DAS DILEMMA 

Bereits 1833 beobachtete der britische Ökonom William Forster Lloyd ein Verhalten, das noch heute viele Probleme der Welt charakterisiert. Lloyd war aufgefallen, dass sich etliche öffentlich zugängliche Weiden, sogenannte Allmenden, in einem erbärmlichen Zustand befanden: das Gras verkümmert, das Land mit Kuhfladen übersät, das Vieh ausgezehrt. Den Grund für die Übernutzung fand Lloyd in einem Dilemma, das er als Tragik der Allmende beschrieb.

 


EIN DILEMMA, VIELE TRAGÖDIEN

Im Jahr 1968 nahm der Ökologe Garrett Hardin den Gedanken Lloyds wieder auf und verfasste einen Artikel mit dem Titel „The Tragedy of the Commons“. Das ernüchternde Fazit Hardins: Der freie Zugang zu öffentlichen Gütern führt letztlich unausweichlich zu deren Ruin. Wissenschaftler nutzen das Konzept seitdem, um ganz unterschiedliche Probleme zu beschreiben. So lassen sich etwa die Überfischung der Meere, die Rodung der Wälder, die Verschmutzung von Gewässern, die Wilderei oder der Klimawandel im Kern auf das immer gleiche Dilemma zurückführen: Obwohl Menschen individuell rational handeln, schaden sie sich mit ihrem Verhalten im Ergebnis selbst. In der Fischerei steigt etwa die Fangmenge aller Fischer zunächst an, fällt danach aber ab, weil sich die Fischschwärme nicht schnell genug regenerieren können.

 


 

DIE IDEALE WELT

In einer idealen Welt schickt jeder Bauer nur so viele Kühe auf die öffentliche Weide, wie diese verkraften kann. Diese Wiese bietet beispielsweise 40 Kühen Platz. Halten die Landwirte die Grenze ein, wächst das Gras schnell genug nach und den Kühen geht es gut. Kurzfristig könnte die Wiese auch mehr Kühe ernähren, langfristig würde das die Wiese jedoch auszehren und zerstören.

 


 

Landwirt Smith hat eine Idee

Landwirt Smith weiß, dass die öffentliche Weide langfristig nur 40 Kühe ernähren kann. Er weiß aber auch, dass er mit einer größeren Herde mehr Geld verdienen würde. Was Landwirt Smith nicht weiß, ist, wie sich die benachbarte Landwirtin McDough verhalten wird. In der Hoffnung, dass Landwirtin McDough nur 20 Kühe schickt, sendet Landwirt Smith 40 Kühe auf die Weide. Kurzfristig würde ihn das bevorteilen.

 


 

Landwirtin McDough hat die gleiche Idee

Landwirtin McDough ist sich ebenfalls bewusst, dass die Wiese langfristig für höchstens 40 Tiere ausgelegt ist. Für eine Reparatur ihres Hauses benötigt sie aber Geld, das sie nur mit einer größeren Herde erwirtschaften kann. Um ihre Position zu stärken, schickt sie 40 Kühe zur Weide und hofft, dass Landwirt Smith nur 20 schickt. Der Vorteil läge dann bei ihr.

 


 

Die Tragik der Allmende

Landwirtin McDough und Landwirt Smith verfolgen die gleiche Logik: Um sich einen privaten Vorteil zu sichern, riskieren sie die Übernutzung der öffentlichen Weide. Das Ergebnis der individuell rationalen Gedankenspiele schadet im Ergebnis allerdings beiden Parteien: Das Gras wächst nicht schnell genug nach, übrig bleibt ein Feld aus Schlamm, die Kühe von Landwirtin McDough und Landwirt Smith hungern aus.

 


 

Wege aus der Tragödie

 

1

 

Der klassische Lösungsansatz ist die Vergabe von Eigentumsrechten. Ein Zaun teilt die Weide auf. Landwirtin McDough und Landwirt Smith sind eigenständig für ihren Teil der Weide verantwortlich. Dadurch ändern sich ihre Überlegungen. Langfristige Sicherheit überwiegt nun kurzfristige Vorteile. Beide senden nur noch 20 Kühe auf ihren Teil der Weide. Eigentumsrechte lassen sich jedoch nicht überall verteilen und durchsetzen. Was bei einer Weide funktioniert, scheitert bei der Abholzung des Regenwaldes etwa oft an den schieren Ausmaßen der Wälder.

 


2

 

Für manche Güter und Gebiete sieht das Völkerrecht kein Eigentum vor. Ein Großteil der Ozeane, die sogenannte Hohe See, oder die Atmosphäre gehören niemandem und allen zugleich. Für diese Fälle haben sich internationale Abkommen etabliert, die etwa Fangquoten für die Ozeane oder Emissionsgrenzen festlegen. Ein Problem dabei: Wer sich nicht an die Quoten hält, muss keine Strafe fürchten, weil die meisten Abkommen auf Freiwilligkeit beruhen.

 


3

 

Ein dritter Ausweg kommt ohne Staat und Eigentum aus. Wie die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom analysierte, schaffen es einige Gemeinschaften, öffentliche Güter nachhaltig zu nutzen. Damit das gelingt, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein, etwa gemeinschaftliche Entscheidungen, Sanktionsmechanismen oder gegenseitige Kontrolle.