Was um die Ecke liegt, bleibt dem menschlichen Auge verborgen. Vivek Goyal, Elektrotechniker an der University of Boston, und sein Team wollten sich mit diesem Schicksal jedoch nicht zufriedengeben. Die Fähigkeit, um Ecken sehen zu können, hätte Vorteile für die Sicherheit und Navigation, schreiben die Forscher im Wissenschaftsmagazin „Nature“. Autonome Fahrzeuge etwa würden sicherer, Feuerwehrleute könnten in brennende Häuser schauen und Soldaten Gefahrenlagen besser einschätzen. Nun könnte ihre Vision Wirklichkeit werden.

2019 gelang es den Forschern, die Reflexion grober Bilder zu rekonstruieren. Ihr Erfolg fußt auf der Vermutung, dass sich gestreute Lichtstrahlen ordnen und zum Ursprung zurückverfolgen lassen. Denn ähnlich wie ein Spiegel wirft auch eine Wand Lichtstrahlen zurück. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Art und Weise der Reflexion. Prallen Lichtstrahlen auf eine glänzende Oberfläche, werden sie gebündelt reflektiert. Treffen sie jedoch auf eine raue Oberfläche, werden sie in alle Richtungen gestreut. Da das Auge diese Information nicht verarbeiten und sortieren kann, nimmt es nur eine verschwommene Reflexion wahr. Doch Goyal und sein Team haben einen Algorithmus entwickelt, der Ordnung in das Chaos bringt. Für ihren Versuchsaufbau platzierten die Forscher einen Monitor außerhalb des Sichtfelds. Auf der gegenüberliegenden Wand hinterließen die Lichtstrahlen eine verschwommene Reflexion, die Goyal mit einer Digitalkamera fotografierte. Anschließend übermittelte er das Bild an einen Computer. Schritt für Schritt rekonstruierte der Algorithmus, aus welcher Richtung die Lichtstrahlen kamen. Das Ergebnis: eine verpixelte und dennoch erkennbare Abbildung der Schildkröte Toad aus dem Videospiel Mario. Sie war auf dem Monitor um die Ecke zu sehen.Ein schärferes Bild erhielt das Bostoner Team, als es ein Hindernis zwischen Monitor und Wand drapierte. Weil so weniger Lichtstrahlen direkt auf die Wand treffen, erhält der Algorithmus mehr Informationen über die Richtung der Lichtstrahlen und kann sie leichter zurückverfolgen. Aber nicht nur wegen des rekonstruierten Bildes war Goyals Arbeit ein Erfolg. Für seinen Versuchsaufbau benutzte der Elektrotechniker eine handelsübliche Digitalkamera und einen Computer mit durchschnittlicher Rechenleistung. Mit dem einfachen und kostengünstigen Equipment bewies Goyal, dass die Technik in Zukunft handelstauglich werden könnte – auch wenn bis zur serienreifen Kamera, die um jede Ecke spähen kann, noch einige Hürden vor ihm liegen.