Foto: Karsten Kronas

Interview

„Ein Quell zum besseren Verständnis der Wege in die Zukunft“

Der Historiker Martin Sabrow hat den Überblick, wenn es um Tradition geht – ein Thema, das TÜV SÜD im Jahr 2016 ebenfalls sehr beschäftigte. Denn das Unternehmen feierte in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen. Ein Gespräch über Selbstinszenierungen, Melancholie und das Nebeneinander von Nachah­mung und Distanzierung.

Interview Julia Illmer  Fotos Karsten Kronas

Herr Professor Sabrow, die Vergangenheit ist abgeschlossen; Gegenwart und Zukunft können wir gestalten. Ist das Erinnern, an das, was war, vergeudete Zeit?

Wenn Sie die Vergangenheit als abgeschlossen definieren, viel­leicht schon. Aber, ich bin mir überhaupt nicht sicher, dass die Vergangenheit abgeschlossen ist. Ich glaube, die Vergangenheit ist ebenso veränderlich wie die Zu­kunft. Wir erleben doch fast jeden Tag, wie Vergangenheit neu inter­pretiert wird.

 

Die Beschäftigung mit der Ver­gangenheit bietet also immer wieder neue Einsichten.

Ja, außerdem ist die Beschäfti­gung mit der Vergangenheit keine vergeudete Zeit, weil sie uns eine gewisse Sicherheit in einer sich beschleunigenden oder unsicheren Welt gibt. Denn die Vergangenheit ist eine Ressource einer Erkennt­nis, woher wir kommen. Und zu guter Letzt ist die Vergangenheit ja auch ein Quell zum besseren Ver­ständnis der Wege in die Zukunft.

 

Wie können wir aus der Vergangenheit Erwartungen an die Gegenwart oder die Zukunft ableiten?

Das geschieht auf unterschied­liche Weise. Zum Beispiel, wenn man das Gefühl hat, dass in der Vergangenheit die Ansprüche an das Leben nicht befriedigt wur­den, und man sein Leben plant, indem man sich auf die falsch gestellten Weichen besinnt. Eine zweite Möglichkeit ist das Beru­fen auf eine stolze Tradition und eine mimetische, also nachah­mende, Haltung. Dann gibt es noch einen dritten Umgang mit der Vergangenheit, den kathar­tischen, der auf die Distanz zu ihr setzt.

 

Lassen Sie uns einen Blick zu­rückwerfen: Wann sind Jubilä­en entstanden?

Ihren Ursprung haben Jubiläen im antiken Judäa, also im bib­lischen Zeitalter. Damals wurde mit einem Blasinstrument aus „Jobelhorn“, das ist das hebrä­ische Wort für Widder, das Er­lassjahr eröffnet. Alle 50 Jahre fand solch ein Jobeljahr statt, in dem Ablass für Kredite, Zinsen, Verschuldung, Insolvenzen und so weiter gewährt wurde. Aus diesem Jobeljahr hat sich das päpstliche Jobel- oder Jubeljahr entwickelt, das von Sünden befreit. Nach der Re­formation wollte man diesem päpstlichen Jubeljahr etwas Ei­genes, Protestantisches entge­gensetzen. Man feierte seit dem 18. Jahrhundert die Wiederkehr der Reformation im Jahr 1517 alle fünfzig Jahre.

 

TÜV SÜD feierte im Jahr 2016 das 150-jährige Bestehen. Warum blicken Traditionsun­ternehmen gern zurück?

Nachdem Goethe- und Schil­lerfeiern in Mode gekommen waren und die Universitäten ihre Jubiläen feierten, begann auch die Privatwirtschaft im 19. Jahrhundert, Jubiläen für sich zu entdecken. Anlass war aber nicht mehr der Ablass oder die Entlastung der Käufer von ihren Altschulden. Von Bedeutung war vielmehr die Vergewisserung des eigenen Alters und der Kontinu­ität. Dieser Rückblick auf eine gradlinige Tradition wurde mit dem Versprechen verbunden, dass dieser Weg in der Zukunft weiter gegangen wird. 

Zur Person Martin Sabrow

Zur Person Martin Sabrow

Fragen wie „Warum blicken wir immer zurück?“, beschäftigen Martin Sabrow seit Jahrzehnten. Er ist Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Martin Sabrow wurde 1954 in Kiel geboren.

Der Ausbruch des Ersten Welt­kriegs, die Reichspogromnacht, die Befreiung des Kon­zentrationslagers Auschwitz– wie gehen wir in Deutschland mit tragischen Ereignissen um?

Wir sprechen hier von Trauer- oder Mahnjubiläen. Wir begehen sie als Jubiläen, aber im Sinne der Einkehr, und unterlaufen da­mit den Grundgedanken von Ju­biläen. Die Konjunktur des Jubi­läums in Deutschland hat damit zu tun, dass es geglückt ist, neben eine mimetische, auf Kontinui­tät bedachte Tradition auch eine kathartische zu setzen, eine rei­nigende, distanzierende. Und es ist gelungen, auch sie mit dem Jubiläumsbegriff zu verbinden, sodass es uns gelingt, Jubiläen zu feiern, ohne dass wir wie re­aktionäre Geschichtswiederholer oder Vergangenheitssehnsüchtige aussehen müssen.

 

Was ist die Herausforderung bei Jubiläumsfeiern?

Feierjubiläen haben etwas leicht Ironisches. Es schwingt ein Moment von Selbstdistanzierung mit. Das merken wir auch bei den persönlichen Jubiläen. Wir begehen unseren 50. Geburts­tag mit einer gewissen lächeln­den Melancholie, denn wir wis­sen schon: Das Alter bürgt nicht nur dafür, dass alles besser wird, sondern zeigt uns auch, dass et­was zur Neige geht. Diese leichte Doppelbödigkeit des Jubiläums scheint mir für Jubiläumsfeiern wichtig zu sein.

 

Trotzdem nutzen Firmen Jubiläen, um sich selbst zu inszenieren. Wie geht es den Gästen?

Wir leben in einem aufgeklärten Geschichtszeitalter und können den Kontinuitätsgedanken des Jubiläums nicht voll teilen. Wir sehen die Inszenierungen ganz gerne, aber wissen auch, wie viele Schritte Unternehmen zu machen hatten, um ihre heu­tige Gestalt zu haben, und wie unsicher die Zukunft ist. Die ge­radlinige Firmengeschichte, die Jubiläen vermitteln, ist selten wirklich haltbar. Und selbst bei Institutionen, wo das der Fall ist, sieht man, dass sich im Ver­lauf der Firmengeschichte vieles ereignet hat, was in Jubiläen gerne ausgespart wurde. Wenn wir uns die Aufarbeitungsge­schichte des 20. Jahrhunderts anschauen, hat sich das aber sehr stark verändert. Das Be­kenntnis zu historischen Lasten zählt heute auch in der Privat­wirtschaft zu Faktoren, die man sogar am Markt einsetzen kann. Das gilt vor allem für die Aufar­beitung der NS-Diktatur.

 

Was empfinden Sie als typisch deutsch, wenn Sie an Jubiläen denken?

Typisch ist, dass wir das Ka­thartische und das Mimetische zusammendenken. Das unter­scheidet Jubiläen in Deutschland möglicherweise von Jubiläen, wie man sie in anderen Ländern kennt, die mit einer weniger ge­brochenen Vergangenheit umzu­gehen haben.

 

Hilft uns das Erinnern, uns in der Welt zurechtzufinden?

Wir haben früher eher saisonal gelebt, da wiederholte sich in der Vorstellung das ganze Leben von der Saatbestellung bis zur Ernte in Zyklen. Seit der Neuzeit zer­fallen diese Sozialbeziehungen in starkem Maße und die Erfahrung, die man hat, nützt nicht mehr so viel wie früher, um die Zukunft zu antizipieren. Man wechselt die Stadt, den Arbeitsplatz, den Fa­milienverband. So entsteht dieser Auseinanderfall von Erfahrungs­welt und Erwartungshorizont, wie der Historiker Reinhart Ko­selleck dies einmal ausgedrückt hat. Dem versucht man auf ver­schiedene Weise zu begegnen: durch Zukunftsforschung, durch Geschichte, durch wissenschaftli­che Beobachtung überhaupt und durch Traditionsvergewisserung. Dazu gehört auch das mimetisch angelegte Jubiläum.

 

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Die Unternehmensgeschichte von TÜV SÜD finden Sie in der Publikation „150 Jahre TÜV SÜD 1866–2016. Einblicke und Meilensteine“.