Wenn Ming Yang die Bedeutung von Wasser in seinem Beruf erklärt, redet er über Wasser, das bei der Gas- und Ölproduktion anfällt. Er erklärt, dass dieses sogenannte produzierte Wasser bei der Öl- und Gasförderung an Land und auf See zusätzlich zu den Rohstoffen aus dem Boden gewonnen werde und so umweltfreundlich wie möglich behandelt werden müsse. Ming Yang ist Berater bei TÜV SÜD NEL in Schottland und berät Öl- und Gasunternehmen auf der ganzen Welt in Sachen Wassermanagement. „Es geht darum, mit solchem Wasser so wirtschaftlich, sozial und umweltverträglich wie möglich umzugehen“, sagt er.

 

Wenn Mei Yee Chan über Wasser spricht, redet sie über Toiletten, die auch ohne Wasser, Strom und eine Kanalisation auskommen können. Darüber, wie sie gemeinsam mit ihrem Team einen neuen privaten technischen Standard für solche innovativen Sanitärtechnologien und -systeme entwickelt hat, und über ihre Rolle als technische Projektleiterin bei der Weiterentwicklung dieses Standards in eine ISO-Norm. In Singapur arbeitet Mei Yee schon lange als Programmmanagerin für Wasser, Sanitäranlagen und Hygiene (WASH). Sie weiß, dass auf der Welt immer noch 4,3 Milliarden Menschen keinen Zugang zu hygienischen Toiletten haben. „Saubere Toiletten sind der Schlüssel, um das Leben dieser Menschen zu verbessern, weil sie die Hygienestandards steigern und Krankheiten dadurch viel seltener ausbrechen“, sagt sie.

Mei Yee Chan, Abteilung Water Services. In Singapur beschäftigt sich Mei Yee Chan schon seit Jahren mit Sanitärtechnologie und entsprechenden Zertifizierungsprozessen.

Eine Materie, ein Ziel

Ming Yang und Mei Yee Chan arbeiten Tausende Kilometer voneinander entfernt. Und doch befassen sie sich mit der gleichen Materie: Wasser. Jenem Grundstoff, der für das Überleben von Pflanzen, Tieren und Menschen unverzichtbar ist. Dem klassischen Element, das unsere Welt seit Jahrmillionen prägt – aber in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker in Gefahr geraten ist.

 

In den Ozeanen wachsen riesige Inseln aus Plastikabfall heran und verschmutzen das Meer. Industrielle Prozesse hinterlassen verunreinigtes Wasser in Flüssen und Seen, das gereinigt und entsorgt werden muss. Bei Ölbohrungen wird neben Öl auch verunreinigtes Wasser aus den Tiefen unserer Erde gefördert.

Dr. Ming Yang, Leitender Berater. Für TÜV SÜD NEL in Schottland berät Dr. Ming Yang Öl- und Gasunternehmen auf der ganzen Welt bei Fragen zum Wassermanagement.

In vielen Teilen der Welt müssen Millionen Menschen ohne sicheres Trinkwasser aus der Leitung und saubere Sanitäranlagen auskommen. Und in Industrieländern, wo die Menschen jederzeit Zugriff auf sauberes Wasser haben, nehmen Hacker und Kriminelle die dafür notwendige Infrastruktur immer öfter ins Visier.

 

Wer sich mit Menschen wie Ming Yang oder Mei Yee Chan über solche Themen unterhält, ist überrascht, an welch unterschiedlichen Orten TÜV SÜD für sicheres und sauberes Wasser sorgt. Gleich an mehreren Fronten kämpfen die Mitarbeiter von TÜV SÜD dafür, die verschiedenen Herausforderungen zu meistern.

 

Die Kontrolle behalten

Ming Yang geht die Herausforderungen seines Jobs in Glasgow und bei Kunden auf der ganzen Welt an. Im Auftrag von TÜV SÜD NEL hilft der Berater Öl- und Gasproduzenten dabei, produziertes Wasser aus der Öl- und Gasförderung so ökonomisch und effizient wie eben möglich zu verwerten. Denn wenn Öl und Gas aus großen Tiefen an die Erdoberfläche gelangen, wird als Nebenprodukt auch Wasser aus kilometertiefen Erdschichten nach oben befördert. Weil es während der Förderung mit Öl und Chemikalien in Kontakt kommt, ist dieses produzierte Wasser mit löslichen organischen Stoffen, Salz, Produktionschemikalien, Schwermetallen und radioaktiven Stoffen versetzt.

 

„Produziertes Wasser ist ein unvermeidliches Nebenprodukt der Öl- und Gasförderung“, erklärt Ming Yang. „Aber wir können steuern, wie das Wasser anschließend behandelt, weiterverwendet oder entsorgt wird.“ Ming Yang verfolgt dabei für seine Auftraggeber vor allem drei Ziele: möglichst wenig Wasser überhaupt an die Oberfläche gelangen zu lassen, möglichst viel Wasser erneut in der Produktion wiederzuverwenden und das Wasser mit so wenig Auswirkungen wie möglich in die Umwelt zu entlassen.

 

Eine Aufgabe, die es in sich hat. Weltweit sprudeln pro gefördertem Barrel Öl im Schnitt vier bis fünf Barrel produziertes Wasser mit nach oben. Schätzungen zufolge werden so jeden Tag 400 Millionen Barrel produziertes Wasser gewonnen. Umgerechnet sind das mehr als 60 Milliarden Liter, so viel wie in rund 16.000 50-­Meter-Schwimmbecken passt.

Je nach Art der Erdölgewinnung variieren zudem die Anforderungen an das Wassermanagement enorm. Bei der Förderung auf dem Land werden etwa 90 Prozent des Wassers wieder in die Öllagerstätten injiziert, bei der Offshore-Produktion ist es weniger als ein Drittel.

Für TÜV SÜD berät Ming Yang die Öl- und Gasproduzenten, wie sie die beste Lösung für das produzierte Wasser aus ihrer spezifischen Förderanlage finden können. Letztlich kommt es bei jedem Ölfeld auf eine ganzheitliche Lösung an. „Die Bewirtschaftung des produzierten Wassers erfordert einen multidisziplinären Ansatz“, sagt er. Reservoiringenieure arbeiten mit Unterwasseringenieuren, Produktionschemikern und Umweltexperten zusammen. „Nur wenn wir zusammen die geografische Lage, die Produktionsgeschichte und das Profil der Anlage berücksichtigen, ist es möglich, das produzierte Wasser richtig zu bewirtschaften und Öl und Gas nachhaltig zu produzieren.“

 

6 Tausend Wasserversorger gibt es in Deutschland.
15,9 Prozent des weltweit produzierten Stroms stammen aus Wasserkraft. Damit ist sie die drittwichtigste Energiequelle.
89 Prozent des produzierten Wassers werden bei der Erdölgewinnung an Land innerhalb der Förderanlage wiederverwertet.

Neuerfindung der Toilette

In Singapur arbeitet Mei Yee Chan seit Jahren an einem ganz anderen Thema. Daran, wie man innovative Sanitärtechnologien so gestalten kann, dass sie auch ohne Kanalisationsanschluss und Zugang zum Wasser- und Stromnetz sichere Ergebnisse für die menschliche Gesundheit und die Umwelt garantieren. „Es geht darum, Lebensbedingungen nachhaltig zu verbessern und einen echten Unterschied zu machen“, sagt sie. Noch immer müssen weltweit 4,3 Milliarden Menschen ohne Zugang zu sauberen Sanitäranlagen auskommen. Weil vielen Ländern das Geld für ein funktionierendes Wasser- und Kanalisationsnetz fehlt, landen die Fäkalien mitsamt allen Keimen oft im Grundwasser oder direkt auf der Straße. Allein bei Kindern unter fünf Jahren fordert das jedes Jahr mehr als 350.000 Todesopfer.

 

„Wer dieses Problem löst, löst gleichzeitig unzählige andere mit“, sagt Mei Yee Chan. Verschmutzte Sanitäranlagen lösen oft Krankheitswellen aus. Das schwächt die Wirtschaft und verhindert dringend benötigte Investitionen. Schätzungen zufolge zahlt sich jeder investierte Dollar in Sanitäranlagen bis zu 30-fach aus. Das Geschäftsvolumen für autark funktionierende Toiletten wird im Jahr 2030 laut Prognosen bei sechs Milliarden Dollar liegen.

 

Um solche nicht entwässerten Sanitärsysteme ohne Zugang zur Kanalisation flächendeckend aufzubauen, werden allerdings Richtlinien benötigt. „Standards sind notwendig, um neuen Produkten und Innovationen den Weg in die Kommerzialisierung zu erleichtern, weil sie den Herstellern verlässliche Vorgaben machen“, sagt Mei Yee Chan. TÜV SÜD erhielt dafür von der Bill & Melinda Gates Foundation Zuschüsse für mehrere Projekte, darunter die Entwicklung technischer Standards für nicht entwässerte Sanitärsysteme, die ohne Wasser und Strom auskommen. TÜV SÜD entwickelte zunächst den privaten technischen Standard, der dann in die neue ISO-Norm 30500 transformiert wurde.

 

Das Besondere der neuen Norm: Im Gegensatz zu herkömmlichen Standards reflektiert sie nicht bloß den aktuellen Stand der Technik, sondern schreibt eine Zielrichtung für die Entwicklung neuer Sanitärkonzepte vor. „Das ist ein Paradigmenwechsel, weil wir so mithilfe eines Standards Innovationen vorantreiben“, sagt Mei Yee Chang. Dabei gibt der Standard keine exakten technischen Umsetzungen vor, sondern definiert lediglich, welche Leistungsanforderungen die neuen Systeme erfüllen müssen.

Weil die Entwicklung des privaten Standards sowie der ISO-Norm so erfolgreich verlaufen ist, wartet aktuell schon der nächste Auftrag auf Mei Yee Chang und ihre Kollegen: Diesmal sollen Anforderungen für die massenhafte Aufbereitung von Fäkalienschlamm hin zu Rohstoffen formuliert werden. „Das ist der nächste Schritt, um den Teufelskreis aus Gesundheitsproblemen zu durchbrechen, der sich aus der schlechten Hygiene in vielen Entwicklungsländern ergibt“, sagt sie.

 

6 Milliarden Dollar Marktvolumen wird für Toiletten, die ohne Wasser- und Stromanschluss funktionieren, für das Jahr 2030 prognostiziert.
530.000 Kilometer Rohre sorgen in Deutschland für die Versorgung mit Trinkwasser.
432.000 Menschen sterben laut WHO jeden Monat an Durchfallerkrankungen, die durch unhygienische Sanitäranlagen ausgelöst werden.

Da geht noch mehr

Aber nicht nur Mei Yee Chan und Ming Yan beschäftigen sich in ihrem Arbeitsalltag mit Wasser. Auch viele Kollegen, die eigentlich in anderen Bereichen arbeiten, haben immer wieder damit zu tun. Einer von ihnen ist Rainer Seidlitz. An der TÜV SÜD Akademie in München arbeitet er als Produktmanager und entwickelt Trainings für Cybersicherheit.

 

Seit Kurzem bietet er auch einen Pilot-Training an, das sich speziell an Betreiber kritischer Infrastruktur, also zum Beispiel Energieversorger, Krankenhäuser oder Wasserwerke, richtet. „Es gibt mittlerweile ein Grundrauschen von Angriffen, bei denen ausgetestet wird, wie sicher ein IT-System ist", sagt er. „Danach kann aber ein ernsthafter Angriff folgen.“ Betroffen davon sind Industrieanlagen, aber auch Bereiche kritischer Infrastruktur wie die Wasser- oder Stromversorgung. Allein im Jahr 2017 attackierten Hacker laut Lagebericht des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik in Deutschland 157 Anlagen aus dem Bereich kritische Infrastruktur. „Wir wollen Mitarbeiter aus solchen Betrieben auf Cyberangriffe vor­bereiten“, sagt Seidlitz.

 

Schon heute sorgt TÜV SÜD also an vielen Ecken dafür, dass unsere Wasserversorgung sicher und sauber bleibt und man – wie bei den Toiletten – im Zweifel auch einmal auf sie verzichten kann. In Zukunft werden sicherlich noch mehr Gebiete dazukommen.


TÜV SÜD UND WASSER

 

Wasser ist unser Prüfmittel der Wahl ...

... und zwar seit mehr als 150 Jahren. Bei den Druckkesselprüfungen beispielsweise wird Wasser eingefüllt und verdichtet, um zu testen, ob die Kessel auch hohem Druck standhalten. Der große Vorteil: Anders als Luft ist Wasser kaum komprimierbar und eignet sich daher besonders gut für die Tests, die so gefahrlos gemacht werden können.

 

Wasserqualität

Unsere Prüfer testen die Wasserqualität in Schwimm­bädern.

 

Wasserpionier

Gefrorenes Wasser ergibt … klar: Eis! Carl von Linde war nicht nur Gründungsmitglied des Bayerischen Dampfkesselrevisionsvereins, sondern auch der Erfinder von Lindes Eismaschinen. Das so gewonnene Eis wurde damals für die Kühlung in Brauereien dringend benötigt.

 

Wasserkraft

Das 1924 in Betrieb genommene Walchenseekraftwerk nutzt den Höhenunterschied zwischen zwei bayerischen Seen zur Energiegewinnung. Elektrische Anlagen und Kraftwerke werden von TÜV SÜD (beziehungsweise den Vorläuferorganisationen) bereits seit 1899 betreut.

 

Wasserersparnis

Innovative Gebäudetechnologie macht’s möglich: Unser Bürogebäude NEWTON in München wird mittels Grundwasser geheizt und gekühlt. Dabei entstehen nicht nur Vorteile für die Umwelt, sondern auch für den Mieter, weil Energiekosten gesenkt werden.

 

Wasserspaß

Unsere Experten für Produkttests aus dem Hamburger Labor sind spezialisiert auf Schlauchboote, Kanus, Luftmatratzen und SUPs.

 

Wasserbad

Wasserrutschen in Schwimmbädern, Freizeitparks und Erlebnisbädern werden von den Sachverständigen von TÜV SÜD Industrie Service auf ihre Sicherheit hin überprüft. Einmal Probe rutschen ist vorgeschrieben und Bestandteil des Prüfprogramms.