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Sanitäranlagen

Saubere Sache

Weltweit haben zweieinhalb Milliarden Menschen keinen Zugang zu hygienischen Sanitäranlagen. Ein Problem, das Menschen krank macht und wodurch sie schneller sterben.

Text Tino Scholz 

Es war ein Etappenziel für Jack Sim. Seit 2001 kämpft der Unternehmer aus Singapur mit seiner World Toilet Organization (WTO) für das, was er eine „sanitäre Grundversorgung“ nennt: hygienische Toiletten für jeden Menschen, überall auf der Welt. Anfangs für sein Engagement belächelt, schaffte es Sim am 24. Juli 2013 in die Generalversammlung der Vereinten Nationen. An diesem Tag beschlossen die 193 Mitgliedstaaten des Gremiums einstimmig, den 19. November zum UN-Welttoilettentag zu erklären. Seither rückt das Problem, das in vielen Ländern nur Wohlhabende Zugang zu sanitären Anlagen haben, einmal im Jahr ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Laut WTO leben rund 2,5 Milliarden Menschen auf der Welt ohne ausreichende sanitäre Grundversorgung. Sie sind beispielsweise gezwungen, ihre Notdurft im Freien zu verrichten.

Mit beharrlicher Arbeit   und viel Engagement haben Jack Sim und die WTO ein Thema auf die politische Agenda gebracht, über das die meisten Menschen nur hinter vorgehaltener Hand sprechen. Dabei gehört das Ausscheiden von Kot und Urin zum Menschen dazu wie Atmen, Essen oder Trinken. Und so wie die Aufnahme von verschmutzter Luft oder verdorbenen Lebensmitteln krank macht, ist auch die mangelnde Hygiene durch fehlende Toiletten gefährlich: Fäkalien können das Grundwasser verschmutzen und krank machen. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO geht von rund 800.000 Fällen tödlicher Durchfallerkrankungen pro Jahr aus, vor allem bei Frauen und Kindern. Laut WTO sterben weltweit sogar mehr Kinder an Durchfall, der oft auf schlechte sanitäre Anlagen zurückzuführen ist, als an HIV, Malaria und Masern zusammen. Bis 2030, so fordern die Vereinten Nationen, soll es daher für jeden Menschen erschwinglich sein, Zugang zu sauberen Sanitäranlagen zu haben.

 

Riesige Herausforderungen.

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Riesige Herausforderungen.

Megacitys wie Mumbai kämpfen aufgrund des Zustroms von Hunderttausenden Menschen mit Sanitärproblemen.

Zentrale Rolle für Standards

Die Bedeutung hygienischer Toiletten für die Gesundheit der Menschen hat auch die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung erkannt. Sie hat 2011 die „Reinvent the Toilet Challenge“ gestartet – und TÜV SÜD zwei Jahre später als technischen Experten ins Boot geholt.

Die Aufgabe des Teams um Dr. Andreas Hauser, den Leiter des TÜV SÜD-Bereichs Water Services: Die Entwicklung neuer Technologien begleiten, weltweit gültige Standards formulieren und dadurch eine schnellere Marktakzeptanz erreichen. „Neue Technologien müssen nicht nur entwickelt werden, sondern auch kommerzialisiert und gemäß der Marktmechanismen in die Märkte gebracht werden“, sagt Hauser. „Hier spielen Standards eine zentrale Rolle.“ Das TÜV SÜD-Team ist weltweit in Kontakt mit Forschungseinheiten, Herstellern, Konsumenten und Standardisierungsbehörden.

Die sanitäre Grundversorgung ist ein globales Thema – die Probleme sind aber von Region zu Region ganz verschieden: So sind beispielsweise die klassischen Abwassersysteme Europas oder der USA mit ihren Wasserspülungen und den weitvernetzten unterirdischen Abwasserrohren für viele trockene oder dünn besiedelte Regionen keine Lösung. Denn wo Wasser knapp ist, kann man es nicht einfach die Toilette herunterspülen. In Entwicklungsländern kommt noch erschwerend dazu, dass diese Länder sich die erforderliche Infrastruktur schlichtweg nicht leisten können.

Die „Reinvent the Toilet Challenge“ setzt daher auf die Entwicklung von innovativen, anpassungsfähigen Sanitärsystemen. „Es geht hierbei um Toiletten, die nicht an das Abwassernetz angeschlossen sind und die die menschlichen Exkremente direkt im Produkt Toilette behandeln – und zwar so, dass keine Gefahr für Gesundheit und Umwelt besteht“, erklärt Andreas Hauser.

 

HERAUSFORDERUNG MEGACITY 

Eine weitere Lösung: moderne Vakuumtoiletten, bei denen die Fäkalien mithilfe von Unterdruck in spezielle Behälter geleitet werden. Das zur Spülung notwendige Wasser kann hier weitergenutzt werden: In einer Biogasanlage kann daraus Energie und Wärme gewonnen werden. Die Gärreste aus der Biogasanlage wiederum können als Dünger in die Landwirtschaft gehen.

Besonderes Kopfzerbrechen bereiten den vielen Experten die wachsenden Megacitys der Entwicklungsländer – Orte, an denen auf dichtem Raum eine hohe Zahl an Menschen zusammenlebt. In den Armenvierteln Mumbais beispielsweise teilen sich nach Angaben lokaler Behörden mindestens 58 Menschen eine Toilette. Diese Zahl kann aber – je nach Distrikt – auf bis zu 1.000 Personen steigen. „Der Fokus unserer Arbeit liegt daher definitiv auf den Städten, zumal die Landflucht die Dynamik verschärft und hier auch keine Umkehr zu erwarten ist“, sagt Andreas Hauser.

Er propagiert für die Ballungsräume der Zukunft sogenannte Omniprocessors. Dies sind Anlagen, die für 100 bis 100.000 Menschen konzipiert werden und autark laufen, also nicht ans Abwasserbeziehungsweise. Stromnetz angeschlossen werden müssen. Auch hier sollen Exkremente kompostiert und wiederverwertet werden. Der Düngerverkauf soll genug Geld einbringen, um den Betrieb der Omniprocessors zu finanzieren.

Eines auf jeden Fall ist sicher: Die Zeiten, in denen einfach eine Grube hinter dem Haus gegraben wurde, sollen bald der Vergangenheit angehören. Das sehen auch die Vereinten Nationen so. In ihren Millenniumszielen fordern sie unter anderem, dass bis 2020 erhebliche Verbesserungen der sanitären Lebensbedingungen von mindestens 100 Millionen Slumbewohnern erreicht werden.

Für Andreas Hauser von TÜV SÜD ist klar: „Es ist vor allem der Einsatz sicherer Technik, mit dem diese Ziele und ein gesundes Leben erreicht werden können.“