet sich im Raum also weiter entfernt. Um als gleich groß wahrgenommen zu werden, müsste er daher kleiner sein, aufgrund der räumlichen Tiefe der Schienen wirkt er so aber größer.


RELATIVITÄT DER FARBEN – MUNKERSCHE TÄUSCHUNG

 

Erinnern Sie sich noch an das Bild eines Kleides, das im Jahr 2015 überall im Netz geteilt wurde? Manche behaupteten, das Kleid ist blau-schwarz, andere ließen sich nicht davon abbringen, dass das Kleid weiß-gold ist. Tatsächlich spielt uns unser Hirn auch in Sachen Farbwahrnehmung des Öfteren einen Streich. Schauen Sie sich die beiden Herzen im Bild an. Das eine ist rot und das andere gelb, oder? Falsch! Beide Herzen haben die gleiche Farbe, sie sind rot. Lediglich die Linien über dem rechten Herz sind nicht mehr blau wie links, sondern gelb. Genau diese Musterung ist dafür verantwortlich, dass wir die Herzen zunächst als unterschiedlich gefärbt ansehen. Unser Hirn gleicht die verschiedenen Farben miteinander ab: Farben werden immer in Abhängigkeit von ihrer direkten Umgebung wahrgenommen. Das nennt sich Assimilation. Vorbild für dieses Raster ist die Munker-­White-Täuschung von 1981.

 

 


RELATIVITÄT DER HELLIGKEIT – ADELSON SCHACHBRETT-SCHATTEN

 

Schon wieder ein Schachbrettmuster. Diesmal geht es aber nicht um Linien, sondern um Helligkeit. Diese wird von jedem sehr subjektiv wahrgenommen und basiert vor allem auf den Erfahrungen, die unser Gehirn in der Wahrnehmung von hell und dunkel gemacht hat. In der Dämmerung erscheinen Farben meist viel heller als bei starkem Sonnenlicht. Das ist der Grund, warum beispielsweise ein grauer Balken, der überall den gleichen Farbton hat, in einer hellen Umgebung dunkler wirkt als in einer dunklen. Ähnlich verhält es sich bei unseren Erfahrungen mit Licht und Schatten. Das Quadrat B liegt im Schatten des grünen Objekts. Unser Gehirn geht also davon aus, dass B heller ist als A, weil es ja erst durch den Schatten „dunkler“ gemacht wurde. Tatsächlich haben die Quadrate A und B die gleiche Helligkeit.