Herr Professor Stepken, als Unternehmen in einer Krisenzeit die eigene Marke zu stärken, ist sicher eine große Herausforderung. Was haben wir besser gemacht als andere?

Ob wir etwas besser als andere gemacht haben, möchte ich nicht beurteilen. Ich weiß aber, dass wir einiges richtig gemacht und vielleicht schneller als andere reagiert haben. Immerhin waren wir mit unseren Standorten in China im Epizentrum des Ausbruchs der Krankheit. Mit diesen Erfahrungen haben wir gleich zu Beginn der Pandemie drei klare Ziele definiert: Erstens, dass die Gesundheit unserer Mitarbeiter und ihrer Angehörigen für uns das Allerwichtigste ist. Das war stets oberste Prämisse! Gleichzeitig war es uns aber auch wichtig, unser operatives Geschäft so weit wie möglich aufrechtzuerhalten. Auch während eines Lockdowns müssen Industrieanlagen, Kraftwerke oder Infrastruktur sicher sein! Unser drittes Ziel war, alle Arbeitsplätze zu erhalten.

Wie einfach oder schwierig war es, den Betrieb in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen und Abstandsregeln aufrechtzuerhalten?

Teilweise sehr aufwendig, da wir keine Kompromisse bei der Sicherheit unserer Mitarbeiter und unserer Kunden eingehen wollten. Wir haben zum Beispiel einerseits unser Netz an Fahrzeugprüfstellen åin Deutschland flächendeckend offen gehalten, aber sehr strikte Maßnahmen getroffen: zum einen physisch, also mit Absperrungen, Hygienemaßnahmen, Plexiglasscheiben und räumlichen Abtrennungen, zum anderen auch organisatorisch mit geteilten Schichten. Bei unseren Audits und Zertifizierungen sowie im Bereich Weiterbildung haben wir relativ schnell Dienstleistungen auch „remote“, also ohne physische Präsenz, angeboten. Das alles hat uns natürlich viel Geld gekostet. Aber ohne diese Maßnahmen hätten wir den Betrieb nicht fortsetzen können.

Hat es sich gelohnt?

Auf jeden Fall. Wir haben sehr positive Rückmeldungen von Kunden und auch von staatlichen Stellen bekommen. In Singapur sind beispielsweise unsere Aktivitäten bei der Unterstützung der Behörden zum Test von Schutzausrüstung und zum Wiederanlauf von Anlagen sehr positiv aufgenommen worden. Ebenso in Italien, wo wir während des gesamten strengen Lockdowns Lebensmitteltests und Prüfungen von petrochemischen Anlagen durchgeführt haben.

Wir sind schon mitten im Thema Verantwortung.

Ja, ich denke, wir haben in der Krise wirklich gezeigt, dass man sich auf uns verlassen kann. Ich bin unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr dankbar, weil sie mit großem persönlichem Einsatz und – trotz aller Schutzmaßnahmen – auch unter Inkaufnahme eines gewissen Restrisikos dazu beigetragen haben, dass die notwendige und öffentliche Infrastruktur weiter läuft. Viele der Menschen, die bei TÜV SÜD arbeiten, gehören zu denen, die systemrelevant sind, ohne dass groß darüber gesprochen wurde.

War die Krise auch eine Chance, der breiten Öffentlichkeit zu zeigen, wie viele Unternehmen und Menschen nötig sind, um unsere Gesellschaft am Laufen zu halten?

Die Krise hat auf jeden Fall das Bewusstsein dafür geschärft, wie wichtig bestimmte Dienstleistungen für die Gesellschaft sind. Wer hätte vor einem Jahr über so unscheinbare wie bedeutsame Tätigkeiten von Altenpflegern, der Müllabfuhr oder der Kassenkraft im Supermarkt diskutiert? Oder eben über die Menschen, die für technische Sicherheit sorgen? Die „Systemrelevanz“ hat auf einmal ein Gesicht bekommen.

Noch einmal zurück zur Verantwortung: Was zeichnet ein verantwortungsvoll handelndes Unternehmen aus?

Das ist nicht ganz leicht zu beantworten. Sicherlich ist das Thema Nachhaltigkeit in all seinen Facetten ein wichtiger Aspekt. Unternehmerisches Handeln, das sich gegen Menschen, die Gesellschaft oder die Umwelt richten würde, wäre unverantwortlich. Ganz wichtig finde ich auch die Wertschätzung gegenüber den Menschen, die im Unternehmen arbeiten. Daher gehört übrigens auch Wirtschaftlichkeit zu verantwortungsvollem unternehmerischem Handeln: Nur wer profitabel ist, kann in Innovationen investieren, um den Menschen im Unternehmen einen nachhaltigen Arbeitsplatz zu bieten und sie attraktiv bezahlen zu können.

Und wenn doch einmal ein Schaden entsteht? Wie übernimmt TÜV SÜD Verantwortung, wenn trotz vielfältiger Sicherungsmechanismen etwas passiert?

Unsere Mission ist es, Menschen und Umwelt vor technischen Risiken zu schützen. Entscheidend für uns ist die Identifikation der Schadensursache und die genaue Beschreibung der Risiken. Wenn ein technischer Unfall zum Beispiel durch eine unzureichende Norm entstanden ist, dann helfen wir, diese entsprechend anzupassen – oder die Prüfverfahren so zu verbessern, dass ein solcher Fehler nicht wieder entsteht. Dieser kontinuierliche Verbesserungsprozess, der auch mit einer stetigen Weiterbildung und Überprüfung der eigenen Prozesse im Haus einhergeht, ist ganz wichtig und auch ein Zeichen von Verantwortung.

Sie haben auch das Thema Nachhaltigkeit angesprochen. Ist TÜV SÜD ein nachhaltiges Unternehmen?

Das ist unser Anspruch, und zwar weltweit. Unser aktueller Nachhaltigkeitsstatus, den wir im Internet veröffentlicht haben, bietet einen guten Überblick zu unseren Aktivitäten. Das Thema ist quasi Teil unserer DNS: Seit über 150 Jahren schützen wir Menschen, Sachgüter und die Umwelt vor technischen Risiken und ermöglichen damit Fortschritt und sichern neue Technologien. Das ist der Grundgedanke von Nachhaltigkeit. Wir wollen unseren Beitrag leisten, um die Welt in allen Punkten zu einer sichereren, gerechteren und auf lange Sicht lebenswerteren zu machen. Natürlich haben wir einen kleineren Footprint als produzierende Unternehmen, aber auch den wollen wir zukünftig reduzieren. Auch die Vereinbarung der 17 Ziele für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen gibt hier wichtige und konkrete Ziele vor – bei deren Umsetzung können und wollen wir in unserer Branche und als Unternehmen einen wichtigen Beitrag leisten.

Was meinen Sie konkret?

Nehmen Sie als Beispiel das Ziel, nachhaltige und moderne Energie für alle Menschen zur Verfügung zu stellen. Die Weiterentwicklung regenerativer Energie kann nur funktionieren, wenn die gesamte nötige Infrastruktur sicher und zuverlässig ist. Dafür braucht es Unternehmen wie TÜV SÜD. Anfang dieses Jahres haben wir unsere Strategie zum Thema Wasserstoff weiterentwickelt. Damit wollen wir gezielt dazu beitragen, das Ziel der UN zu erreichen. Oder ein anderes Beispiel: das UN-Ziel sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen. Auch hier können wir einen Beitrag leisten. Unser Team in Singapur hat Standards für Toilettensysteme entwickelt, die ohne großen technischen Aufwand und ohne Kanalisation auskommen. Einfache, preiswerte Konzepte, die auch in den ärmsten Gegenden der Welt funktionieren – und damit Krankheiten verhindern. TÜV SÜD setzt sich in vielen Bereichen für nachhaltiges Handeln ein. Jeder Beitrag zählt, der auf das große Ganze einzahlt. Daran arbeiten wir konsequent und so übernehmen Verantwortung für die Welt von morgen.


Zur Person

Prof. Dr.-Ing. Axel Stepken ist seit 2007 Vorstandsvorsitzender der TÜV SÜD AG.