Herr Bazil, es heißt oft, Lachen sei die beste Medizin. Kann Humor in Krisenzeiten denn tatsächlich helfen, oder ist es eher so, dass es gerade dann nichts mehr zu lachen gibt?
Das hängt ziemlich stark davon ab, wie sie den Humor einsetzen. Ganz generell kann man sagen, dass Humor sowohl positive als auch negative Wirkungen entfalten kann. Das fällt uns im Alltag gar nicht so bewusst auf, ist aber für die professionelle Kommunikation essenziell.

Wodurch zeichnen sich die positiven Aspekte des Humors aus?

Humor kann zwei Dinge erzeugen: Nähe und Distanz. In Krisen geht es vor allem um die Distanz. Man muss sich das wie eine psychologische Abwehrstrategie vorstellen: Durch eine humorvolle Bemerkung oder einen Witz distanzieren wir uns von dem, was die Krisensituation so unangenehm macht. Dadurch sinkt unser Stresspegel und wir können besser mit der Situation umgehen – unsere Stimmung hellt sich auf.

Beobachten Sie diesen Effekt auch in der aktuellen Corona-Krise?
Ja, am Anfang der Krise tauchten zum Beispiel gehäuft Witze über das Hamstern von Klopapier auf. Meine Tante in Großbritannien bekam von Freunden zu ihrem Geburtstag sogar zwei liebevoll eingepackte Rollen geschenkt: ein humorvoller Akt, mit dem die Freunde die seltsame Stimmung während des Geburtstags aufs Korn nahmen und sich dadurch von ihr distanzieren konnten.

Und das hilft?
Auf jeden Fall. Wer Distanz aufbauen kann, ist der Situation nicht mehr so unmittelbar ausgeliefert. Und Humor bietet uns einen Weg, das zu tun. Wenn wir einen Witz reißen oder eine humorvolle Bemerkung machen, reflektieren wir über uns selbst und verschaffen uns so die nötige Freiheit. Genau diese Fähigkeit, durch Reflexion ein Stück Freiheit zu erlangen, macht uns Menschen doch aus.

Es gab auch Berichte über Menschen, die anderen ins Gesicht husteten und das witzig fanden. Oder über Witze, die sich gegen bestimmte Länder richteten.
Ja, das ist leider so. Humor kann auch ins Negative und Aggressive umschlagen. Es geht dann darum, sich über andere zu erheben, indem man sich über sie lustig macht.

Humor als Waffe?
Genau. Das hat es in der Geschichte immer wieder gegeben. Und das können wir auch im Alltag permanent beobachten. Man macht einen Witz auf Kosten eines anderen und würdigt ihn so herab. Das funktioniert, ist aber gesellschaftlich verpönt. Wer so agiert, darf sich nicht wundern, wenn er bald selbst zum Objekt des Gespötts wird.

 

 

Als Redenschreiber würden Sie von dieser Art des Humors wahrscheinlich abraten?
Auf jeden Fall.

Wie sieht es mit harmloserem Humor aus?
Das ist eine andere Sache. Humor und Witz können wie gesagt auch ziemlich befreiend wirken. Und anders als noch vor ein paar Hundert Jahren will das Publikum heute regelrecht unterhalten und auch zum Lachen gebracht werden. Insofern sind humorige Passagen in Reden heute hilfreich und je nach Anlass erwünscht.

Gilt das auch für die Krisenkommunikation?

In Situationen wie der aktuellen Corona-Krise muss man als Redner natürlich extra vorsichtig sein. Das gilt vor allem für die Politiker und Manager, die gerade extrem komplizierte Entscheidungen unter extremer Unsicherheit treffen und kommunizieren müssen. Ich würde den Humor aktuell eher hintanstellen. Wenn überhaupt, sollte er auf die eigenen Kosten gehen, indem man sich selbst auf die Schippe nimmt.

 

Zum Beispiel?

Jens Spahn hatte neulich bei einem Pressetermin Probleme, seine Atemschutzmaske richtig aufzusetzen. „Herr Spahn, die Maske ist verkehrt rum“ ruft ihm ein Begleiter zu, worauf hin der Gesundheitsminister die Maske richtig herum aufsetzt und sagt: „Wenn ich Sie nicht hätte“ und ein Lächeln huscht über die Lippen der umsetehenden Personen – erkennbar an den Augen. Das war eine humorige Situation.  

Wie sieht es mit Witzen aus?
Da gelten dieselben Regeln: höchstens auf eigene Kosten, nie gegen andere. Allerdings ist ein Witz nicht dasselbe wie Humor.

Sondern?
Witze sind Erzählungen, die man sogar auswendig lernen und dann immer wieder aufs Neue abspulen kann, ohne selbst eine witzige Person zu sein. Humor dagegen ist eine Charakterfrage: viel spontaner, viel situationsbezogener, viel persönlicher. Er ist auch weicher. Humor kann zum Witz werden, muss es aber nicht. Er kann auch in einer Handlung liegen, so wie bei den Klopapierrollen, die meine Tante zum Geburtstag geschenkt bekam.

Als wie wichtig würden Sie die Funktion von Humor und Witzen in Krisenzeiten, gerade für individualisierte und auf Spaß ausgerichtete Gesellschaften, bewerten?
Auch hier sollte man differenzieren. Spaß und Humor sind nicht das gleiche. Spaß ist vergänglicher, ein reines Mittel gegen Langeweile. Und Humor ist eher ein Zeichen von Freude als Spaß. Insgesamt würde ich sagen, dass die Rolle des Humors generell, aber auch in Krisenzeiten nicht unterschätzt werden sollte.

Wir haben bereits über die distanzierende Funktion gesprochen. Was ist mit der Nähe?
Wenn Menschen gemeinsam lachen, bestätigen sie damit auch ihre gemeinsamen Werte. Sie lachen ja über dieselbe Geschichte oder dieselbe Handlung. Insofern erleichtert Humor die Zusammenarbeit und stiftet Solidarität. Das kann gerade in schwierigen Situationen wichtig werden, weil es Gruppen zusammenschweißt.

Weil dann Insider-Witze entstehen?
Sozusagen. Das ist ein Mechanismus, den man gerade mit Sicherheit verstärkt in jenen Bereichen beobachten kann, die wir als kritische Infrastruktur bezeichnen und in denen die Leute besonders belastet werden: Krankenhäuser, Einzelhandel, Transport. Da entstehen dann Äußerungen und Witzeleien, die die Identität der Gruppen extrem prägen, für Außenstehende aber kaum nachvollziehbar sind.

Und wie hilft das der Gruppe?
An diesem Punkt wirken Nähe und Distanz dann zusammen. Die Insider-Witze reinigen die Stimmung und helfen dabei, dass die Situation nicht explodiert. Auch Kritik lässt sich durch humorvolle Anmerkungen besser anbringen. Insgesamt ermöglicht die Distanzierung durch den Humor also jene Nähe im Team, die gerade in Krisen dringend benötigt wird.


Dr. Vazrik Bazil ist Kommunikationsberater, Publizist und Dozent. Er war Jahre lang Präsident des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS). Als Referent hat er im Deutschen Bundestag und in mehreren Landesministerien gearbeitet und Reden für Politikerinnen und Politiker ebenso verfasst wie für Konzernchefs und mittelständische Unternehmen.