Wenn wir im strafrechtlichen Kontext über Schuld sprechen, sprechen wir über die Zuweisung von Verantwortung. Und darüber, dass der Staat das Recht hat, eine Strafe zu vollstrecken, wenn jemand gegen ein Gesetz verstößt. Eine Person für ihre Handlungen juristisch bestrafen zu dürfen, ist aber gar nicht so trivial. Die Person muss dafür einen Tatbestand, der im Gesetz steht, aktiv begangen oder durch Unterlassung begünstigt haben. Außerdem muss die Tat rechtswidrig sein und darf nicht durch Notwehr oder Einwilligung erfolgt sein. Zuletzt muss eine Person für ihre Tat verantwortlich gemacht werden können – also zurechnungsfähig sein und aus freiem Willen handeln. Erst dann ist jemand einer Straftat im rechtlichen Sinn schuldig und für sie verantwortlich.

Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen der Schuld im rechtlichen und im moralischen Sinn. Manchmal halten wir jemanden für moralisch schuldig, obwohl er es im rechtlichen Sinn nicht ist – und andersherum. Dieses Bauchgefühl ist tückisch, denn es wird allein durch unsere eigenen Werte geprägt. Deshalb empfinden wir Straftaten als unterschiedlich schwerwiegend. Über Schwarzfahrer oder Verkäufer von fünf Gramm Haschisch kann ich mich persönlich zum Beispiel kaum aufregen. In anderen Fällen entsteht Mitleid für den Täter, weil er genauso arm dran ist wie sein Opfer. Nicht selten sind es auch Verkettungen von ungünstigen Situationen oder gescheiterte Lebensentwürfe, die Straftaten begünstigen. Deshalb können wir menschlich und moralisch manchmal nachvollziehen, warum eine Person kriminell wird – selbst bei schweren Straftaten. In Zukunft kommen noch ganz andere Probleme auf die Rechtsprechung zu. Wer ist zum Beispiel schuldig, wenn eine künstliche Intelligenz jemanden verletzt? Maschinen selbst tragen ja momentan keine Verantwortung. Gleichzeitig emanzipiert sich Technologie und trifft eigene Entscheidungen. Handelt die Maschine dann nach freiem Willen? Per Gesetz ist genau das eine der Voraussetzungen, um für ein Geschehen die Verantwortung übernehmen zu können.

Einige Hirnforscher zweifeln darüber hi­naus ganz grundsätzlich die Existenz eines freien Willens an. Für sie werden Entscheidungen allein durch Neuronen gesteuert. Ohne freien Willen würde es dann auch keine Verantwortung geben. Aber wie soll eine Gesellschaft funktionieren, wenn niemand die Verantwortung für sein eigenes Handeln übernimmt?


Thomas Fischer, 67, ist Jurist und ehemaliger Bundesrichter in Karlsruhe. Für Zeit Online schrieb er bis 2017 die Kolumne „Fischer im Recht“ und beendete im selben Jahr seine Richterlaufbahn. Auch heute noch setzt sich Fischer in den Medien mit Rechtsfragen auseinander, etwa in seiner wöchentlich erscheinenden Spiegel-­Kolumne „Recht haben“, und veröffentlicht jährlich einen Kommentar zum Strafgesetzbuch.