Interview

„Alle Unternehmen brauchen eine Alienabteilung“

Frank Salzgeber bringt technologische Innovationen der Raumfahrt auf die Erde. Im Gespräch verrät der Leiter des Bereichs Technologietransfer der Europäischen Weltraumorganisation, was Unternehmen von der Raumfahrt lernen können und warum Inspiration von außen wichtig ist.

Interview Tino Scholz  Fotos Judith Jockel

 

Herr Salzgeber, was würde passieren, wenn der Mensch zu bequem für Innovation würde?

Wenn wir aufhören zu erforschen, hören wir auf, zu leben und uns weiterzuentwickeln.

So drastisch?

Ja, leider. Ein Baum, der aufhört zu wachsen, hat begonnen zu sterben. Weil wir das nicht erleben wollen, forschen wir weiter. Zum Glück. Denn ich möchte mir nicht vorstellen, dass meine Kinder in einer Welt aufwachsen, die nicht innovativ ist. Deshalb erziehe ich sie mit Mut zum Risiko. 

Eigenschaften, die die moderne Raumfahrt sehr gut beschreiben. Ist die Weltraumforschung prädestiniert für Innovationen, auf die zuvor keiner gekommen ist?

Das trifft sicherlich zu. Denn in der Raumfahrt treten manchmal Probleme auf, für die es noch keine Technologie gibt. Im Weltraum herrschen verschärfte Bedingungen, da müssen die Ingenieure sehr kreativ sein. Gleichzeitig müssen sie Produkte entwickeln, die perfekt funktionieren. Natürlich haben diese dann auch auf der Erde ihre Berechtigung. Unser Ansatz bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA ist es, diesen Transfer anzubahnen. Unternehmen sollten sich Innovationen aus dem All zunutze machen – die Fenster aufmachen, frische Luft reinlassen. Wir müssen es wieder lernen, Innovation von außen nach innen zu bringen und kreative Prozesse anzustoßen.

Take-Off

Take-Off

Salzgeber ist sich sicher, dass wir bald zum Mars fliegen werden. Er zeigt schon mal, wie.

 

 

Wie etwa beim Akkuschrauber, einer Innovation der NASA?

Das ist ein Paradebeispiel. Alles, was in einer Rakete mit nach oben gebracht wird, sollte nicht zu schwer sein. Das alles kostet viel Geld. Eine Steckdose gibt es auch nicht. Die Lösung für Reparaturarbeiten war der Akkuschrauber. Dass er später auch auf der Erde diesen Erfolg haben würde, wusste man aber nicht. 

 

Dabei ist die Idee recht einfach.

So wie bei den meisten gelungenen Transfers. Nehmen Sie die Raumsonden, die dafür entwickelt wurden, um auf dem Mars oder dem Saturnmond Titan zu landen. Das ist ein komplexer Bereich, die Sonden haben eine sehr eigene Form. Wie der Potato Chip auch. Sonden und Kartoffelchip sollen beim Eintritt in die Atmosphäre beziehungsweise beim Befüllen der Tüte heil bleiben. Ein Unternehmen wollte das Befüllungstempo in die Tüten beschleunigen, doch es kamen keine Chips raus, sondern nur Brösel. Also wurde das Wissen und die Software recycelt, mit der man berechnet, wie die Raumkapseln in die Atmosphäre eintreten. Das Befüllungstempo der Tüten konnte um 50 Prozent gesteigert werden – die Chips blieben heil.  

 

Sie sind Leiter des Bereichs Technologietransfer der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), sorgen also für den Transfer des Weltraumwissens auf die Erde. Sind Sie die größte Recyclingmaschine der Welt?

Wir sind die buntesten, die Aliens der ESA. Wir arbeiten ja mit der raumfahrtfernen Industrie zusammen. Ich finde, alle Unternehmen brauchen eine Alienabteilung. Eine, die auch wachrüttelt und unbequem ist.

 

Warum?

Es ist wichtig, alte Denkmuster aufzubrechen. Wir müssen uns über eines im Klaren sein: Die Evolution, auch in der Geschäftswelt, ist brutal. In der Mechanik lernt man: Ein neues System erzeugt Reibung. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn Sie etwas Neues machen und es entsteht keine Reibung, machen Sie etwas falsch.

 

Was ist die Lösung?

Wir selbst sind oft das größte Hindernis für Innovation. Ingenieure, Wissenschaftler und Forscher entwickeln manchmal einen Tunnelblick, der vielleicht auch mit den Anforderungen unserer schnelllebigen Gesellschaft zu tun hat. Dabei muss man einfach Dinge auch einmal ändern,  und zum Beispiel Leute nach zehn Jahren in eine andere Disziplin versetzen, um neue Reize zu schaffen. Die Firma, die das macht, muss sich über ihre Zukunft keine Sorgen machen. Das Unternehmen, welches das nicht macht, versperrt sich neuen Einflüssen und wird schnell von der Realität eingeholt.


Ist diese Denkweise des interdisziplinären Transfers vielleicht die wichtigste Innovation Ihrer Abteilung?

Ich finde: ja. Es ist wichtig, sich zu fragen: Wie mache ich aus einer Innovation drei Erfolge, drei Produkte? Wir sind heutzutage so sehr auf Effizienz getrimmt: Warum also nicht auch in der Adaptierung von Raumfahrttechnologie?

 

Wer stellt diese Überlegungen an? Gehen Sie auf die Unternehmen zu? Oder andersherum?

Sowohl als auch. Um kleinere Firmen und Start-ups für Transferprojekte zu gewinnen, organisieren wir Wettbewerbe oder nehmen an  Gründerevents teil. Wir haben in den meisten Ländern auch Mittelsleute, die sich um den Technologietransfer kümmern. Sie sind unser erweiterter Vertriebskanal. Sie versuchen, in der Industrie und in Instituten herauszufinden, was gebraucht wird. Wir gleichen die größten Probleme ab und fragen: Was lässt Sie nachts nicht schlafen? 

 

Und dann?

Dann schauen wir in unser Portfolio, was wir für Lösungen haben könnten und stellen die Kontakte zur Zulieferindustrie her. Danach kommen die Projekte. Unsere Rolle besteht meistens darin, zwei Parteien zusammenzubringen. Denn man muss wissen: Der Transfer ist das eine, das Businessmodell das andere. So ein Produkt will ja schließlich auch verkauft werden. 

Was muss passieren, damit Dinge, die für den Weltraum erschaffen wurden, auf der Erde genutzt werden können? 

Ich glaube, dass es zwischen Boden und Weltraum keinen großen Unterschied gibt. 400 Kilometer Höhe, auf der sich etwa die Internationale Raumstation ISS befindet, sind nicht weit. Vier Lichtjahre dagegen schon. Nehmen Sie die Idee eines Start-ups, das das Luft-Recycling-System der ISS nutzt. Damit wird im Weltraum die ausgeatmete Luft der 
Astronauten in Sauerstoff verwandelt, sodass längere Raumflüge möglich sind. Die Firma wendet dieses System nun auf der Erde an und entzieht der Atmosphäre CO2. Damit versorgt sie verschiedene Branchen, die hoch konzentriertes Kohlendioxid benötigen. Etwa Gewächshäuser, wo das CO2 wie Dünger wirkt. Oder es wird als Gas in kohlesäurehaltigen Getränken genutzt. 

Eigentlich naheliegend.

Wir sollten nicht immer zu komplex denken, sondern viel öfter wie ein Kind. Kinder fragen viel, oft auch Banales. Das ist eine Attitüde, die wir auch brauchen: nichts vorverurteilen. Ich sage immer: no Fear, little Respect. Unternehmen sollten wissen, dass das Ausprobieren wichtig ist. Deshalb gefällt mir Google mit seiner Moonshot-Abteilung sehr gut. Dort wird es auch belohnt, wenn ein Projekt scheitert.

Plasma-Pommes

Warum sollte man freiwillig scheitern wollen?

Scheitern geht einher mit Risiko. Und Innovationen bedingen stets auch riskante Ansätze. Ich glaube, im Vergleich zu den USA haben wir in Europa einen Nachteil: Wir lassen kaum Fehler zu. Bei der ESA unterstützen wir 140 neue Start-ups pro Jahr, deren Überlebensrate beträgt über 80 Prozent. Mir ist das zu hoch. Wir gehen nicht genügend Risiko ein. In jedem Unternehmen muss eine Nische erlaubt sein, wo man Fehler machen darf. Daraus lernt man. Wenn man clever ist.

Wohin führt uns die Cleverness der ESA irgendwann?

Da sind wir wieder beim Anfang: Innovation sorgt dafür, dass wir uns immer weiterentwickeln. Unser Technologietransfer trägt seinen Teil bei. Wer weiß, vielleicht auch dazu, dass unsere Kinder irgendwann zum Mond und zum Mars fliegen werden. Denn: Technologietransfer ist keine Einbahnstraße. Technologie kann auch verbessert von der Erde zurückkehren zur Raumfahrt. Ich bin sehr gespannt: Wenn man sich ein Bild der Milchstraße ansieht, ist die Erde ein kleiner Punkt. Ich finde, das Universum braucht mehr Menschlichkeit. 

Haben Sie Ihre Sachen schon gepackt?

Ich glaube, für diese Epoche bin ich leider zu alt. Wenn ich aber die Möglichkeit hätte, würde ich es machen. Noch heute!


TÜV SÜD im Weltall

Welche Rolle TÜV SÜD bei der Mars-Mission der ESA spielt, lesen Sie in unserer Publikation zum 150. Firmenjubiläum.